Asylbewerber Hoyerswerda und der Fremdenhass

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Vor 22 Jahren vertrieb ein entfesselter Mob Hunderte Asylbewerber. Die Stadt hat den Horror lange totgeschwiegen. Nun sollen wieder Flüchtlinge hier leben. Ein Besuch bei Menschen, die nicht wollen, dass sich Geschichte wiederholt.

Die Angst der Bewohner war groß vor 22 Jahren. Tagelang wurde ein Asylbewerberheim in der Thomas-Müntzer-Straße in Hoyerswerda von Neonazis belagert. Im Januar soll in der Stadt wieder ein Asylbewerberheim eröffnet werden. Foto: dpa
Die Angst der Bewohner war groß vor 22 Jahren. Tagelang wurde ein Asylbewerberheim in der Thomas-Müntzer-Straße in Hoyerswerda von Neonazis belagert. Im Januar soll in der Stadt wieder ein Asylbewerberheim eröffnet werden. Foto: dpa

Hoyerswerda - Wenn Stefan Skora jemandem seine Stadt erklären will, dann bittet er sein Gegenüber manchmal, die Augen zu schließen. Der Oberbürgermeister fragt dann: „Was fällt Ihnen zu Hoyerswerda ein?“ Die Leute machen irgendwann ihre Augen wieder auf, und Skora kann es an ihren Gesichtern ablesen. „Vielen seh ich an, dass ich sie erwischt habe. Sie denken nur an 1991.“

Hoyerswerda im September vor 22 Jahren. Eine ganze Woche lang wütet ein Mob durch die Stadt und greift Ausländer an. Alles beginnt mit einer Menschenjagd. Neonazis treiben am 17. September mehrere Vietnamesen über den Markt. Die Gejagten flüchten in ein Wohnheim für DDR-Vertragsarbeiter. Erst Dutzende, später Hunderte Menschen versammeln sich vor dem Haus. Sie brüllen „Deutschland den Deutschen“. Sie brüllen „Sieg Heil“. Es fliegen Steine, Scheiben splittern, einer wirft den ersten Brandsatz. Nachbarn, Schaulustige versammeln sich. Beobachten alles, klatschen Beifall. Die Bewohner des Heims sind ihre ehemaligen Kollegen im Braunkohletagebau. Die Polizei kommt erst nach Stunden an den Tatort. Sie tut nichts.

Die Ausschreitungen verlegen sich auf ein Asylbewerberheim. Das geht über Tage so. Zeitweise stehen zwischen 500 und 600 Menschen vor dem Heim. Das Fernsehen sendet Bilder, redet mit Bürgern. Die sprechen über „Ausländer, denen der Zucker in den Arsch“ geblasen werde, über „Negerschweine“, die in ihrer „deutschen Stadt“ nichts zu suchen haben und „raus sollen“, „mit Gewalt, so geht es am schnellsten“.

Der dünne zivilisatorische Firniss ist gerissen

Deutschland schaut zu. Der zuständige Landkreis kommt nach Tagen zu der Einschätzung, „dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann“. Am 23. September werden die Bewohner unter Polizeischutz aus der Stadt gebracht. Neonazis feiern Hoyerswerda als „erste ausländerfreie Stadt Deutschlands“. Über Jahre werden Asylbewerberheime in Deutschland zum Angriffsziel. In Hoyerswerda ist der dünne zivilisatorische Firniss gerissen, der bisher das Schlimmste verhindert hatte.

Wie geht man mit so einer Geschichte um? Hoyerswerda hat sich lange für eine Lebenslüge entschieden: der Mob, das waren die anderen. Neonazis aus ganz Sachsen, aus dem Westen. Und eigentlich ging es ja um sozialen Protest – binnen weniger Wochen verloren in der Lausitz Tausende ihren Arbeitsplatz, Menschen, die von heute auf morgen in einem anderen System leben mussten, wurden ihrer bisherigen Lebenssicherheit auf vielen Ebenen beraubt. Und überhaupt: dass Hoyerswerda eigentlich überall ist, zeigten ja die Ereignisse.

Der Oberbürgermeister würde lieber über anderes sprechen

Klappe zu. „In Hoyerswerda hat viele Jahre kein Mensch über all das geredet“, sagt Stefan Skora. Auch jetzt würde der Oberbürgermeister lieber über anderes sprechen. Über den Stadtumbau, über den demografischen Wandel. Über die einzige Chance dieser ausgebluteten Kleinstadt, deren größter Teil in der DDR auf dem Reißbrett entstand, und die sich nach der Wende wieder praktisch halbiert hat: Menschen willkommen heißen.

Skora, 53 Jahre, graues Haar, ernster Blick, einst selbst im Tagebau Schwarze Pumpe beschäftigt, sitzt im großen Saal des historischen Rathauses direkt am Markt. Vor sich auf dem riesigen Tisch hat er den Ausdruck einer Powerpoint-Präsentation liegen, fließender Farbverlauf von Grün nach Violett, darauf der Stadtslogan: „Wir lieben Ideen.“ Aus dem Tagebaugebiet wird ganz langsam eine Urlaubsgegend, das Lausitzer Seenland. Man könnte Kultur anbieten, Einkaufsmöglichkeiten, ein nettes Städtchen für Touristen zum Flanieren und Essengehen. Aber keiner denkt bei Hoyerswerda an Gastfreundschaft.




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