Asylladen „Bazärle“ in Weissach  Eine sinnvolle Beschäftigung

Von Annette Clauß 

„Schwäbisch-international“ geht es im Laden Bazärle zu. Die Einrichtung in der Ortsmitte von Unterweissach bietet Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylbewerber und Serviceangebote für Alteingesessene – von der Gemüsekiste bis zum Workshop.

Der Asylbewerber Zuhair Jubaili kommt Foto: Stoppel
Der Asylbewerber Zuhair Jubaili kommt Foto: Stoppel

Weissach im Tal - Die Wände sind weiß gestrichen, die Türen abgeschliffen und lackiert. Auf dem gewienerten Boden stapeln sich Kartons und Bretter und in der Luft liegt der stechende Geruch von Reinigungsmitteln. Zuhair Jubaili und seine Frau Abeer sind mit Putzlappen zugange, sie wischen Staub von Regalbrettern und einer Schaufensterpuppe. Der Countdown läuft – und es gibt viel zu tun in der Unterweissacher Friedensstraße.

Dort eröffnet am Mittwoch das rund 200 Quadratmeter große Bazärle (siehe „Ein Laden für alle Fälle“). Ein Laden der besonderen Art, ein schwäbisch-internationales Projekt, das als eine Anlaufstelle für Asylbewerber und Alteingessene dienen soll. Ein Treffpunkt, an dem Flüchtlinge gespendete Kleidung finden – und, wenn sie möchten, eine Beschäftigung. Geld können die Helfer zwar nicht verdienen, aber ihr Einsatz wird mit Naturalien wie eben zum Beispiel kostenloser Second-hand-Kleidung entlohnt.

„Die Hauptsache ist die Integration“, finden die Initiatoren des Projekts, die sich nicht nur dem weltweiten Klimaschutz verschrieben haben, sondern auch das zwischenmenschliche Klima im Ort verbessern wollen. Bei der Arbeit, so hoffen die Aktiven vom Verein „Weissach Klimaschutz konkret“, lernen Asylbewerber wie der aus dem Libanon stammende 49-jährige Autolackierer Zuhair Jubaili und seine elf Jahre jüngere Frau gewissermaßen nebenbei die deutsche Sprache. Und sie kommen raus aus ihrer Unterkunft, haben eine sinnvolle Beschäftigung, treffen andere Menschen.

Zwischenmenschliches Klima verbessern

Doch auch die Weissacher profitieren vom Bazärle – da sind sich Marion Aumüller, Tina Unold und Silke Müller-Zimmermann, die das Projekt ins Laufen gebracht haben, sicher. Denn im Laden gibt es nicht nur hochwertige gebrauchte Kleidung für alle zu kaufen. Fans von frischem Obst und Gemüse können dort eine Bestellung aufgeben und die gewünschten Waren am darauffolgenden Tag abholen. Den Einkauf erledigen die Mitarbeiter. Und wer Lust auf einen Plausch hat, darf sich bei einer Tasse Tee oder Kaffee niederlassen

„Bei uns kann man zum Beispiel auch ein Regalfach oder eine Schaufensterpuppe mieten und seine Produkte anbieten“, erzählt Silke Müller-Zimmermann. Mancher Kreative, der sich kein eigenes Geschäft leisten kann, bekommt so die Chance, seine Ware zu präsentieren und zu verkaufen. Ein Seifensieder aus der Umgebung sei schon mit im Boot, sagen die Ladenbetreiber, zudem werden am Eröffnungstag wohl Honig und Töpferwaren in Fächern des Mietregals stehen.

Auch Textilkreationen der Designerin Claudia Fischer werden im Bazärle zu sehen sein. Die Backnangerin hat mehrere Nähmaschinen organisiert, außerdem viele Meter Stoff in allen Variationen. Denn in einer Ecke des Ladens wird ein Kreativbereich eingerichtet, in dem unter anderem Nähworkshops stattfinden sollen.

Die schweren Nähmaschinen schleppen der 34-jährige Gambier Rasda und zwei befreundete Landsmänner aus einem Transporter in den Laden. Die drei Männer sind eigens aus Winnenden und Backnang gekommen, um zu helfen. Warum? „We like to help“ – „wir helfen gerne“, sagen die Asylbewerber, die in Backnang schon zum Müll sammeln ausgerückt sind – aus eigener Initiative und ohne Bezahlung. Sie würden jeden Job machen, wenn ihnen jemand eine Chance gäbe, beteuert Rasda.

Folter ist eine gängige Praxis in Gambia

Über die Gründe für ihre Flucht aus der Heimat wollen die Männer nicht sprechen – aus Angst um ihre Angehörigen, die noch in Gambia leben. Wer den aktuellen Jahresbericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International liest, weiß warum. Demnach sind Folter, lange Haftstrafen und sogar die Todesstrafe in Gambia eine gängige Praxis, um Kritiker der Regierung und des Präsidenten Yahya Jammeh zu bestrafen.

Eine Arbeitserlaubnis haben alle drei Gambier in der Tasche, aber keiner stellt sie an. Rasda als der Älteste hat ein Auge auf seine Jungs – keine krummen Dinger, keine Drogen, sagt er. Doch ohne Hoffnung auf einen Arbeitsplatz und mit monatlich 325 Euro Lebensunterhalt sei es nicht verwunderlich, dass manche auf die schiefe Bahn gerieten. Bei der Eröffnungsfeier am Mittwoch sorgen Rasda und Co. für afrikanisches Fingerfood – vielleicht, so die Hoffnung, ergibt sich daraus ein Zukunftsperspektive.