Attentäter von Köln Ganz rechts unterwegs

Von  

Der Attentäter von Köln, der die Politikerin Henriette Reker schwer verletzte, hatte in den 90er Jahren Kontakte in die Neonazi-Szene. Frank S. war unter anderem bei einem „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ in Luxemburg dabei.

Dieses Polizei-Foto zeigt das Messer, mit dem Frank S. die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker niedergestochen hat. Foto: AFP
Dieses Polizei-Foto zeigt das Messer, mit dem Frank S. die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker niedergestochen hat. Foto: AFP

Ein solches Selbstbildnis hätten jene Männer, die sich für Vertreter der Herrenrasse halten, wohl lieber vermieden: Säuberlich aufgereiht liegen sie mit dem Gesicht nach unten in einer Wiese, die Springerstiefel staubig, die Hände von der Polizei mit Plastikbindern gefesselt. Das Foto wurde am 13. August 1994 in Luxemburg gemacht. Es zeigt einige der 200 vornehmlich deutschen Neonazis, die sich hier zum „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ versammelt hatten. Mit dabei: Frank S., der Attentäter von Köln, der am letzten Samstag die Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker niedergestochen hat. Der heute 44-jährige Mann hatte in den 90er Jahren Kontakte in die Neonazi-Szene, wie der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz inzwischen erklärte. Es dauerte zwei Tage, bis die Ermittler entsprechende Informationen aus der Antifa-Szene in Bonn offiziell bestätigten – strafrechtlich relevante Informationen aus der Zeit sind inzwischen gelöscht.

Rudolf Heß wurde zur Märtyrerfigur stilisiert

Die Informationen, die jetzt öffentlich wurden, legen einen Schluss nahe: Frank S. gehörte zwar niemals zu den Führungskadern der bekannten Neonazigruppen. Er war jedoch enger an die Szene gebunden als jene vielen Mitläufer und jungen Männer, für die Anfang und Mitte der 90er Jahre „Rechts sein“ eine Art Jugendkultur oder Daseinsform ohne größeren ideologischen Überbau darstellte.

Denn wer 1994 nach Luxemburg fuhr, der musste schon eine gewaltige Motivation mitbringen und wusste auch, dass er Gefahr lief, verhaftet zu werden. Seit 1993 änderte der Staat seine Gangart gegen die Szene. Insgesamt elf Organisationen wurden binnen zwei Jahren verboten. Darunter war am Ende auch die „Freiheitliche Arbeiterpartei“ (FAP), zu der Frank S. laut Verfassungsschutz Kontakte unterhielt.

Hinter den deutschen Behörden lagen einige Jahre der Zuspitzung. Es hatte die Ausschreitungen von Rostock und Hoyerswerda gegeben, die Mordanschläge von Mölln und Solingen, es bildeten sich überall im Land kleine, gewaltbereite „Nationale Kameradschaften“. In dieser Zeit waren die Neonazis so selbstbewusst, dass sie in einer Art Steckbriefsammlung namens „Der Einblick“ Namen, Fotos und Adressen von etwa 250 ihnen missliebigen Personen auflisteten. Nach seinem Freitod 1987 war der NS-Kriegsverbrechers Rudolf Heß zur zentralen Märtyrerfigur der Szene stilisiert worden, jährlich versammelten sich bis zu 2000 Neonazis zu Gedenkmärschen – zunächst an seinem Grab in Wunsiedel, nach einem Verbot aber andernorts: die Aktionen waren klandestin und mit unbekanntem Ziel geplant. Die Teilnehmer informierten sich über geheime so genannte „Nationale Telefone“ und stapften am Ende „Sieg Heil“ brüllend und Reichskriegsflaggen schwenkend durch kleinere Orte.

Zog sich Frank S. später aus der Szene zurück?

In den Tagen vor dem erwarteten Rudolf-Heß-Gedenkmarsch von 1994 waren die Innenminister der Bundesländer sehr erpicht darauf, sämtliche Aktionen zu unterbinden. Neonazis hatten in mehr als 30 Orten zu Aufmärschen aufgerufen. Alle angemeldeten Versammlungen waren von den Behörden verboten, etliche Verbote von Gerichten bestätigt worden. Wo sich Rechtsextremisten versammelten, wurden sie festgenommen.

Wer also trotzdem marschieren wollte, so wie Frank S., der musste wirklich wollen, gute Kontakte zu den Rädelsführern der Szene haben und entsprechende Telefonnummern kennen. Die 200 Neonazis, die in Luxemburg aufmarschierten, hatten zuvor eine Irrfahrt durch Deutschland und über Belgien mit wechselnden Informationen über den Zielort absolviert, um dann im Nachbarland zu landen. Dort wurden sie festgenommen, ein Bus mit Insassen aus Karlsruhe wurde sogar direkt ins Staatsgefängnis umgeleitet. Luxemburg schob die Gefangenen ab – der Bundesgrenzschutz erfasste die Personalien. Ob Frank S. sich nach dieser Erfahrung aus der Szene zurückzog, ist bisher unklar. Seine Gedankenwelt jedoch scheint geblieben zu sein. Den Ermittlern zufolge war er in jüngerer Zeit in rechtsradikalen Foren im Internet aktiv.