Sein aktuelles Bild steht auf der Staffelei, der malerische Prozess deutlich sichtbar. Es ist eine Arbeit, die zu der Serie „Streetlife“ gehört, die er 2018 begonnen hat. Dafür postiert sich Werner Fohrer mit einer Kamera mitten in pulsierende Verkehrs- und Lebenszentren – und das nicht nur in Weltstädten wie New York. Derzeit arbeitet er an einem Motiv aus seiner unmittelbaren Umgebung mit mehreren Ebenen, die ineinandergreifen – eine Szenerie aus dem vergangenen Jahr in Stuttgart. Verschiedene Fotos und Videos, von denen er Stills erstellt, dienen als Vorlage für die Entwürfe, die er am Rechner bearbeitet. Entsprich die Vorlage seinen Vorstellungen, druckt er sie aus und überträgt sie, wie früher die alten Meister, ganz klassisch als Raster auf die Leinwand.
In einer dünn aufgetragenen Nass-in-Nass-Malerei wird das Bild in zwei, drei oder auch vier Schichten und Lasuren aufgebaut. „Bis ich zufrieden bin“, sagt Fohrer. Schemenhaft schält sich eine Frau mit Maske aus dem pulsierenden Treiben. Dieses Spiel mit der Wirklichkeit beherrscht der 73-Jährige perfekt, der seit den 80er Jahren eine ganz eigenständige Variante des Fotorealismus entwickelt hat. Seine Bilder zeigen, trotz der Transformation der Darstellung etwa der Stuttgarter Momentaufnahme, die Zeichen der Zeit. In diesen Coronamonaten könnte man sie als faszinierende Zeitdokumente werten. Wann immer man Menschen mit Masken als transparente Spiegelungen auf großen Schaufensterscheiben oder glänzenden Autokarossen in seinen Bildern sieht, wird man wissen, das waren die Jahre 2020/21. Die Symbolik des Zeitgeistes weht durch diese künstlerisch verschlüsselte und anonymisierte Realität, zu der Fohrer aber deutlich auf Distanz geht.
So spielerisch, farbintensiv und verführerisch seine Nacht- oder Straßenszenen, Landschaftsdarstellungen und Genreszenen der Pop- und Rockmusik daherkommen – letztlich sind sie das Ergebnis einer intellektuellen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wahrheiten, die er im transformierten Prozess darstellt.
Die Suche nach der Wahrheit des Seins beschäftigt Fohrer seit je her. Wobei die absolute Wahrheit relativ ist, wie die Welt seit Donald Trump und den Fake News weiß. Man müsse für sich selbst ein Podest finden, auf dem man sich nicht mehr allzu sehr erschüttern lasse, findet der Maler.
Die Schnelllebigkeit in einer globalisierten Welt schlägt sich in seiner neorealistischen Malerei nieder. Dass dabei der Computer zum wichtigen Arbeitsmittel wird, erklärt sich fast von selbst. Die Digitalisierung, Internet und Soziale Medien sind seit 2012 wesentliche Hilfsmittel in Fohrers Malerei. In der „Streetview“-Serie reist er per Google Maps in Welt-Metropolen und macht Screenshots von Straßenszenen. Er verwischt und verschliert – wie Gerhard Richter, den Fohrer sehr schätzt. Dabei entsteht Unschärfe. Personen gehen auf Distanz, Orte werden anonymisiert, durch Spiegelungen verschieben sich Zeit und Raum – die Realität wird relativ mit den Mitteln der Malerei.
„Ich experimentiere nicht. Ich bleibe bei meiner Malerei“, erklärt Fohrer kategorisch. Bereits als Kind hatte er den Wunsch, sich in der Malerei auszudrücken. Der neue Realismus war für ihn seit den 60er Jahren wichtig. Die Distanz in Gerhard Richters realistischen Bildern, die ins Abstrakte kippen, begeisterte ihn auch während des aufwühlenden Kunststudiums in Hamburg 1970/71 – eine Zeit des radikalen politischen Wandels. Danach studierte er in Stuttgart bei Rudolf Haegele. Der war sehr tolerant, ließ den vom amerikanischen Hyperrealismus faszinierten Studenten sich selbst erproben.
Der Eigensinn, sich von keinen Kunsttrends beeinflussen lassen, zahlt sich aus: Fohrers Bilder sind in der ganzen Welt begehrt. Über eine Online-Galerie verkaufte er 2020 eine Arbeit in die USA. Inzwischen interessiert sich ein weiterer Sammler für drei seiner Bilder. „Das baut einen auf“, gibt Fohrer zu, wohlwissend, dass Interesse noch nicht Geschäftsabschluss bedeutet. Doch die Verkäufe liefen gut: Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen reihte einen weiteren Fohrer in ihre Sammlung ein, bei der Stuttgarter Galerie Keim gab’s einen Verkauf, und in der Galerie der Stadt Herrenberg beteiligte er sich an der Gruppenausstellung „Neue Romantik“.
Wie es weitergeht, ist offen. Auf jeden Fall bleibt Fohrer am Puls der Zeit. Er wird Informationen und Veränderungen seiner Umgebung kritisch betrachten und seine subjektive realistische Wahrnehmung mit Pinsel und Ölfarbe umsetzen.