Asylbebewerber in Baden-Württemberg Südwestfirmen würden gern mehr Flüchtlinge einstellen

Von Anne Guhlich 

Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert von den Unternehmen mehr Einsatz bei der Integration von Flüchtlingen. Die Politik dürfe den Spieß jetzt nicht umdrehen, warnen baden-württembergische Wirtschaftsvertreter. Wenn sie keine Flüchtlinge einstellen, hat das einen bestimmten Grund.

Integration durch Arbeit: Merkel will im September mit den Konzernchefs darüber diskutieren, wie mehr Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt vermittelt werden können. Foto: dpa
Integration durch Arbeit: Merkel will im September mit den Konzernchefs darüber diskutieren, wie mehr Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt vermittelt werden können. Foto: dpa

Stuttgart - Die baden-württembergische Industrie hält es für ungerechtfertigt, dass Politiker mehr Engagement der Unternehmenbei der Flüchtlingsintegration fordern. „Die Unternehmen bemühen sich nach Kräften, die Neuankömmlinge in die Firmen zu integrieren, aber das braucht einfach Zeit“, sagte Eberhard Koch, der Präsident des Landesverbands der Baden-Württembergischen Industrie (LVI), unserer Zeitung. „Es ist doch nicht so, dass wir hier einfach einen Schalter umlegen können, und dann passt plötzlich alles.“ Das größte Hindernis seien die mangelnden Sprachkenntnisse der Flüchtlinge. „Hier fehlt es an Sprachlehrern.“

In der schwarz-roten Regierungskoalition gibt es Unzufriedenheit darüber, dass viele Betriebe bislang nur wenig Flüchtlinge einstellen. Merkel will am 14. September mit führenden Wirtschaftsvertretern darüber sprechen, wie Migranten besser in Arbeit gebracht werden können. Bereits vor einigen Wochen hatte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) die Chefs der Dax-Konzerne aufgefordert, mehr Flüchtlinge zu engagieren. Auch Merkel betont, das Engagement müsse ausgebaut werden. „Wir können in den Betrieben jetzt nicht die Tore aufmachen und jeden aufnehmen“, sagte Peter Kulitz, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), unserer Zeitung. „Wir brauchen schon die Möglichkeit, den Menschen auf Deutsch oder auf Englisch grundlegende Unterweisungen zu vermitteln.“ Die Bereitschaft, Flüchtlinge einzustellen, sei bei den baden-württembergischen Firmen groß, so Kulitz. „Aber wir können keine Schulbänke in den Betrieben aufstellen.“ Es sei Aufgabe des Staates, den Menschen Deutschkenntnisse zu vermitteln. „Hier jetzt den Spieß umzudrehen geht zu weit.“

Einheitliches Konzept gefordert

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) will für das Land ein einheitliches Konzept erarbeiten: „Die Integration von Geflüchteten wird nur gelingen, wenn auch ihre Eingliederung in die Wirtschaft, als Fachkräfte, aber auch als Gründer, gelingt“, sagte sie. „Deshalb sollte es von Anfang an nicht nur um Fragen der Grundbedürfnisse gehen, sondern auch um die kulturelle Heranführung an unsere Wirtschafts- und Lebensweise“, so die Ministerin. „Wir brauchen ein in sich stimmiges Konzept statt einer Vielzahl von Einzelmaßnahmen. Ich werde deshalb alle im Ministerium laufenden Maßnahmen auf den Prüfstand stellen.“

Eberhard Koch ist der Geschäftsführer der Pforzheimer Witzenmann GmbH, die Metallschläuche, Kompensatoren und Fahrzeugteile herstellt. Er könnte bis zu zwölf Praktikanten- oder Ausbildungsstellen an Flüchtlinge vergeben, hat bislang aber nicht die passenden Kandidaten gefunden. „Wir brauchen Geduld“, sagt er.

Die deutsche Wirtschaft beschäftigt nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Frühjahr mehr als 136 000 Menschen aus Asylherkunftsländern. Dabei handelt es sich aber nur in den wenigsten Fällen um die im Vorjahr eingereisten Flüchtlinge. Viele der aus den Asylherkunftsländern stammenden Beschäftigten sind schon länger in Deutschland.