Atombunker der Regierung Ein Gebäude der Angst

Regeln für den Ernstfall. Foto: imago/Stefan Ziese

Im Rheinischen Schiefergebirge oberhalb des Ahrtals verbergen sich Kulissen für den Dritten Weltkrieg – ein Besuch im ehemaligen Atomschutzbunker der Bundesregierung.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Der Weg in die Vergangenheit des Kalten Krieges könnte kaum idyllischer sein. Er führt herauf aus dem Ahrtal durch die Rebhänge des Silberbergs, wo ein exzellenter Spätburgunder gedeiht, an dem Kenner die „animierende Kirsche mit einem Hauch von Blutorange und Schokogebäck“ loben. Die Idylle zerschellt an einer Betonwand. „Hier oben herrscht heile Welt“, sagt Heike Hollunder, unten finden sich „Kulissen für den dritten Weltkrieg“.

 

Heike Hollunder ist die Hausherrin für alles, was die Betonwand verbirgt. Dahinter eröffnet sich eine Unterwelt, die erahnen lässt, wie real die Furcht vor einem Atomkrieg einmal gewesen ist. Mit einem Knopfdruck verschließt Hollunder zwei wuchtige Tore, von denen jedes 25 Tonnen wiegt und die Ausmaße eines Einfamilienhauses hat. In zehn Sekunden haben sie das Tageslicht hermetisch ausgesperrt. Es gäbe auch eine Handkurbel, um sie manuell wieder zu öffnen. Das würde aber eine Dreiviertelstunde dauern.

Platz für 3000 Politiker, Soldaten, Beamte und Bedienstete

An diesen Toren sollte das nukleare Inferno abprallen, falls im Kreml jemand auf den Knopf einer Atomrakete gedrückt hätte. In den Katakomben, die sich dahinter verbergen, suchten einst die Spitzen der Bundesrepublik samt 3000 Soldaten, Beamten und Bediensteten Schutz für den Fall eines neuen Weltkriegs – zumindest für die Dauer von 30 Tagen.

Damals galt dieser Platz, offiziell „Ausweichsitz der Verfassungsorgane“ genannt, als der geheimste Ort der Republik. 1962, ein Jahr nach der Kubakrise, als die Welt einem atomaren Konflikt nahe war, wurde mit dem Bau begonnen. Zwei unvollendete Eisenbahntunnel dienten als Keimzelle für den Regierungsbunker, der heute ein Museum ist. 17 000 Arbeiter haben hier auf einer Baustelle, die hinter Tarnnetzen verborgen war, einen Unterschlupf zementiert, dessen Röhrensystem eine Gesamtlänge von 17,3 Kilometer umfasste. Sie haben 3300 Stahltüren installiert, zwei Tiefbrunnen, 936 Schlafkammern und 897 Büroräume.

„Kulissen für den Dritten Weltkrieg“

„Das war ein Gebäude der Angst“, so umschreibt Heike Hollunder die ursprüngliche Aura ihres Arbeitsplatzes. Das Museum erstreckt sich über 203 Meter des Bunkers, der 86-mal so groß war. Im Ernstfall hätten die Schutz suchenden Politiker acht Tore durchqueren müssen, um zu den sichersten Bereichen zu gelangen, die von einer 110 Meter dicken Schicht aus Schiefergestein überdeckt sind. Nach dem ersten Tor erwartete sie eine Dekontaminationsdusche, wo sie mit einem Gemisch aus kaltem Wasser und Ameisensäure von verstrahlten Staubpartikeln gereinigt werden sollten. Die Tore mussten einem Explosionsdruck standhalten, der dem Hundertfachen der normalen Erdatmosphäre entspricht. Die Außenluft wurde durch 250 Lastwagenladungen von Basaltsplitt gefiltert. Im Innersten des bis ins kleinste Details ausgetüftelten Schutzbaus gab es auch einen Operationssaal und eine Zahnarztpraxis sowie ein TV-Studio, damit der Bundeskanzler Reden ans Volk hätte halten können – zumindest an den Teil, der noch überlebt hätte.

Echte Politiker waren selten in dem Bunker, als dieser noch in Betrieb war. 1997 wurde er offiziell stillgelegt. Kanzler Ludwig Erhard war das einzige leibhaftige „Verfassungsorgan“, das sich während eines Nato-Manövers 1966 dort einbunkerte. Helmut Schmidt war dort, als er noch Verteidigungsminister war. Bundespräsident Horst Köhler kam, als der Bunker schon Museum war. Als man ihm die karge Schlafstube vorführte, die für das Staatsoberhaupt reserviert war, hatte er keine Lust, sich für ein Foto auf das Bettgestell zu legen – eines von der Sorte, die man eher in Gefängniszellen vermuten würde. Seine First Lady, Eva Luise Köhler, wollte wissen, warum nur ein Einzelbett bereitstand. Für die Ehegatten des führenden Staatspersonals wäre im Bunker kein Platz gewesen. Anders für die Dienstlimousinen – dafür waren Parkplätze ausgewiesen.

„Jede Jugendherberge ist besser ausgestattet“

Es wurde alles getan, um den Herrschaften im Kriegsfall die unterirdische Existenz so angenehm wie möglich zu machen. Für die Verpflegung waren zwar bloß die berüchtigten Einmannpackungen der Bundeswehr eingelagert, im Weindepot fand sich aber auch eine Spätlese des Spätburgunders aus der Staatlichen Weinbaudomäne Kloster Marienthal Jahrgang 1973. Die Trauben waren am Hinterausgang des Bunkers herangewachsen. Für bittere Stunden gab es auch Kümmerling auf Lager, der mit 2,50 Mark auf der Getränkekarte stand. Zudem hatte das Verteidigungsministerium ein Kinoprogramm zusammengestellt. Neben einschlägigen Filmen wie „War Games“ (Kriegsspiele) und „Der Tank“ war mit dem „Leben des Brian“ und einem Streifen mit Eddy Murphy auch für Heiterkeit gesorgt.

Der Bunker war für halbwegs Eingeweihte und die Stammtische in der näheren Umgebung, wo die Bauarbeiter meistens herkamen, ein großes Mysterium. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, es gebe auch ein unterirdisches Bordell sowie eine U-Bahn direkt nach Bonn. Hollunder sagt dazu nur: „Jede Jugendherberge ist heute besser ausgestattet.“

„Nicht der Ort, an dem ich meine letzten Tage verbringen wollte“

Wie es die muntere Kunsthistorikerin ausgerechnet an diesen martialischen Arbeitsplatz verschlagen hat, wäre eine Geschichte für sich. In ihrer Magisterarbeit hat sie sich mit der mexikanischen Malerin Frida Kahlo beschäftigt, später mit dem Dadaisten Hans Arp. Sie empfindet die Unterwelt, die der Funktionselite unseres Staates das Überleben im Kriegsfall sichern sollte, als „immer wieder total bizarr“. Die Museumschefin sagt: „Das wäre nicht der Ort, an dem ich meine letzten Tage verbringen wollte.“

Der Bunker war von Anfang an eine Fehlkonstruktion. Maßstab für die Planungen war die Hiroshima-Bombe. Sie hatte eine Zerstörungskraft von 13 000 Tonnen des Sprengstoffs TNT. Die Sowjetunion experimentierte aber schon vor Baubeginn mit Bomben einer 250-mal so großen Wucht.

„Hier kann man sich nur noch vor dem Gewitter verstecken“

Der Bunker war auch keineswegs so geheim, wie die Regierung geglaubt hat. Drei Spione hatten der Stasi Details über den Bau übermittelt. Einer von ihnen, Lorenz Betzing, war als Elektriker auf der Baustelle beschäftigt und deshalb bestens über die Anlage informiert. Der DDR-Spion Dieter Popp (Deckname „Asriel“) wurde als „Romeo“ eingesetzt: Er sollte über homosexuelle Kontakte Informanten gewinnen. Seine Zielperson Egon Streffer („Aurikel“) arbeitete im Planungsstab des Bundesverteidigungsministeriums und konnte dadurch Geheimdokumente beschaffen. Hollunder bilanziert: „Die DDR wusste genau Bescheid, wie es hier zuging.“

Als die DDR und der Kalte Krieg sich erledigt hatten, erschien der Bunker nutzlos. Ihn als leere Hülle zu erhalten war dem Bund zu teuer. 1997 beschloss er, die Anlage aufzugeben. 1998 erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine kuriose Verkaufsofferte für das ehedem teuerste Bauwerk der alten Bundesrepublik, das offiziell bis dahin gar nicht existiert hatte. Es meldeten sich 16 Interessenten, einer wollte dort ein „Bunkerwunderland“ einrichten, aber das Geschäft kam nicht zustande. So wurde die Anlage bis auf den nackten Beton zerlegt. Das Stuttgarter Unternehmen Weidleplan erstellte eine Liste des Inventars, das entsorgt werden musste: 751 084 laufende Meter Kabel, 3871 Schalter, 3304 Zimmertüren, 371 Warn- und Alarmhupen, 266 Filter für atomare, biologische und chemische Giftstoffe sowie unzählige andere monströse Kleinigkeiten.

Seit 2008 befindet sich in der postmodernen Burg ein Museum, das aber nicht so heißen darf. Es nennt sich „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ und wird vom Heimatverein Alt-Ahrweiler geführt. Der hatte mit 35 Besuchern in der Woche gerechnet. Inzwischen waren aber fast eine Million Interessenten da. Seit in der Ukraine Krieg herrscht, kann sich Heike Hollunder gar nicht mehr retten vor Anfragen. „Das nimmt Dimensionen an, die kann man sich nicht vorstellen“, sagt sie. Viele hätten schon gefragt, ob sie einen Platz im Bunker reservieren könnten. Darunter seien „Leute, die ganz, ganz viel Angst haben“. Und ein vermögender Mann aus Koblenz wollte gar die komplette Tunnelanlage anmieten. Doch Hollunder sagt: „Hier kann man sich nur noch vor dem Gewitter verstecken.“

Weitere Themen