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"Atavism" von XTR Human Immer noch schlimmer

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Die Stuttgarter Band XTR Human macht auf ihrem Debütalbum "Atavism" kalte Maschinenmusik. Sie nimmt den Zuhörer mit in den Underground, wo alles düster und kühl ist - eben so wie die Welt da draußen.

XTR Human sind Mathias Völkel, Johannes Stabel und Valerio Kuhl (von links). Foto: Promo
XTR Human sind Mathias Völkel, Johannes Stabel und Valerio Kuhl (von links). Foto: Promo

Stuttgart - Das Debütalbum "Atavism" der Stuttgarter Band XTR Human an einem sonnigen Tag anzuhören, ergibt einen schönen Kontrast. Im Ohr hat man dann den eisigen, glattpolierten Wave und Post Punk und auf der Haut die wärmenden Sonnenstrahlen. Ja, das sind die, die uns Menschen glücklich machen. 

Nur: XTR Human sind nicht glücklich, jedenfalls machen sie keine Musik, die darauf schließen lässt. Sie grenzen sich vom Glücklichsein ab: Diese drei Herren machen keinen Kuschelpop, sie liefern keine in Musik gegossene Stimmungsaufheller. Das Album "Atavism" taugt nicht einmal dazu, sich an einem sonnigen Tag wieder selbst runterzuziehen. Musik ist bei XTR Human kein Emotionsdienstleister. Sie trifft entweder auf Hörer, deren depressive Disposition längst feststeht. Oder sie wird zu einem intellektuellen Erlebnis, also zu reiner Kunst.

Heute wie damals: no future

Kunst braucht Kontext, und dank der Referenzen von XTR Human ist klar: Hier wird auf die späten Siebziger und frühen Achtziger verwiesen. Tatsächlich gibt es Parallelen der damaligen zur heutigen Zeit: Die ersten Wave-Bands und Post-Punk-Pioniere lebten eine No-future-Attitüde. Die Welt schien im Kalten Krieg wortwörtlich eingefroren, man war in Analogie zu Dantes Göttlicher Komödie am neunten, also am letzten Höllenkreis angekommen - da wo nur noch Kälte und Eis sind.

Was den Künstlern damals eine in Kälte erstarrte Welt war, das ist heute, nach dem Endsieg des Kapitalismus, die Vereinsamung und Entfremdung. Wir haben die totale Mobilität, die dank Technologie möglich und dadurch in gewissem Sinne auch dem Menschen aufgezwungen wird. Technologie ist kalt und herzlos: Der Mensch muss effizienter werden, er muss funktionieren. Wie blöd: Genau das ist ab irgendeinem Punkt unmenschlich. Noch blöder: die anderen Optionen heißen Verarmung oder Tod.

Nicht nur die Umstände, auch die Antworten, die Musiker damals wie heute auf die nach solcher Lesart grundähnlichen Verhältnisse finden, ähneln sich. Bewusst zur Schau gestellte Coolness im Sinne von kühl, emotionslos. Gitarren so scharf wie die Rasiermesser, mit denen Verzweifelte sich selbst verletzen. Gesang aus dem Teil der Kehle, wo einem auch der Schmerz an der Welt steckenbleibt. Insgesamt: ein Schlag in die Magengrube.




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