Asylbewerber mit Ausbildungsstelle In Bayern unerwünscht

Der Hotelchef Michael Leibinger will Basir Sediqi als Lehrling einstellen. Die bayerischen Behörden machen nicht mit. Foto: Andreas Brücken

Er hat die Lehrstelle in Blaustein in der Tasche und spricht fast perfekt Deutsch: der junge Afghane Basir Sediqi hätte Anfang Juli nach Kabul abgeschoben werden sollen. Jetzt liegt sein Fall beim bayerischen Innenministerium.

Ulm - Die Angst ist zu seiner Begleiterin geworden. Sie hält ihn nachts wach, oft schläft er erst in den Morgenstunden ein. Sie lässt ihn unruhig werden, wenn er durch die Straßen von Elchingen geht, wo er in einer Asylunterkunft wohnt, oder im nahegelegenen Ulm Freunde besucht. „Sie könnten jederzeit kommen und mich mitnehmen“, sagt Basir Sediqi, geboren in Afghanistan, vor drei Jahren nach Deutschland geflüchtet. Er zucke zusammen, wenn ein Polizeiauto an ihm vorbeifahre, erzählt der 25-Jährige. Mit Schrecken erinnert er sich an jenen Tag, als er von bayerischen Beamten in einen Flieger nach Kabul gesetzt werden sollte. Er hatte Glück, war damals zufällig bei Freunden.

 

Es war am 3. Juli – 69 abgelehnte Asylbewerber wurden kurz vor Mitternacht von München aus nach Afghanistan abgeschoben, der deutsche Innenminister Horst Seehofer feierte einen Tag später seinen 69. Geburtstag. Für Seehofer ein guter Anlass, darüber Witze zu reißen. Für Basir Sediqi ein Moment der größten Enttäuschung. „Nie hätte ich gedacht, dass ich unter ihnen sein könnte“, sagt er. Er hatte sich darauf verlassen, dass nur Flüchtlinge abgeholt würden, die entweder eine Straftat begangen oder bei ihrer Identitätsklärung nicht mitgemacht hatten.

Das war früher so. Seit wenigen Monaten gelten die Beschränkungen bei Rückführungen nach Afghanistan nicht mehr. Die Bundesregierung hat die Sicherheitslage am Hindukusch neu bewertet, schiebt großzügiger ab. Es müssen auch solche wie Basir Sediqi zurück, Hauptschulabschluss mit der Note 1,4, Übungsleiter beim Sportverein Thalfingen und ein fast perfektes Deutsch. Einer, dem alle bestätigen, dass er es schaffen wird in Deutschland, einer, für den sich Dutzende Helfer, Politiker und Geschäftsleute einsetzen, damit er bleiben kann.

Der Lehrlingsvertrag ist unterschrieben, doch Basir Sediqi darf nicht anfangen

„Ich brauche ihn“, sagt Michael Leibinger, der Chef des Hotels Klingenstein in Blaustein bei Ulm. Er führt den jungen Afghanen durch die schnieke Lobby, zeigt ihm die kupfernen Kessel der Hausbrauerei. „Gutes Personal zu finden ist schwierig, wir sind hypervollbeschäftigt“, sagt Leibinger. Er hat fest damit gerechnet, dass Basir Sediqi von September an als Hotelfachmann in seinem Unternehmen eine Ausbildung macht. Der Vertrag ist längst unterschrieben, die Berufsschule hat schon begonnen. Doch Basir Sediqi, höflich und das, was alle seine Unterstützer als „bestens integriert“ bezeichnen, darf nicht. Die Behörden lassen ihn nicht. Sein Fall ist inzwischen beim bayerischen Innenministerium angekommen. „Ausbildung schützt vor Abschiebung nicht“, sagt dessen Sprecher Oliver Platzer. Er versichert, dass es keinen sogenannten Spurwechsel gebe. Dass es nicht grundsätzlich so sein könne, dass Asylbewerbern, die abgelehnt und nur geduldet, aber gut integriert seien und einen Arbeitsplatz hätten, ein Bleiberecht erhalten sollten. „Es gibt eine vollziehbare Ausreisepflicht“, betont Platzer, sagt aber auch im nächsten Atemzug, dass man sich Einzelfälle genau anschauen sollte und dies auch tun werde.

„Ich kämpfe für ihn“, sagt Elena Flügel, Flüchtlingshelferin und Psychologiestudentin in Ulm. Nicht nur die Angst begleitet Basir Sediqi, mit der 27-Jährigen ist auch die Hoffnung stets an seiner Seite. Sie ist mit ihm zum afghanischen Konsulat in München gefahren und setzt sich bei der Zentralen Ausländerbehörde in Augsburg dafür ein, dass der Afghane eine Ausbildungsduldung erhält. Sie hat ihm geholfen, einen Minijob in einem Hotel zu finden und ihm ein Zimmer in Ulm besorgt.

„Wir wollten, dass er nach Baden-Württemberg zieht und eine die Ausbildung beginnt“, sagt Flügel, ein rechtlicher Kniff, um die strenge Asylpolitik der Bayern zu umgehen. Einmal über die Donau könne ihn retten, so dachten die Helfer vom Ulmer Verein Menschlichkeit und dem Freundeskreis Asyl in Elchingen – aber sie kamen mit ihrer Strategie auch nicht weiter. Dem Antrag auf Umsiedlung ins Nachbarland werde erst dann stattgegeben, wenn die Ausbildungsduldung vorliege, konterte das Neu-Ulmer Landratsamt. „Es ist furchtbar“, sagt Elena Flügel über das behördliche Hickhack, sie hat Hunderte Mails geschrieben, eine Online-Petition gestartet. „Wenn es klappt, feiern wir“, hat sie dem jungen Flüchtling versprochen.

Beate Merk, einst Justizministerin in Bayern, macht sich für den Afghanen stark

„Ich bin beeindruckt, wie Basir das bisher gemacht hat“, sagt Beate Merk, einst Justizministerin in Bayern und Neu-Ulmer Oberbürgermeisterin. Für den Afghanen hat sie sich stark gemacht, sie wird ihn dieser Tage treffen. „Er hat es verdient, in Deutschland bleiben zu dürfen“, sagt die CSU-Politikerin über den 25-Jährigen und plädiert für die Umsetzung der sogenannten 3-plus-2-Regel. Die garantiert, dass ein Asylbewerber während der drei Lehrjahre und zwei anschließenden Arbeitsjahren nicht abgeschoben werden darf. „Die Exekutive muss mehr Ermessensmöglichkeiten haben“, fordert Merk. Sie hat beim Innenministerium ein gutes Wort eingelegt.

Über Facebook ist Basir Sediqi in Kontakt mit einem Freund, der am 3. Juli in den Abschiebeflieger gesetzt wurde. Nawid Ahmadi, 24 Jahre alt, wohnte in der selben Asylunterkunft in Elchingen. Mit einem Küchenmesser schnitt sich der Afghane die Unterarme auf, als die Polizisten kamen. Später auf der Dienststelle schlug er sich mit seinen Handschellen den Kopf blutig. Zwei Mal musste er ins Neu-Ulmer Krankenhaus, vor der Abschiebung hat ihn das nicht bewahrt. Von dem Flug hat Nawid Ahmadi nichts mitbekommen, er sei mit Medikamenten sediert worden, bestätigt er auf Facebook.

„Viele schlafen mit dem Messer unterm Kopfkissen, sie wollen sich lieber umbringen als gehen“, sagt Basir Sediqi, er kennt die Verzweiflung der abgelehnten Asylbewerber. Seit einigen Tagen hat er von seinem Freund Nawid, der in Kabul allein unterwegs ist, nichts mehr gehört. Kein gutes Zeichen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Ausbildung