Asylbewerber Der Bann von 1991 wirkt: Es gibt keine Ausländer

Korrespondenten: Katja Bauer (tja)
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„Und jetzt“, sagt Skora, „zeigen sie im Fernsehen auch noch die alten Bilder.“ Seit Oktober ist das so. Da hat der Landkreis beschlossen, dass die Stadt ein Asylbewerberheim bekommt, vermutlich öffnet es im Januar für 120 Menschen. Eigentlich ein normaler Vorgang für eine Große Kreisstadt, ringsum gibt es Heime, und hier steht eine Schule leer. Aber er wirkt, der Bann von 1991. Es gibt hier keine Ausländer.

Auch jetzt hört man in der Stadt Stimmen voll eigenartiger Vorsicht, die dafür plädieren, mit Hoyerswerda „sensibel“ umzugehen, hier weniger Asylbewerber unterzubringen oder keine. Das würde Menschen, die ohnehin traumatisiert sind, vor schrecklichen Erlebnissen schützen, sagen die einen. Und es würde bedeuten: die Nazis hätten gewonnen, nach 22 Jahren.

Skora will das nicht. Er sagt, dass Hoyerswerda eine ganz normale Stadt mit ganz normalen Aufgaben sei – zumindest was die rechte Szene angeht, ist der Ort beileibe nicht der braunste Fleck in Sachsen. Der Verfassungsschutz zählt 25 bis 30 gewaltbereite Neonazis, mit Zulauf.

Dem Sozialneid die Spitze nehmen

Aber da ist die Geschichte – und die bietet einen gewaltigen Resonanzboden. Man muss befürchten, dass Rechte den Boden nutzen. Und dann ist die Frage: Was machen die Menschen von Hoyerswerda diesmal? Es gibt nicht wenige, die wollen, dass ihre Stadt es diesmal besser macht. Der Bürgermeister sagt, es sei viel getan worden, die Aufarbeitung habe, wenn auch verzögert, stattgefunden. Skora redet darüber, dass schon damals die meisten in der Stadt mit den Ereignissen nichts zu tun hatten. Er redet über das vor Jahren von Bürgern gegründete Bündnis für Zivilcourage. Über den künstlerischen Wettbewerb für ein Denkmal zur Erinnerung. Der Bürgermeister hat extra eine Hotline eingerichtet, eine Mailadresse. Die Anfragen hielten sich in Grenzen. „Die meisten schweigen wohl“, sagt er. „Ich kann ja nicht in ihre Köpfe schauen.“ Es gab ein Bürgerforum, zu dem 300 Leute kamen. „Vergleichsweise sachlich“ sei das gewesen. Skora will das Heim vor dem Einzug der Flüchtlinge einen Tag für alle öffnen, damit jeder sich ein Bild machen kann von den Lebensumständen. Er hofft, dem Sozialneid, der Zündstoff ist, damit die Spitze zu nehmen.

Ob das klappt? „Wenn die Menschen sich einen Sündenbock für ihre Lebenssituation suchen, dann protestieren sie nicht gegen die Herrschenden“, sagt Grit Maroske. „Das ist doch so gewollt.“ Maroske sitzt im Gemeindehaus der evangelischen Kirche, gemeinsam mit Pfarrer Jörg Michel und einigen Vertretern der Stadt. Im Herbst haben sie ein Bürgerbündnis gegründet. „Hoyerswerda hilft mit Herz“, heißt es. Sie wollen Vorurteile abbauen und vor allem dagegenhalten – gegen das, was jetzt schon an Fremdenhass aus dem Internet in die Wirklichkeit schwappt.

Die Hetze folgt immer demselben Schema

Seit den ersten Gerüchten im Sommer machen dort Leute auf mehreren Seiten Stimmung gegen Ausländer. „Sie hetzen, und sie verdrehen Fakten, es geht wirklich zur Sache“, sagt Grit Maroske. Die Hetze folgt demselben Schema wie bei den Gegnern der Heime in Berlin-Hellersdorf, in Schneeberg im Erzgebirge, in Lauchhammer in Brandenburg. Unter dem Deckmäntelchen einer sogenannten Bürgerinitiative wiegeln Rechtsextremisten – oft aus dem Umfeld der NPD – gegen die Neuankömmlinge auf. Die Behauptungen sind immer dieselben: Asylbewerberheime ließen die Kriminalität steigen, es würden Krankheiten eingeschleppt, das Geld, das für Fremde ausgegeben werde, stehe „uns Deutschen“ nicht zur Verfügung, das Land werde überfremdet von Menschen, die gezielt in die Sozialsysteme einwanderten – alles durchmischt mit rassistischen Sprüchen und Verunglimpfungen gegen „antideutsche“ Unterstützer. Im Internet wird aus der schweigenden eine schäumende Mehrheit.

In Grit Maroske kommen die Erinnerungen hoch. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, die Stimme wird wacklig und leiser. Maroske ist 44 Jahre alt, hat die Ausschreitungen als junge Frau erlebt. „Die Bilder vergesse ich nie. „Ich hab mich damals scheiden lassen, weil mein Mann mitgeklatscht hat. Er war einer von denen, die dabei waren, die ich kenne und heute noch auf der Straße treffe.“

Auch in der Gegenwart zerbrechen wieder Freundschaften, jetzt schon, bevor der erste Asylbewerber angekommen ist. Grit Maroske saß neulich mit Freunden in einer Kneipe. Es gab Streit. Zwei verließen wutentbrannt das Lokal. „Ich hab die Freundschaft mit beiden beenden müssen. Menschen, die so rassistische Dinge sagen, das geht nicht“, sagt Maroske.

Oft ist sie schockiert darüber, wie Hoyerswerdaer sich äußern – nicht nur im Schutz der Anonymität des Netzes. „Es sind Freundinnen, Verwandte, Bekannte, die Sätze sagen wie: Ich will hier keine Ausländer.“ Viele seien uninformiert. In den vergangenen Wochen war das Heim in vielen Gesprächen bestimmendes Thema. „Wenn ich das Gefühl habe, etwas ausrichten zu können, argumentiere ich“, sagt Maroske.

Ein Klima der Angst

Auch Pfarrer Michel glaubt, dass, wer so tut, als sei in Hoyerswerda bis auf zwei Dutzend gewaltbereite Neonazis eigentlich alles gut, die Dinge nicht beim Namen nennt. Er will die Menschen an die Möglichkeit erinnern, barmherzig zu sein. Und er will verhindern, „dass die Rechten unsere Stadt wieder vergewaltigen“. Dazu, so denkt er, müsse man offensiv mit der Realität umgehen. Zu der gehören die Aufkleber und Schmierereien von Nazis, dazu gehört das Klima der Angst, von dem ihm Jugendliche berichten, die sich als links definieren, dazu gehört die dumpfe Fremdenfeindlichkeit.

Und dazu gehört, was sich vor einem Jahr in Hoyerswerda abgespielt hat – und erst Wochen später überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde: eine Vertreibung. Ein Ehepaar, das sich politisch als antifaschistisch versteht und seit Jahren immer wieder die Naziaufkleber von Laternen und Bushaltestellenhäuschen kratzt, wurde Opfer von etwa einem Dutzend Neonazis. Die verschafften sich nach allem, was bisher bekannt ist, Zutritt zum Flur des Mehrfamilienhauses, drehten den Strom ab und donnerten gegen die Wohnungstür.

Sie sollen dem Paar mit Vergewaltigung und Tod gedroht haben. Kein Anwohner reagierte, die Polizei kam – und wartete auf Verstärkung. Die Beamten griffen nicht durch. Erst nach zwei Stunden gelang es, die Angreifer vom Tatort wegzulotsen. Das verängstigte Ehepaar verließ daraufhin die Stadt und lebt seither an einem geheimen Ort – nach Aussagen der Opfer habe die Polizei ihnen das empfohlen. Die Darstellungen gehen in diesem Punkt auseinander. Der Polizei allerdings war das Geschehen nicht einmal eine ausführliche Mitteilung wert. Der Bürgermeister erfuhr erst einen Monat später von der Tat, als der MDR darüber berichtet. Der Polizeisprecher ließ sich mit den Worten vernehmen: „Es ist einfacher, zwei Personen von einem Ort zu einem anderen, sicheren Ort zu verbringen, als 30 Personen zu bewachen.“

Mitte Januar kommt der Fall in Hoyerswerda vor Gericht. Etwa zur selben Zeit wird mit den Asylbewerbern gerechnet.




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