Athletic Bilbao Wie sich der VfB-Gegner von einer historischen Last befreit hat
Die Stuttgarter erwarten zum Saisoneröffnungsfest den spanischen Erstligisten – ein starker Gegner, der in seiner Vereinsphilosophie mit einer Besonderheit aufwartet.
Die Stuttgarter erwarten zum Saisoneröffnungsfest den spanischen Erstligisten – ein starker Gegner, der in seiner Vereinsphilosophie mit einer Besonderheit aufwartet.
Die prominenteste Personalie vorneweg: Nico Williams wird nicht dabei sein. Der Athletic Club aus Bilbao tritt an diesem Samstag (15.30 Uhr) beim Saisoneröffnungsfest des VfB Stuttgart ohne seinen spektakulären Flügelspieler an. Offiziell, weil sich der spanische Europameister noch im EM-Urlaub befindet. Erst am Montag muss der 22-Jährige wieder bei seinem Arbeitgeber erscheinen. Inoffiziell weiß beim baskischen Fußball-Erstligisten im Moment aber ohnehin niemand so recht, ob Williams ein Athletic-Profi bleibt.
Seit der EM ranken sich noch mehr Wechselgerüchte um den Dribbelkünstler. Dabei wird Williams vor allem mit dem FC Barcelona in Verbindung gebracht, da der Linksaußen mit seinen Tricks und seinem Tempo nahezu perfekt zum Stil des katalanischen Renommiervereins passt. Nur: Williams tut sich mit seiner Entscheidung nicht leicht. Er stammt aus Bilbaos Nachwuchsakademie Lezama und ihn verbindet viel mit Athletic.
Der Traditionsclub aus Nordspanien hat Williams ausgebildet und groß gemacht. Nun dient der Angreifer als neues Vorbild. „Wir fördern unsere Talente früh und versuchen sie auch persönlich an uns zu binden“, sagt der Sportdirektor Mikel Gonzalez, „deshalb fällt es unseren Eigengewächsen oft schwer, den Verein zu verlassen.“ Athletic setzt im Fußballgeschäft auf Zusammenhalt und eine familiäre Atmosphäre. Dazu weiß jeder in Spanien, dass in Bilbao junge Spieler oft die Chance erhalten, sich in der Primera Division zu beweisen – sofern sie aus dem eigenen Reihen oder dem Baskenland kommen.
Andere Spieler werden nicht verpflichtet, das ist die einmalige Vereinsphilosophie. „80 Prozent der Spieler aus unserem Profikader haben wir selbst ausgebildet. Es ist unser Anspruch, dass neun von elf Spieler in der Startformation Eigengewächse sind“, sagt Gonzalez. Dafür wurde vor Jahren ein ausgeklügeltes Nachwuchskonzept installiert. Das ist mit seinem Satellitensystem und den Partnervereinen in der baskischen Provinz so verwurzelt und erfolgreich, dass es vom VfB für die Stuttgarter Region adaptiert wurde.
Den großen Unterschied zu vielen Clubs macht jedoch der Übergang von der Jugend in den Aktivenbereich aus – und den jahrzehntelangen Mut auf die eigenen Stärken zu vertrauen. „Wir können nicht einfach auf dem Transfermarkt tätig werden, wenn uns zum Beispiel ein Außenverteidiger fehlt“, erklärt Gonzalez, „wir müssen solche Entwicklungen bereits mit Weitblick berücksichtigen, in jeder Saison entsprechend mit eigenen Leuten vorbereitet sein und dann haben wir schlechtweg keine andere Wahl, als sie spielen zu lassen. Das ist unser Weg.“
So ist es mit Williams gelaufen oder auch mit Unai Simon (der Torhüter ist aktuell verletzt) und Dani Vivian, den beiden anderen Europameistern. Sie sind Hauptakteure einer Mannschaft geworden, die in der vergangenen Saison überaus erfolgreich war: Platz fünf in La Liga und Pokalsieger – nach 40 Jahren wieder ein Titelgewinn. „Damit haben wir einen historischen Ballast abgeworfen“, sagt der Sportdirektor. Denn viele Spielergenerationen galten als gut, scheiterten jedoch öfter im Finale um die Copa del Rey. Jetzt hat sich Athletic freigespielt und hegt weitere Ambitionen: „Wir wollen uns wieder einen europäischen Startplatz erkämpfen“, sagt Gonzalez.
Um auf die nun beginnende Saison mit der Europa League gut vorbereitet zu sein, testet Athletic vor dem Saisonstart gegen hoch eingeschätzte Gegner. Wie jetzt gegen den VfB und zuvor gegen Aston Villa und Sporting Lissabon. Das soll einen Vorgeschmack auf die internationalen Herausforderungen geben. „Das Spiel in Stuttgart ist für uns das wichtigste Vorbereitungsspiel. Es geht gegen ein Team, das eine brillante Vorsaison gespielt hat und uns als Champions-League-Teilnehmer alles abverlangen wird“, sagt Gonzalez über die Begegnung in der MHP-Arena.
Für Athletic ist es gleichzeitig der letzte Test, ehe es am Donnerstag darauf bereits in der Liga ernst wird. „Der neue Spielplan hat uns etwas überrascht, weil wir nicht wie erwartet am Wochenende spielen, sondern wir machen jetzt den Auftakt gegen den FC Getafe“, sagt der Sportdirektor. Das Programm wurde deshalb noch einmal kurzfristig angepasst.
Nach Stuttgart reist die Mannschaft von Ernesto Valverde an diesem Freitag und nach der Partie geht es schnell wieder zurück. Dazwischen will der erfahrene Coach (dritte Amtszeit in Bilbao) sehen, was sein Team zuletzt ausgezeichnet hat: Athletik und Aggressivität ohne Ball, weniger Tiki-taka und mehr Vertikalspiel mit Ball. Mit diesem Umschaltfußball hat es Valverde auch schon während seiner Zeit beim FC Barcelona gehalten. „Wir sind eine Mannschaft, die mit ihrem Stil eigentlich mehr in die Bundesliga als in La Liga passt“, sagt Gonzalez.