Abt Nikodemus Schnabel äußert sich zunehmend öffentlich, auch in den sozialen Medien. Foto: IMAGO/epd
Als Abt in Jerusalem erlebt Nikodemus Schnabel, der aus der Region Stuttgart stammt, den Nahostkonflikt hautnah. Seine Einschätzungen sind auch in der deutschen Politik gefragt.
Vor Kurzem ist er Gast einer Gesprächsrunde im Fernsehen gewesen. Eine neue Erfahrung sei dies für ihn gewesen, sagt Abt Nikodemus Schnabel über die Teilnahme an der Sendung im Bayerischen Rundfunk.
Derzeit ist der Abt der Dormitio Abtei in Jerusalem in Israel tätig – ehe der Benediktinermönch wieder aufbricht. Wieder nach Deutschland, zu Gast bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen und Zusammentreffen, ob etwa in Tübingen anlässlich einer Veranstaltung des Neuen Kunstmuseums oder im Landkreis Fulda.
Der Vater von Nikodemus Schnabel war aktiv in der Ditzinger Kommunalpolitik
Seine Worte werden zunehmend gehört, auch hier in der Region – dies spätestens, seit er aus familiären Gründen in Ditzingen weilte. Sein Vater Dieter Schnabel hat bis zu seinem Tod im November 2024 über mehrere Jahrzehnte für die Unabhängigen Bürger Politik im Gemeinderat der Großen Kreisstadt gemacht. Andere wurden auf ihn aufmerksam, weil er im März 2023 zur Einweihung des Neues Kunstmuseums nach Tübingen kam. Die Verbindung ist geblieben, derzeit wird gar über eine Kooperation nachgedacht.
So ungewöhnlich ist die Verbindung zwischen dem Abt der Dormitio Abtei und dem Kunstmuseum nicht. In der Hochphase des Nahostkonflikts wurde das Kloster auf dem Zionsberg zu einem Zentrum der Kunst, ein Festival lud die Menschen ein zu einem Zeitpunkt, als Kino und Theater geschlossen waren. Und da saßen sie dann beieinander, die Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Religion. Auch wenn sie als Kriegsgegner nicht miteinander redeten: Nebeneinander sitzend und miteinander schweigend den kulturellen Darbietungen zu lauschen – das ging wohl.
Abt Nikodemus Schnabel erlebt den Nahostkonflikt in Jerusalem hautnah
Ein Verzicht auf Kunst – das ist für Nikodemus Schnabel auch oder gerade in Kriegszeiten nicht vorstellbar, „dann geht sehr viel Menschliches verloren“. Die Mönche waren geblieben, für die mehr als 20 Mitarbeitenden war ebenfalls weiterhin zu sorgen, auch wenn die Pilger ausblieben. Der Abt macht keinen Hehl daraus, dass das Kloster auf Spenden angewiesen ist.
Es sind diese positiven Momente, die ihn tragen, die von der israelischen Zivilgesellschaft geprägt sind, von ihrer Solidarität. „Die Frage ist doch, ob ich meine Seele vergiften lasse von den Negativerfahrungen“, sagt er. Er antwortet mit einem klaren Nein: „Ich bin total begeistert, wenn ich sehe – wir haben ja gerade Krieg –, wie viele enge Freundschaften gerade in dieser Zeit entstehen.“
Gespräche mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul
Abt Nikodemus Schnabel hat einst Philosophie und Katholische Theologie studiert, unter anderem in Fulda, München und Jerusalem. Er trat 2003 in die Benediktinerabtei der Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem ein und nahm dort den Ordensnamen Nikodemus an. 2013 wurde er zum Priester geweiht, fünf Jahre später machte er ein Sabbatical im Auswärtigen Amt. Seit 2023 steht der promovierte Wissenschaftler als Abt dem Kloster vor, er leitet neben der Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion das Priorat in Tabgha am See Genezareth.
Die Verbindungen des Ostkirchenexperten in die Politik sind geblieben, so gab es zuletzt Gespräche mit Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul (beide CDU) sowie dem Bundestagsvizepräsidenten Bodo Ramelow (Linke). Er begrüße die Haltung des Außenministers zur Bedeutung von Religion in der Diplomatie. „Ich bin sehr dankbar, dass der Faktor Religion im Auswärtigen Amt wieder auf der Agenda ist.“ Denn das sei nicht immer so gewesen.
Nikodemus Schnabel ist auch regelmäßig in Podcasts zu hören
Nikodemus Schnabel wird gehört, nicht, weil er Lösungen anbietet, sondern weil er einordnet, vielleicht auch erklärt, darstellt – aber eben niemals das Wort für eine der Kriegsparteien ergreift. „Ich bin pro Mensch.“ Zunächst sei da der Mensch in seiner Würde. „Alles andere ist sekundär. Momentan erlebe ich eine Umkehrung, Sekundäres wird primär.“ Dazu gehört für ihn auch die Sprache, die bedachte Wahl der Worte. „Worte schaffen Wirklichkeit und verändern sie.“
Die Dormitio-Abtei in Jerusalem Foto: imago/ imagebroker
Dass Nikodemus Schnabel auch in den sozialen Medien aktiv ist, als Gesprächspartner in abrufbaren Podcasts zur Verfügung steht, von seinem Leben in Jerusalem berichtet, von den Übergriffen auf ihn, den erkennbaren Christen, mag dazu beitragen, dass er im deutschsprachigen Raum zunehmend an Präsenz gewinnt. Wie er auf die Angriffe reagiert? Er spricht ruhig, wählt seine Worte bewusst, weil „das Wort Wirklichkeit schafft und etwas verändert“. Deshalb aber hat er auch klare Worte für einen Angreifer, der ihn als Christen beschimpft. „Es gehört zum Alltag leider dazu, dass Leute vor mir und hinter mir ausspucken. Dass mich Leute aber anspucken oder mich anrempeln oder verbal angreifen, ist zum Glück nicht Alltag.“
Nahostkonflikt: Wohin geht es? Richtung Frieden oder zurück in die Hölle?
Es sei ruhiger geworden, anders als in der heißen Phase des Krieges. „Es ist eine Zwischenzeit. Das ist weder-noch. Also es ist nicht mehr die Hölle auf Erden. Es ist nicht mehr dieses tägliche Vernichten, Sterben, das Leid in unermesslichen Dimensionen. Es ist aber auch kein Friede.“ Die Frage sei, in welche Richtung sich die Lage entwickle: „Richtung Frieden, Versöhnung, die eine Zukunft ermöglichen? Oder kippt das Ganze wieder zurück in die Hölle?“