Mohammed Merah ist ein bekannter und vom Geheimdienst beobachteter Islamist. Mit Gewalttaten hat ihn bis jetzt niemand in Verbindung gebracht.
Toulouse - Es ist vier Uhr am Mittwochnachmittag. Seit 13 Stunden haben Einsatzkräfte der Antiterroreinheit der französischen Polizei, genannt Riad, Haus Nr. 17 in der Rue Sergent Vigné in Toulouse umstellt. In der Parterrewohnung hat sich Mohammed Merah verschanzt, der mutmaßliche Attentäter, der am Montag drei Schüler und einen Lehrer am Eingang einer jüdischen Schule in der südwestfranzösischen Stadt erschossen und zuvor in derselben Stadt und im nahe gelegenen Montauban drei Fallschirmjäger mit Kopfschüssen getötet hat. Als die Beamten der der deutschen GSG-9 vergleichbaren Truppe um 3 Uhr zehn in der Nacht in das Haus eindrangen und Merah zu überraschen versuchten, feuerte dieser durch die verschlossene Wohnungstür und verletzte drei Beamte. Seitdem dauert die unentschiedene Situation an.
Das vierstöckige Wohnhaus in der von kleinen Einfamilienhäusern gesäumten Straße wurde weiträumig umstellt. Straßensperren wurden errichtet. Einsatzfahrzeuge und Krankenwagen beherrschen das Bild. Die Bewohner wurden aus Sorge vor eventuellen Explosionen evakuiert. Ab und zu kommt Innenminister Claude Guéant, der den Einsatz leitet, zu den Medien hinter der Absperrung und berichtet vom Stand der Horrorspektakels.
Es handele sich um den Attentäter, hatte Guéant schon am frühen Morgen mitgeteilt. Er sei schwer bewaffnet, unter anderem habe er eine Kalaschnikow, eine Maschinenpistole vom Typ Uzi und andere Handfeuerwaffen. Eine Pistole habe er zum Fenster hinausgeworfen, um dafür ein Gerät zu erhalten, mit dem er mit der Polizei kommunizieren könne. „Der Mann spricht viel“, berichtet Guéant später. „Er hat uns seinen kriminellen Weg beschrieben.“
Ein französischer Staatsbürger algerischer Herkunft
Gesprächig hatte sich Merah bereits um ein Uhr in der Nacht bei einem Telefonanruf beim Sender France 24 gezeigt. Darin bekannte er sich nach einem Bericht der Dienst habenden Redakteurin zu den Anschlägen, bestätigte, dass er seine Taten selbst gefilmt habe und kündigte weitere Aktionen an. Am Nachmittag präzisiert Merah: er habe Polizisten töten wollen.
Im Lauf des Vormittags war der Kontakt zwischen Merah und der Polizei abgebrochen. Er wolle nicht mehr verhandeln, habe er erklärt. Die Polizei verlegte sich daraufhin aufs Abwarten. Sie will den Mann, wie Innenminister Guéant sagt, lebend.
Merah ist französischer Staatsbürger algerischer Herkunft. Er hat zwei Brüder und zwei Schwestern, die ebenfalls einer islamistischen, jedoch gewaltlosen Bewegung zugerechnet werden. Er arbeitete als Karosserieschlosser und ist ein Motorradfan. Schon als 14-Jähriger sei er auf einem leichten Motorroller herumgefahren. Über seinen Werdegang, wann und wie er zum radikalen Islam konvertierte, ist bis jetzt nur wenig bekannt. Er hatte sich bei der Fremdenlegion beworben, war aber nach dem ersten sogenannten Integrationstreffen, angeblich wegen psychischer Instabilität, abgelehnt worden.
Nachbarn haben ein widersprüchliches Bild von dem bärtigen Mann geliefert. Eine Frau, die auf derselben Etage wohnt, beschreibt ihn als einen verschlossenen jungen Mann, in dessen Gegenwart sie immer ein ungutes Gefühl gehabt habe. Er habe sich stets unauffällig verhalten, sei nicht gesprächig gewesen und habe seine Wohnung immer sorgfältig verschlossen gehalten. Eric Lambert, dessen Sohn Cédric die Wohnung auf der Etage über der des mutmaßlichen Serienmörders bewohnt, hat ihn dagegen als „eine ganz normale Person“ kennengelernt, als jemanden, „der nicht den größten Lärm macht“. Als sein Sohn vor ein paar Monaten einzog, habe Merah von sich aus angeboten, beim Ausladen eines Sofas aus dem Möbelwagen zu helfen und es die Treppe hinaufzutragen. Christian Etelin, ein Anwalt, der ihn seit acht Jahren kennt, sagt, er sei „sanft und höflich, auf jeden Fall nicht hart“.
Merah ist der Polizei bekannt
Der Polizei ist Merah bekannt. Kleine Delikte wie Handtaschenraub oder Fahren ohne Führerschein habe er sich zuschulden kommen lassen, aber keine Gewalttaten, teilen die Ermittler mit. Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan stand er indes unter Beobachtung des Geheimdienstes. Merah soll sich mehrmals nach Pakistan und Afghanistan begeben haben, berichtet der Innenminister. Merah gehört damit mutmaßlich zu der Zahl islamistischer junger Leute, die in den vergangenen Jahren aus Europa nach Afghanistan gingen, um sich in afghanisch-pakistanischen Lagern der Al-Kaida zu Kämpfern ausbilden zu lassen. Ihre Zahl wird von Geheimdiensten auf etwa 150 geschätzt. Ungefähr zwanzig von ihnen sollen französischer Nationalität sein. Durch den Tod Osama bin Ladens, die Bedrohung durch US-Drohnen sowie finanzielle Schwierigkeiten der Al-Kaida sind diese Ausbildungen praktisch zum Erliegen gekommen.
Merah war nach unbestätigten Angaben 2010 in der afghanischen Stadt Kandahar wegen eines Delikts festgenommen und dann nach Frankreich ausgewiesen worden. Nach einem anderen Bericht soll es ihm gelungen sein, bei einem Massenausbruch inhaftierter Taliban mit zu entkommen. Danach sei er auf eigene Faust nach Frankreich zurückgekehrt. Die Überwachung des Rückkehrers durch die französischen Dienste schien jedenfalls keinen Anlass für besondere Sorge gegeben zu haben. Seit den Bombenanschlägen von 1995 hat es in Frankreich keine Attentate mit islamistischen Hintergrund mehr gegeben. Die Annahme, dass das Land eine von der Bedrohung durch radikale Islamisten freie Zone sei, ist jedenfalls durch die Dramen von Toulouse und Montauban widerlegt.
Auf die Spur Merahs waren die Fahnder durch die Prüfung Tausender Akten von ehemaligen Militärs, die Durchsicht von Dossiers vermutlicher Mudschaheddin, die Verfolgung von Internetadressen und die Befragung von Motorradhändlern in der Region gekommen. Imad Ibn Ziaten, der 30-jährige Fallschirmjäger, der am 11. März erschossen worden war, hatte am 24. Februar auf der Internetseite Leboncoin.fr sein Motorrad zum Verkauf angeboten und darauf 575 Antworten erhalten. Bei der Rückverfolgung der Antworten stießen die Fahnder auf die Internetadresse der Mutter Merahs, nach einem anderen Bericht auf die eines seiner Brüder. Deren Telefone wurden darauf abgehört, was aber keinen Anhaltspunkt für die Fahndung brachte.
Um ihn zu fassen, verbreitete die Polizei zunächst nur Nebel
Erst nach dem Überfall am Montag auf die jüdische Schule und dem vorausgegangenen Attentat auf die Fallschirmjäger Abel Chennouf und Mohamed Legouad in Montauban erhielt die Polizei von dem Toulouser Yamaha-Händler Christian Dellacheru den entscheidenden Hinweis. Er erinnerte sich an einen Kunden, der an einem schwarzen Motorroller den Chip, der zur Ortung gestohlener Fahrzeuge dient, ausbauen lassen wollte. „Normalerweise kommen die Leute, um sich einen solchen Chip einbauen zu lassen“, berichtet der Händler, „nicht um ihn zu entfernen.“ Der Kunde war ihm bekannt. Es war Mohammed Merah, der den am 6. März gestohlenen Roller inzwischen für seine Tat am Montag hatte weiß spritzen lassen.
Von dem Moment an war es für die Polizei nicht mehr schwer, den Täter einzukreisen. Um sicherzugehen, ihn zu fassen und eventuell auch Mittäter oder Unterstützer aus dem islamistischen Milieu stellen zu können, verbreiteten sie jedoch zunächst nur Nebel. „Mangels Hinweisen ermitteln wir in alle Richtungen“, erklärte Innenminister Claude Guéant noch am Dienstag. In Wahrheit wurde bereits die Operation vorbereitet, deren Ausgang sich nach Stunden des Wartens weiter hinzog.
Kurz nach Mittag kam Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Auf dem Weg zum Begräbnis der drei Fallschirmjäger in Montauban machte er in Toulouse Station, um sich mit dem Innenminister und den Führern der Polizeikräfte zu beraten. Für einen Triumph war es noch zu früh. Dafür hatten andere, wie Marine Le Pen, die Kandidatin der Nationalen Front, nicht gezögert, den seit dem Attentat vom Montag herrschenden politischen Frieden zu durchbrechen und das Drama für ihre Ziele auszuschlachten. Die Gefahr des Fundamentalismus sei unterschätzt worden, erklärte sie im Rundfunk. Dafür machte sie den seit Jahren herrschenden „Laxismus“ der Regierung – sprich: Sarkozys – verantwortlich. Der Präsidentschaftswahlkampf geht weiter.