Asyl Flucht endet in der Sporthalle

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Als erster Landkreis in Baden-Württemberg hat der Landkreis Esslingen jetzt eine Turnhalle mit Flüchtlingen belegt. In Esslingen-Zell sind 100 Asylbewerber untergebracht.

Jeweils drei  Flüchtlinge teilen sich  in der Schulsporthalle in Esslingen-Zell eine der  35 nach oben offenen Kabinen. Da bleibt wenig Raum für die Privatsphäre. Foto: Horst Rudel
Jeweils drei Flüchtlinge teilen sich in der Schulsporthalle in Esslingen-Zell eine der 35 nach oben offenen Kabinen. Da bleibt wenig Raum für die Privatsphäre. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Baschar hatte 21 Jahre lang keinen Grund gehabt, mit seinem Namen zu hadern. Jetzt ist er über Nacht zur tödlichen Bedrohung geworden. „Den IS-Terroristen wäre mein Vorname Grund genug gewesen, um mich zu töten“, sagt er. Die Namensgleichheit mit dem syrischen Präsident Baschar al-Saddat kommt einem Todesurteil gleich. Baschar ist geflohen und über Algerien, Libyen und Italien in der Sporthalle des Berufsschulzentrums in Esslingen-Zell gestrandet – gemeinsam mit weiteren 100 Schicksalsgenossen. Der Großteil der Männer kommt wie er aus Syrien, der Rest aus Pakistan, Gambia und Eritrea.

„Wir haben notgedrungen die Sporthalle belegen müssen“, sagt Thomas Eberhard, der als Dezernent im Landratsamt zuständig ist für Infrastrukturfragen. Auf die dieser Tage am häufigsten gestellte Frage allerdings fallen ihm kaum noch Antworten ein: „Wohin mit den Asylbewerber, die dem Landkreis Esslingen vom zentralen Aufnahmelager in Karlsruhe aus zugewiesen werden?“ In diesem Monat sind es 213, bis zum Jahresende werden es 1900 sein und Ende des kommenden Jahres hochgerechnet rund 3500.

300 Plätze fehlen bis Ende des Jahres

„Damit fehlen uns trotz der Belegung der Sporthalle bis Ende Dezember rund 300 Unterkunftsplätze“, sagt Eberhard, der nicht ausschließen will, dass auch die Landkreishallen in Nürtingen und in Kirchheim mit Flüchtlingen belegt werden könnten. Es sei ein Unding, sagt er, dass das Land die Asylbewerber streng nach Quote verteile, ohne Rücksicht auf die Situation in den Landkreisen zu nehmen, klagt der Dezernent. Im Kreis Esslingen, der über wenig Fläche und viele Einwohner verfüge, sei der Wohnungsmarkt der guten Wirtschaftslage wegen leer gefegt. Die wenigen theoretisch geeigneten Wohnheime seien zudem mit Stuttgart-21-Bauarbeitern belegt.

Wenigstens ist der Landkreis bei den Schulleitern in Esslingen-Zell auf Verständnis gestoßen. „Wir sehen die Notsituation der Menschen und begreifen das als soziale und humanitäre Aufgabe“, sagt Thomas Fischle, der Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Schule, auch stellvertretend für die Kollegen der John-F. Kennedy-Schule und der Friedrich-Ebert-Schule. Immerhin könne an den drei beruflichen Gymnasien, an denen Sport auch Prüfungsfach im Abitur sei, der Sportunterricht in der benachbarten städtischen Halle gegeben werden. Für die Schüler der anderen Schularten falle der Sport aus.

Kochstellen im Gymnastikraum

Dort, wo früher der Ball rollte, stehen jetzt 35 Kabinen aus speziell mit Brandschutzbeschichtung versehenen Grobspanplatten. Rund 15 Quadratmeter messen die zum Hallendach hin offenen Einheiten, die sich jeweils drei Flüchtlinge teilen müssen. Im Gymnastikraum sind zehn Kochstellen aufgebaut. Die Toiletten waren schon da – in den Umkleideräumen für die Sportler.

Wenn die Arbeiterwohlfahrt, der der Landkreis die Sozialbetreuung der Flüchtlinge übertragen hat, die aktuelle Bewerbungsrunde abgeschlossen hat, werden sich zwei hauptamtliche Sozialhelfer um die Belange von Baschar und seinen Leidensgenossen kümmern. „An dieser Halle lernen wir alle“, sagt Julie Hoffmann, die Leiterin des Awo-Sozialdienstes. Ihren Worten zufolge sei eine der dringlichsten Aufgaben, eine Kleiderkammer für die nur unzureichend ausgestatteten Flüchtlinge anzulegen. Auch fehlten Fahrräder, um den Männern wenigstens ein Minimum an Bewegungsfreiheit zu gewährleisten.

Das Leben besteht aus Warten

Wenn es darum geht, den Männern einen Gesprächstermin für das Anhörungsverfahren in Aussicht zu stellen, muss allerdings auch Julie Hoffmann passen. „Wir betreuen Flüchtlinge, die warten jetzt schon seit 17 Monaten auf ihre Anhörung. Die Zentrale in Karlsruhe ist mit der Aufgabe total überfordert“, sagt die Sozialpädagogin. Ohne Anhörung bewegt sich im Asylverfahren gar nichts. „Das Leben eines Flüchtlings besteht aus Warten“, stellt Julie Hoffmann lapidar fest.

Immerhin, so dürfte sich Baschar in einem ruhigen Moment sagen: Das Leben . .