Vor knapp einem Jahr berichteten Forscher, sie hätten Signale aus der ersten Sekunde des Universums registriert – sogenannte Gravitationswellen. Doch nun stellt sich heraus, dass die Messungen nicht den Qualitätsstandards der Physik genügen.
Stuttgart - Die Kritiker behalten recht: Die Signale aus der ersten Sekunde des Universums, die ein Team um John Kovac von der Harvard University gemessen haben will, sind doch keine. Die nobelpreisverdächtige Entdeckung genügt nicht den Qualitätsstandards der Physik. Das meldet die Europäische Raumfahrtagentur (Esa). Eine entsprechende Studie, an der Kovac und sein Team beteiligt sind, ist beim Fachmagazin „Physical Review Letters“ eingereicht worden.
Vor knapp einem Jahr hatte Kovacs Team seine Messung auf einer Pressekonferenz vorgestellt – etwas verfrüht, wie manche Kollegen kritisierten, denn sie hatte noch nicht den in der Fachwelt üblichen Begutachtungsprozess durchlaufen. Die Astrophysiker sagten damals, sie hätten in der kosmischen Hintergrundstrahlung ein Muster entdeckt, das auf Gravitationswellen hinweist, die in den ersten Sekundenbruchteilen des Universums entstanden sind. In dieser Zeit dehnte sich das Weltall explosionsartig aus und versetzte dabei die Raumzeit in Schwingung. Diese Schwingungen werden Gravitationswellen genannt: Sie müssten auch heute noch durch das Weltall rasen und könnten Forschern Aufschluss geben über die Prozesse, unter denen sie entstanden sind. Allerdings stauchen und strecken sie den Raum nur um eine kaum messbare Winzigkeit.
Muster in der kosmischen Hintergrundstrahlung
Diese Wellen nachzuweisen wäre ein direkter Beleg für die Theorie des Urknalls vor 13,8 Milliarden Jahren. Kovac und seine Kollegen wollten den Beleg gefunden haben: in einem charakteristischen Muster in der kosmischen Hintergrundstrahlung. Das ist eine schwache Strahlung, die aus allen Richtungen des Alls zu kommen scheint und die auch ein wenig zu dem Schnee beiträgt, den man bei einem schlecht eingestellten Fernseher empfängt. Ihr müssten die Gravitationswellen gewissermaßen ihren Stempel aufgedrückt haben.
Doch das Muster, das Kovac und seine Kollegen registrierten, kann auch auf andere Weise entstanden sein: Auch Staub zwischen den Sternen unserer Galaxie kann ein wenig Wärme abstrahlen, die der kosmischen Hintergrundstrahlung ähnelt. Kovacs Team hatte daher mit dem Teleskop Bicep2, das direkt am Südpol steht, einen Bereich des Himmels untersucht, in dem wenig Staub vermutet wurde. Doch Messungen mit dem europäischen Satelliten Planck widerlegen nun diese Annahme.
Das kommt nicht unerwartet. Eine vorläufige Analyse hatte schon im September Kovacs Team wenig Hoffnung gemacht. Nun haben die Physiker beider Teams gemeinsam – der Artikel verzeichnet 274 Autoren – ihre Analyse publiziert. Der Effekt des Staubs sei größer, als Kovac und seine Kollegen gedacht hatten, lautet ihr Fazit. Deshalb seien die Hinweise auf die Gravitationswellen nicht so deutlich, wie man es für eine eindeutige Entdeckung erwarten würde. Mit anderen Worten: die Belege reichen nicht aus; die Suche nach den Gravitationswellen geht daher weiter.