Atomares Endlager Wie die Wahl auf Gorleben fiel

Von Werner Birkenmaier 

Die Entscheidung für das atomare Endlager soll Ende der 70er Jahre eine politische Entscheidung gewesen sein.

Plakate in Gorleben sind erste Zeichen der Bürgerinitiative gegen den Bau der Atommülldeponie, aufgenommen am 7. März 1977. Foto: dpa
Plakate in Gorleben sind erste Zeichen der Bürgerinitiative gegen den Bau der Atommülldeponie, aufgenommen am 7. März 1977. Foto: dpa
Gorleben - Am Abend des 22. Februar 1977 hielt Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht im Regionalfernsehen eine Ansprache. Darin kündigte er an, das Bundesland werde das zentrale deutsche "nukleare Entsorgungszentrum" bekommen, und zwar in Gorleben.

Geplant war ein Großprojekt, bestehend aus einem atomaren Zwischenlager, einer Wiederaufarbeitungsanlage sowie einem Endlager für Atommüll, tief unten in einem Salzstock. Auf ein Atomendlager im Salzstock hatten sich Atomwirtschaft und Politiker bereits unter der SPD-geführten Bundesregierung von Helmut Schmidt geeinigt.

Eine Frage des Salzstocks


Geschockt von der Ölkrise, legte man 1973 ein großes Atomprogramm auf. Rund 50 Kernkraftwerke sollten gebaut werden, errichtet wurden dann nur 17. Die aus der Wiederaufarbeitung entstehenden Reststoffe sollten in Salzstöcken untergebracht werden. Schon 1967 hatte man die Einlagerung im ehemaligen Kali- und Salzbergwerk Asse erprobt. Heute ist Asse ein Sanierungsfall, der den Steuerzahler bisher mehrere Milliarden Euro gekostet hat. Doch damals verkündete der Hamburger Stromversorger HEW: "Mit der Endlagerung in Salzformationen kann das Problem Atommüll als gelöst betrachtet werden." Die Salzlager seien von wasserundurchlässigen Schichten umgeben und lägen in erdbebensicheren Gebieten.

Doch welcher Salzstock kam infrage? Die Bundesregierung leitete 1972 ein Auswahlverfahren ein und suchte eine Salzformation, in der auch "heißer" Atommüll vergraben werden konnte. Infrage kommende Standorte lagen alle in Norddeutschland, denn nur dort gibt es diese Gesteinsformationen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern wurde eingesetzt, die bis zu 100 Salzstöcke untersuchte. In die engere Wahl kamen Stöcke bei Nienburg, Celle und im Emsland. Gorleben wurde nicht mehr erwähnt.

Atommüll als Konjunkuturprogramm


Unter bis heute ungeklärten Umständen brachte Ministerpräsident Albrecht wieder Gorleben ins Gespräch. Bei seinen Erwägungen spielte eine Rolle, dass die Region Gorleben dünn besiedelt und strukturschwach war. In der Tat war der Landkreis Lüchow-Dannenberg einer der ärmsten in der Republik. Offenbar ist Albrecht von Parteifreunden ermuntert worden, "etwas zu machen". Sie sahen im Endlager die Möglichkeit für ein Konjunkturprogramm. Ein anderer Aspekt kam hinzu: In der Republik formierten sich Proteste gegen Atomenergie; die waren bei Gorleben von der ländlichen Bevölkerung nicht zu erwarten.

Auch in polizeilicher Hinsicht war die Lage günstig, einerseits die Elbe, andererseits die DDR-Grenze. Dieses Gebiet war, so dachte man damals, von Polizeikräften leicht abzuriegeln. Ob alle Überlegungen so angestellt wurden, ist heute schwer zu eruieren. Der inzwischen fast 80-jährige Ernst Albrecht hat sich dazu nie geäußert.

Gleichwohl wird hartnäckig kolportiert - man stützt sich dabei auf Angaben des inzwischen eremitierten Geologieprofessors und Kommissionsmitglieds Gerd Lüttig -, Albrecht habe deshalb nach einem Standort in der Nähe der DDR-Grenze gesucht, weil er eine Art Gegengewicht zu dem DDR-Endlager Morsleben bilden wollte. Dieses sei aber ungeeignet gewesen, weil es Wasserzuflüsse gab, die das Grundwasser radioaktiv verseuchen konnten.

Albrecht habe befürchtet, dieses Grundwasser könne in Richtung Niedersachsen fließen - das habe den Ministerpräsidenten "auf die Palme gebracht". Logisch zwingend klingt diese Einlassung aber nicht, denn wie hätte ein Endlager auf der bundesrepublikanischen Seite das verhindern sollen. So wird man am Ende dabei bleiben müssen, dass wirtschaftliche Argumente für Albrecht den Ausschlag gaben.

Unterlagen aus den Sitzungen inzwischen als geheim eingestuft


Die Landesregierung des CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff hat die Unterlagen aus den fraglichen Kabinettssitzungen inzwischen als geheim eingestuft. Jedenfalls fiel die Entscheidung für Gorleben in der zweiten Hälfte der 70er Jahre gegen den Rat des wissenschaftlichen Gremiums, das andere Standorte vorgeschlagen hatte (siehe Faksimile). Nachdem Albrecht seine Entscheidung getroffen und verkündet hatte, gab Carl Friedrich von Weizsäcker bekannt, da der Rat des Gremiums nicht mehr gefragt sei, stelle es seine Arbeit ein.

Der Vorgang erregte damals auch unter Fachleuten viel Aufsehen. Im niedersächsischen Landesamt für Geologie, heißt es, sei man entsetzt gewesen. Schon Ende der 60er Jahre hatte man die Region um Gorleben erkundet und festgestellt, dass Salzwasser eindringen und, radioaktiv belastet, nach oben gedrückt werden könnte. Auch auf Bundesebene stieß Albrecht auf Widerspruch. So sagte der damalige Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, der SPD-Politiker Volker Hauff, man habe Niedersachsens Ministerpräsidenten vor dessen Entscheidung mitgeteilt, dass die Bundesregierung Gorleben nicht für einen optimalen Standort halte.

Erklärungen dieser Art waren Wasser auf die Mühlen der Wendländer, die keineswegs so unkritisch waren, wie man das in Hannover angenommen hatte. Es entstand eine Bürgerinitiative Umweltschutz, und bald darauf kam es zu einer großen Demonstration, auf der sich der Zukunftsforscher Robert Jungk gegen den "Atomstaat" aussprach.

Im März 1979 veranstalteten die Wendland-Bauern mit ihren Traktoren den "Treck nach Hannover", der so viel Eindruck machte, dass Albrecht das Ende für die Wiederaufarbeitungsanlage verkündete. An der Planung für das Endlager hielt er aber fest. Die Wiederaufarbeitungsanlage sollte dann im bayerischen Wackersdorf gebaut werden. Doch der Widerstand wurde so stark, dass die Energiekonzerne das Projekt 1989 aufgaben.




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