Atomenergie in Finnland Ungewisse Zukunft

Von Silke Bigalke 

Finnland setzt drei Jahre nach dem GAU von Fukushima stärker auf Atomkraft als je zuvor. Doch statt einer Renaissance erlebt Finnland ein Desaster. Nichts läuft nach Plan.

Auf der finnischen Atom-Halbinsel Olkiluoto produzieren bereits zwei Reaktoren Strom, der dritte, Olkiluoto III, befindet sich im Bau. Foto: TVO
Auf der finnischen Atom-Halbinsel Olkiluoto produzieren bereits zwei Reaktoren Strom, der dritte, Olkiluoto III, befindet sich im Bau. Foto: TVO

Olkiluoto - Das japanische Fernsehteam will die Aussicht einfangen, bevor die Sonne vom finnischen Februar verschluckt wird. Die Kamera schwenkt vom Besucherzentrum über die zugefrorene See des Bottnischen Meerbusens. Auf der anderen Seite der Bucht heben sich karminrote Quader vom Winterhimmel ab: die Reaktoren der finnischen Atom-Halbinsel Olkiluoto. Zwei produzieren bereits Strom, der dritte, Olkiluoto III, befindet sich im Bau. Ein vierter Reaktor wird gerade ausgeschrieben. Gleich nebenan graben die Finnen mit Onkalo eines der ersten Endlager für hochradioaktive Abfälle weltweit in den Felsboden. Finnland setzt, drei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima, stärker auf Atomenergie als je zuvor. Es möchte unabhängig werden von Importen aus dem Ausland, vor allem aus Russland.

Pasi Tuohimaa, Pressechef des Atom-Konzerns TVO, drückt aufs Tempo. Seine Tour hat erst begonnen. Er weiß: die Japaner, die nach Fukushima ratlos sind, wohin mit den verstrahlten Trümmern, interessieren sich besonders für das Endlager Onkalo. Europa dagegen schaut auf den Reaktor Olkiluoto III. Ihn haben die Finnen 2003 in Auftrag gegeben, als erstes europäisches Atomkraftwerk seit Tschernobyl 1986. Vielen galt der Schritt als Zeichen einer Renaissance der Atomenergie in Europa. Olkiluoto III soll zudem der erste Europäische Druckwasserreaktor (EPR) werden, das größte, modernste, sicherste Kraftwerk der Welt. Doch statt einer Renaissance erlebt Finnland ein Desaster.

Areva und der deutsche Konzern Siemens bauen gemeinsam

Das Kraftwerk, das 2009 ans Netz gehen sollte, ist noch immer nicht fertig. Zuletzt hatte Betreiber TVO auf 2016 gehofft, mittlerweile möchte er keinen Termin mehr nennen. Schuld für die massiven Verzögerungen gibt er dem französischen Staatskonzern Areva, der das Kraftwerk gemeinsam mit dem deutschen Konzern Siemens für TVO baut, für rund drei Milliarden Euro. Die Baukosten werden inzwischen aber auf mehr als 8,5  Milliarden Euro geschätzt. Wer die Mehrkosten bezahlt, ist unklar. TVO und Areva verklagen sich gegenseitig auf Schadenersatz in Milliardenhöhe. „Wir haben einen Vertrag über ein schlüsselfertiges Projekt mit einem festen Preis“, sagt Tuohimaa von TVO.

Ein grauer Kleinbus fährt die Besucher im Schritttempo um die Baustelle. Die Kuppel über dem Reaktor bestehe aus fünfmal so viel Stahl wie der Eiffelturm, erzählt Tuohimaa. Sie soll einem abstürzenden Passagierflugzeug standhalten. Große gelbe Maschinen pumpen Luft unter die Kuppel, um zu testen, ob sie dicht ist und den Druck aushält. In der Turbinenhalle versucht Ingenieurin Käthe Saparanta auf alles hinzuweisen, das den Fortschritt der Arbeiten bezeugt: In allen Rohren, Kästen und Messgeräten stehe bereits Wasser. Mit der Farbe, die sich in Eimern stapelt, soll bald der Fußboden gestrichen werden. Und die fertige Turbine von Siemens, sieben mal siebzig Meter in einer dunkelblauen Ummantelung, die größte Turbine der Welt in einem Atomkraftwerk, warte nur darauf, dass der Rest fertig wird.

Alles hänge am automatischen Leitsystem, dem Gehirn des Kraftwerks, dessen Tests sich verzögern, sagt Saparanta. „Das System ist komplex, und vielleicht hat man die Arbeitsmenge unterschätzt.“ Mit „man“ meint sie Areva, dem TVO schlechte Vorbereitung vorwirft. „Die Planung muss fertig sein, bevor man anfangen kann. Aber sie war nicht fertig.“ Das wiederum bestreitet Areva und beklagt, TVO zeige „mangelhaften Willen zu kooperieren“ in der letzten Phase, in der Hersteller und Betreiber eng zusammenarbeiten sollten.