Atombombe auf Hiroshima Die schrecklichste aller Waffen

Fanal der Vernichtung: Die Atombombe fällt auf Hiroshima. Foto: IMAGO/CPA Media Foto:  

Der Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor 80 Jahren war ein infernalischer Schlussakkord des Zweiten Weltkriegs. Er hat die Welt verändert.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Der letzte Impuls für das verheerendste Bombardement der bisherigen Menschheitsgeschichte kam wohl aus Potsdam. Zu dem Zeitpunkt herrschte dort schon Frieden – aber nicht überall auf der Welt. Mitte Juli 1945 trafen sich die Führer der Alliierten in der brandenburgischen Residenz, um die Weichen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu stellen. In Ostasien wurde derweil noch gekämpft.

 

Der amerikanische Präsident Harry Truman residierte während der Potsdamer Konferenz im Haus Erlenkamp, einer Villa im Stadtteil Babelsberg. Dort erreichte ihn am 16. Juli die Nachricht, dass in der Wüste von New Mexico der sogenannte Trinity-Test gelungen sei: die Explosion einer nuklearen Bombe, die alle bisher bekannten Waffen in den Schatten stellen sollte.

Für den britischen Premier Winston Churchill, dem Truman davon erzählte, eröffnete dies „die helle und tröstliche Aussicht, ein oder zwei zerschmetternde Schläge könnten den Krieg beenden“. So ist es in seinen Memoiren nachzulesen. Der US-Präsident notierte in seinem Tagebuch: „Ich glaube, dass die Japsen klein beigeben werden, ehe Russland eingreift.“ Damit ist die Ausgangskonstellation umschrieben.

Wie kam es zu dem Angriff?

Seit Ende 1941 experimentierten die Amerikaner – mit Hilfe deutscher Emigranten – am Bau einer Atombombe. Im Frühjahr 1945 war die Bombe baureif. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands reifte der Gedanke, die Japaner durch den Abwurf der Atombombe zur Kapitulation zu zwingen. Als der Krieg in Europa zu Ende war, beherrschte Japan noch riesige Gebiete in Asien, darunter weite Teile Chinas.

Am 25. Juli 1945 erteilte Präsident Truman dem US-General Carl A. Spaatz den Befehl, den Einsatz der ersten dieser teuflischen Wunderwaffen vorzubereiten. Die Auswahl des genauen Ziels überließ er dem Militär.

Hiroshima, wo seinerzeit 250 000 Menschen lebten, war bis dahin von Bomben verschont geblieben. General Spaatz hielt das für ein geeignetes Ziel, weil es dort keine Kriegsgefangenenlager gab – und folglich keine eigenen Leute zu Schaden kommen würden.

Wie erreichte die Bombe ihr Ziel?

„Little Boy“ lautete der Codename der drei Meter langen und vier Tonnen schweren Uranbombe, die für Hiroshima bestimmt war. Sie wurde von einem Langstreckenbomber des Typs B29 transportiert. Das waren die größten Flugzeuge, die im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen. Der Pilot gab der Maschine den Namen seiner Mutter: Enola Gay. Der Bomber startete am 6. August um 2.45 Uhr Ortszeit von der Marianeninsel Tinian im Pazifik. Die Flugstrecke betrug 2500 Kilometer. Um 8.15 Uhr und 17 Sekunden klinkte die Besatzung die Bombe in fast zehn Kilometern Höhe über Hiroshima aus. 45 Sekunden später explodierte sie 600 Meter über der Innenstadt. Die Detonation war so heftig, dass Soldaten aus der Crew der Enola Gay glaubten, sie seien abgeschossen worden.

Welchen Schaden richtete sie an?

Innerhalb einer Sekunde hatte die Detonationswelle 80 Prozent der Innenstadt von Hiroshima zerstört: mehr als 70 000 Häuser. 70 000 bis 80 000 Menschen waren sofort tot. Binnen eines Jahres starben noch einmal fast 100 000. Viele litten Jahrzehnte an den Spätfolgen der radioaktiven Kontamination. Von den unmittelbar durch die Explosion getöteten Opfern heißt es, sie seien schlichtweg verdampft oder zu feinstem Staub verbrannt. Von manchen hätten sich die Silhouetten in den Asphalt oder auf Mauern eingebrannt.

Welche Zweck hatte die Bombe?

Bis heute ist umstritten, was die USA tatsächlich veranlasst hat, die Atombombe zu zünden. Historiker sprechen von einem „Kulturkampf zwischen Traditionalisten und Revisionisten“. Befürworter des Einsatzes argumentierten, die Atombomben hätten eine rasche Kapitulation Japans veranlasst und Amerika eine Invasion erspart – was abertausenden von (amerikanischen und japanischen) Soldaten das Leben gekostet hätte. Die US-Army soll im Falle einer Invasion mit bis zu 300 000 eigenen Todesopfern gerechnet haben.

Kritiker des Einsatzes („Revisionisten“) unterstellen, der Atombombenabwurf sei unnötig gewesen, da Japan ohnehin demnächst kapituliert hätte. US-Präsident Truman habe die Bombe nur als Machtdemonstration gegen die Russen eingesetzt. Er habe Josef Stalin von einem Kriegseintritt und einer Machtexpansion in Ostasien abschrecken wollen. Die Sowjetunion und Japan hatten seit 1941 einen Nichtangriffspakt. Sie eröffnete den Krieg gegen Japan erst am 8. August 1945. Das hatten die Alliierten bei ihrer Konferenz in Jalta ein halbes Jahr zuvor so vereinbart.

Die immense Zahl an Opfern an den beiden Zielorten der Atombomben hätten die Amerikaner „billigend in Kauf“ genommen, schreibt der Historiker Heinrich August Winkler in seiner „Geschichte des Westens“. Die Bombardierung deutscher Großstädte in der Schlussphase des Krieges habe zu einer „Gewöhnung an die massenhafte Tötung von Zivilisten“ geführt. Winkler fügt hinzu: „Vermutlich wäre die neue Massenvernichtungswaffe auch im Krieg gegen Deutschland eingesetzt worden, wenn sie früher zur Verfügung gestanden hätte.“

Wie hat sie die Welt verändert?

Mit dem Abwurf der ersten Atombomben war klar: „Ein künftiger Krieg würde Zerstörung bringen in einer Größenordnung, die selbst im Zweiten Weltkrieg nicht annähernd erreicht wurde“, schreibt der britische Historiker Ian Kershaw. Nach Hiroshima und Nagasaki sortierten sich die globalen Machtverhältnisse neu. Die USA waren für einen historischen Moment die unangefochtene Supermacht. „Die atomare Pilzwolke wurde zum Symbol eines neuen Zeitalters“, so Kershaw. „Es war ein Wendepunkt für die ganze Welt.“

Der Schock löste ein nukleares Wettrüsten aus. Vier Jahre später verfügte auch die Sowjetunion über Atomwaffen, wenige Zeit danach England und Frankreich. Der Atomwaffensperrvertrag von 1968 sollte die Verbreitung dieses Waffentyps begrenzen. Schon zuvor besaß auch China Atomwaffen, inzwischen zudem Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. „Die Angst vor dem atomaren Inferno zähmt bis heute die Politik“, so der frühere Nato-Stratege Michael Rühle in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Der Traum von einer Welt ohne solche verheerenden Waffen sei „eines von vielen Beispielen, bei denen eine scheinbar faszinierende Idee schnell an den harten Realitäten der internationalen Politik scheiterte“.

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