Schwäbische Alb Zwei Naturschützer zeigen – so gefährdet sind heimische Falter

Die grünliche Raupe des Großen Schillerfalters eingefroren an der Knospe einer Salweide Foto: /Günter Künkele

Zwei Naturschützer zeigen, wie gefährdet die heimischen Falter auch im Winter sind.Eine Tour auf der Schwäbischen Alb.

Bei jedem Schritt knirscht der Schnee trocken wie Backpulver unter den Stiefeln. Neuschneeklang, wie ihn nur große Kälte erzeugt. Bevor sich dieser Winter doch wieder nur als laues Lüftchen entpuppen wird, überrascht er ganz zu Beginn mit einigen klirrend frostigen Tagen.

 

Ideales Wetter, um auf der Schwäbischen Alb nach Schmetterlingen Ausschau zu halten. Zumindest für Friedhelm Mai. Seit seiner Jugend in der DDR ist der 62-Jährige fasziniert von Faltern aller Art. Sein Geld verdient er in der Produktion einer Metallfirma, nebenberuflich ist der Autodidakt ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Lepidopterologie, wie die Schmetterlingskunde wissenschaftlich heißt. Fachkundige Laien, Neudeutsch Citizen Scientists, wie Mai sind es, die landauf, landab in Zeiten massiven Insektenschwunds ihre Schmetterlingssichtungen melden und dazu beitragen, ein genaueres Bild vom Vorkommen und vom Gefährdungsgrad der Insekten zu zeichnen.

In Baden-Württemberg werden solche Daten in der Landesdatenbank Schmetterlinge am Naturkundemuseum in Karlsruhe gesammelt, um sie der Forschung und dem Artenschutz zur Verfügung zu stellen. So gelang es Friedhelm Mai und dem Hengener Naturschützer Günter Künkele vor drei Jahren bei Metzingen erstmals seit 1927, das an dem Standort verschwunden geglaubte Gelbe Ordensband, einen Nachtfalter aus der Familie der Eulenfalter, nachzuweisen.

Künkele kritisiert den „Ordnungswahn“

Minus sieben Grad zeigt das Thermometer an diesem milchtrüben Wintermorgen. Mai und Künkele haben für ihre Suche den Friedwald bei Münsingen ausgewählt. Während sie durch das weit verzweigte Wegenetz streifen, erzählen sie davon, wie wenig Wissen über Schmetterlinge und andere Insekten ihrer Ansicht nach bei der Bevölkerung, bei Förstern, Waldarbeitern und auch bei den Behörden existiert. Dabei wäre das, wie sie betonen, extrem wichtig.

„Beschweren sich Spaziergänger, dass irgendwo Äste in die Waldwege hängen, werden sie halt abgeschnitten“, sagt Mai. Künkele, der gerne pointiert formuliert, spricht von einem weit verbreiteten „Ordnungswahn“, der zulasten der Biodiversität gehe. Dabei weisen Naturschützer wie der 71-Jährige seit vielen Jahren die Naturschutzbehörden darauf hin, welcher Schaden allein durch das Mulchen und Abmähen von Waldwegerändern zur falschen Zeit entstehen kann. Meist vergeblich. „Es ist eine Sisyphusarbeit“, sagt Künkele.

An einer ganz unscheinbaren Stelle bleibt Mai stehen. Hier am Wegrand ist der Mischwald nicht besonders dicht, eher struppig und lichtdurchflutet. Den Pfad säumen ein paar junge Salweiden. „Anders als im Wirtschaftswald“ erklärt Künkele, „wird hier im Friedwald entlang der Wege und Pfade wenig abgesäbelt.“ Er biegt vorsichtig einen der niedrig hängenden dürren Äste bis auf Kopfhöhe herab. Friedhelm Mai zückt indes sein Fernglas, um weiter oben den Baum zu inspizieren. „Er ist unglaublich“, sagt sein Freund und zeigt auf Mai, „er sucht die winzigen Raupen am Baum mit dem Feldstecher.“

Der Große Schillerfalter, auf den es die beiden abgesehen haben, gehört zu jenen Schmetterlingsarten, die im Raupenstadium überwintern. Andere überstehen die Kälteperiode als Ei. Der C-Falter verharrt als ausgewachsener Falter gut getarnt in Winterstarre. Und wieder andere wie der Admiral wandern nach Süden ab oder überstehen wie die Zackeneule die Kälte in Höhlen. Viele Falterarten bevorzugen für ihre Überwinterungsstrategie bestimmte Futter- und Eiablagepflanzen. Beim Großen Schillerfalter ist das fast immer die Salweide.

Das Frostschutzmittel der Natur

Dass an diesen Weiden Raupen sitzen könnten, darauf deuten an den ansonsten laubfreien Bäumen einige wenige vertrocknete Blätter, die an hauchdünnen, fast unsichtbaren Gespinstfäden schweben. „Das Weibchen des Großen Schillerfalters fliegt im Sommer entlang der Waldwegschneisen und legt die Eier an den Blattspitzen ab“, erklärt Mai. Etwa ab August fressen sich die geschlüpften Raupen auf der Mittelader des Blatts Richtung Zweig. Was nach dem Festmahl vom Blatt übrig bleibt, baumelt anschließend, wenn der Wind es dran lässt, an einem seidenen Faden.

Im zweiten Stadium entwickeln die etwa einen Zentimeter langen Räupchen ihre typischen Hörner, die sie wie eine zu klein geratene Nacktschnecke aussehen lassen. Beim Großen Schillerfalter sind die Raupen olivgrün gefärbt, beim Kleinen Schillerfalter braun. Die Raupen überwintern auf einem Gespinstpolster, entweder an den Knospen, in Astgabeln oder an der Rinde der Salweide. Eine Art Frostschutzmittel in ihrem Organismus verhindert, dass sie erfrieren.

Werden die Raupen im Frühjahr wieder aktiv, verfärben sie sich zu einem kräftigen Grün. „Mit wärmer werdender Witterung beginnt die Raupe, an den Knospen zu fressen“, sagt Künkele. Seinen Namen trägt der Große Schillerfalter, weil die Flügel des ausgewachsenen Männchens in einem bestimmten Lichtwinkel kräftig blau schimmern.

Friedhelm Mai hat mit dem Fernglas eine der Raupen in einer Astgabel entdeckt. „Keine Chance, sie zu sehen, wenn man nicht genau weiß, wo man suchen muss.“ Weil die Weibchen nie mitten durch den Wald flattern, sondern immer entlang der sonnigen Wegführungen ihre Eier ablegen, sitzen die Raupen auf den zum Weg hin orientierten Ästen. Zu ihrer winzigen Größe kommt, dass sie vor dem Hintergrund der graugrünen Rinde perfekt getarnt sind. Fast unsichtbare Waldbewohner, von deren Existenz kaum jemand weiß. Ein Beschneiden der in den Weg hängenden Äste oder das Fällen der Weiden wäre auch jetzt, außerhalb der Vegetationsperiode, der sichere Tod der Raupen.

Glitzernde Eier

„Die Zerbrechlichkeit des Naturraums Wald mit all seinen biologischen Geheimnissen zu verstehen, kann man vom normalen Waldnutzer nicht verlangen“, sagt Künkele. Und meint damit auch: sehr wohl aber von den Experten in den Behörden, die dafür verantwortlich sind, zu welcher Zeit wo und wie Waldwege gepflegt werden. „Je mehr Strukturvielfalt im Wald, desto mehr Arten“, so Künkele. Dazu gehörten neben einer reichhaltigeren Baumartenvielfalt im Forst eben auch Hochstaudenfluren, Strauchschichten und wirtschaftlich wenig ertragreiche Weichhölzer wie Pappel und Weiden entlang der Waldsäume.

Eine kurze Autofahrt führt Mai und Künkele zu einem Feldrand bei Hengen, einem Stadtteil von Bad Urach. Auf die Pappel als Eiablagepflanze ist das Blaue Ordensband spezialisiert. „Der Nachtfalter legt seine stecknadelkopfgroßen Eier in den Ritzen der Pappelrinde ab“, erklärt Mai, der jetzt mit einer Taschenlampe die Borke absucht. „Im Lichtkegel glitzern die Eier ein wenig.“ Wo Ackerland auf Wald trifft, gelte dasselbe wie entlang der Waldwege: Sträucher und eine Vielfalt der Baumarten erleichtern das Überleben der Arten.

Zuletzt stoßen Mai und Künkele am Rand einer der für die Albhochebene typischen Offenlandflächen auf eine Schlehenhecke, die einem Waldstreifen vorgelagert ist. Ein eiskalter Wind macht hier, nahe Römerstein, den Aufenthalt zur frostigen Qual. „So giftig kann die Alb im Winter sein“, sagt Günter Künkele und zieht seine Mütze ein Stück tiefer über die Ohren.

Die hauchzarten Eier des Nierenfleck-Zipfelfalters schaffen es, selbst bei solchen Verhältnissen zu überleben. „Wir haben an diesen Schlehen zuletzt 15 bis 20 Faltereier gefunden“, erzählt Mai. Auf knapp 800 Meter Höhe legt der Tagfalter aus der Familie der Bläulinge an dieser Stelle seine winzigen kugelförmigen Eier ab. „Im Sommer flattert er den ganzen Waldsaum entlang“, sagt Künkele, der früher Lehrer war und im Bund Naturschutz Alb Neckar aktiv ist.

Er deutet auf einen winzigen Punkt in der Astgabel einer Schlehe. Ein strahlend weißes, wabenartig strukturiertes Ei von etwa einem Millimeter Größe. Der Nachweis ist wichtig, weil auch hier, entlang eines Asphaltwegs, jederzeit der Rückschnitt droht.

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