Viele ältere Sieger bei Olympia 2022 Die große Ü-30-Party in Peking

Gold: US-Snowboarder Lindsey Jacobellis (36) und Nick Baumgartner (40) Foto: imago /VCG

Viele Siegerinnen und Sieger bei den Olympischen Winterspielen in China gehören der Generation Ü 30 an – was womöglich auch mit den schwierigen Rahmenbedingungen zu tun hat.

Peking/Zhangjiakou - Diese Geste konnte und wollte sich Lindsey Jacobellis nicht verkneifen. Die Snowboardcrosserin griff beim letzten Sprung des Finallaufs unten an ihr Brett – es war jener Trick, der sie vor 16 Jahren bei den Winterspielen in Turin die Goldmedaille gekostet hatte. Damals bezahlte sie für ihren Übermut und den folgenden Sturz mit Hohn und Spott, diesmal ging alles gut.

 

Was Erfahrung doch so alles ausmacht. Die US-Amerikanerin holte nach ihrem Olympiasieg im Einzel nun mit ihrem Partner Nick Baumgartner auch noch Gold im Mixed-Team, gemeinsam sind die beiden 76 Jahre alt. Eine Zahl, die zu ziemlich lustigen Sprüchen führte. „Wir sind die 80er-Babies“, sagte Jacobellis (36), und Baumgartner (40), dessen 17-jähriger Sohn kurz vor dem Highschool-Abschluss steht, scherzte: „Unglaublich, wir sehen viel jünger aus als alle anderen.“

Ein Ü-30-Festival

Natürlich gibt es bei den Winterspielen in China viele neue, unverbrauchte Gesichter, vor allem in den hippen Disziplinen. Die Skifreestyler Eileen Gu (18) und Birk Ruud (21), die Snowboarder Su Yiming (17) und Chloe Kim (21) oder Buckelpisten-Spezialist Walter Wallberg (21) haben alle schon Gold abgeräumt, gefeiert von ihren Followern in den sozialen Netzwerken. Doch zugleich sind es Olympische Spiele der älteren Semester, eine Art Ü-30-Festival. Beispiele dafür gibt es genügend, es reicht ein Blick in die Liste der bisherigen Siegerinnen und Sieger.

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Darin stehen die Namen von Bobpilotin Kaillie Humphries (36/USA), Snowboarder Benjamin Karl (36/Österreich), Abfahrer Beat Feuz (35/Schweiz) und Eisschnellläuferin Ireen Wüst (35/Niederlande), der Rodler Johannes Ludwig (35), Natalie Geisenberger (34), Tobias Wendl (34) und Tobias Arlt (34), von Biathletin Denise Herrmann (33/alle Deutschland), Langläuferin Therese Johaug (33/Norwegen), Eisschnellläufer Kjeld Nuis (32/Niederlande), Shorttrackerin Arianna Fontana (31/Italien), Skiläufer Matthias Mayer (31/Österreich) oder Super-Biathletin Marte Olsbu Röiseland (31/Norwegen). Was für ein illustrer Kreis, zu dem beinahe auch Johan Clarey (41) gehört hätte.

„Habe für alles immer länger gebraucht“

Der Franzose holte „nur“ Silber in der Abfahrt – er ist der älteste Skirennläufer, der je bei Olympischen Spielen eine Medaille gewonnen hat (zuvor: Bode Miller/36) und der Älteste, der in China auf dem Podest stand. „Meine Mutter sagte immer, dass ich in meinem Leben für alles länger gebraucht habe“, erklärte Clarey, „fürs Gehen, fürs Sprechen. Das gilt vermutlich auch für meine Skikarriere.“

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Prompt titelte die französische Zeitung „L’Équipe“: „Clarey immer jünger.“ Doch sind die Olympischen Spiele tatsächlich eine Art Jungbrunnen? Offenbar nicht für alle. Rodlerin Natalie Geisenberger jedenfalls meinte: „Meine Medaille ist fitter als ich.“ Im Ernst stellt sich eine ganz andere Frage: Wie wichtig ist Erfahrung bei einem sportlichen Großereignis?

Sehr wichtig. Meint zumindest Karl Geiger.

Der Skispringer, der in Zhangjiakou am Freitag seinen 29. Geburtstag feierte, erzählte nach seinem dritten Platz auf der Großschanze von seiner olympischen Premiere vor vier Jahren in Pyeongchang. „Damals war unser Team so gut besetzt, dass ich vor jedem Wettkampf eine Ausscheidung springen musste“, sagte der Oberstdorfer, „das war der Grund, warum ich danach große Fortschritte machen konnte. Die Winterspiele in Südkorea haben mich sportlich und menschlich weitergebracht, davon habe ich in den folgenden Jahren enorm profitiert.“

Ältere Athleten rufen ihr Potenzial ab

Aus diesem Grund stellt sich der Deutsche Olympische Sportbund vor jeder Nominierung die Frage, wie streng er die Normen auslegt. Wie sinnvoll es ist, jungen Athletinnen und Athleten zu einer Art Fortbildungsmaßnahme zu verhelfen. „Es ist ein enormer Vorteil, wenn man Olympische Spiele schon erlebt hat“, sagte Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission des Teams D. Andreas Scheid, Sportdirektor der deutschen Snowboarder, erklärte: „Hier in China musst du sehr, sehr abgebrüht sein, Störfaktoren wie die Sorgen bei der Anreise, die Coronamaßnahmen oder die schwierige Verständigung ausblenden. Wenn einem das gelingt, ist das auf jeden Fall hilfreich. Es zeigt sich ja auch, dass viele erfahrene, ältere Athleten, die schon viele Spiele mitgemacht haben, hier eher ihr Potenzial abgerufen haben.“

Wiedersehen in Mailand 2026?

Oldies but Goldies bei einem Sportereignis, bei dem sich gemäß PR-Slogan die Jugend der Welt trifft – ein Widerspruch? Nein, findet Ireen Wüst. „Alter ist nur eine Zahl!“, sagte die nun sechsmalige Olympiasiegerin. „Es geht darum, wie man sich fühlt.“

Damit sprach sie Lindsey Jacobellis und Nick Baumgartner aus der Seele. Die beiden Snowboard-Crosser schlossen nicht aus, auch 2026 in Mailand noch mal auf die Piste zu gehen. „Wenn ich nicht aufhöre“, sagte Baumgartner und lachte, „dann wird sie auch nicht aufhören.“

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