Stuttgart - Verlorene und Versehrte sind die Helden im Kosmos des Schriftstellers Norbert Scheuer, Männer und Frauen, denen die Zeit vieles, manchmal alles nimmt, verachtet von der Welt, aber gesegnet mit innerem Reichtum. Was abständig, vielleicht sogar kitschig klingen mag, gewinnt in Scheuers Erzählen eine ganz und gar eigene und eigentlich poetische Wirkmacht. Die Hauptfigur seines neuen Romans „Winterbienen“ ist in dieser Hinsicht exemplarisch.
Egidius, ein Spross der verzweigten Sippe der Arimonds, die Scheuers Bücher von Anfang an bevölkert, darf nicht mehr als Lehrer arbeiten und kümmert sich um seine Bienen und diverse Frauengeschichten, wenn er nicht gerade in der Leihbibliothek von Kall in der Eifel sitzt und spätmittelalterliche Schriften aus dem Lateinischen übersetzt.
Die Krankheit ist Schutz und Bedrohung zugleich
Es ist der Januar des vorletzten Kriegswinters 1944. Egidius Arimond muss wegen seiner Epilepsie nicht an die Front, schwebt aber in der Gefahr, irgendwann doch vom Euthanasie-Raster des NS erfasst zu werden. In präparierten Bienenkörben bringt er gegen Bezahlung Juden zur nahen belgischen Grenze, was ebenfalls zunehmend schwierig und riskant wird. Im Tagebuch notiert er diese Aktionen mit derselben anteilnehmenden Nüchternheit wie das Leben und die Pflege seiner Bienenvölker im Wechsel der Jahreszeiten. Die alliierten und die deutschen Fliegerverbände am Himmel über der Eifel registriert er, Bruder eines waghalsigen Kampfpiloten, mit besonderem Interesse, zumal all die Dornier DO 217, Mitchell B-25 und Lockheed P-38 von Kriegsmonat zu Kriegsmonat häufiger ihre Bombenlast auch auf Kall abladen.
Das ehemalige Bergbau- und Sommerfrischestädtchen Kall ist in allen Romanen von Norbert Scheuer der Ort, an dem Schicksale sich kreuzen. In „Winterbienen“ spielt die vom Menschen jahrhundertelang in demiurgischer Unrast durchwühlte Landschaft zwischen dem Flüsschen Urft und dem „Bergschadensgebiet“ wieder eine zentrale Rolle. Das gilt im doppelten Sinne. Ohne die Residuen des Bergbaus, die Tagebauseen, geheimen Stollen und verrostenden Sprengbunker wäre es Egidius Arimond nicht möglich, sich und seine Fluchthelfertätigkeit bis fast zum Ende des Krieges zu verbergen. Zugleich nimmt die Beschreibung der zeitweise immer noch friedlichen Natur und aller Kreatur, der Bienen und ihrer Trachten auf den Eifelwiesen zuvörderst, großen Raum ein.
In der Eifel führen alle Fäden der Geschichte zusammen
Die Bilder des nach Licht und Wärme strebenden Lebens von Mensch und Tier, des Schöpferischen wie des Sorgenden im Bienenstock und außerhalb, werden mit dem Vorrücken der Front auf die Eifel zu, mit dem Schlachten im Hürtgenwald, den Einquartierungen vom Endsieg grölender Soldaten in den Hintergrund gedrängt. Den Schrecken des Bombenkriegs entsprechen Egidius‘ verheerende epileptische Anfälle. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen die erzählte Welt kurz aufzuatmen scheint.
Zur Parallelführung der lebenspendenden Bienen und der todbringenden Schwärme der Flieger in der Gegenwart des Erzählers öffnet sich der Blick in die Vergangenheit ganz weit, wenn der ehemalige Lateinlehrer an den Fragmenten vom Ende des 15. Jahrhunderts arbeitet. Sie stammen von einem Vorfahren, der als Junge nicht nur das Herz des in Italien gestorbenen großen Kirchenlehrers Nikolaus Cusanus in seine Heimat an die Mosel, sondern auch die ersten Bienenvölker von jenseits der Alpen in die Eifel gebracht hatte. Der Name dieses Vorfahren, Ambrosius Arimond, ist ein deutlicher Fingerzeig, dass dieser Roman anschließt an einen früheren: In der „Sprache der Vögel“ (2015), der ebenfalls als Journal erzählten Geschichte eines Sanitätssoldaten im Afghanistankrieg Anfang des 21. Jahrhunderts, sind wie in „Winterbienen“ die Aufzeichnungen eines Ambrosius Arimond die Folie für die Leiden eines gegenwärtigen Krieges.
Man hat Norbert Scheuer gelegentlich vorgehalten, die globalen Gewalterfahrungen der Gegenwart interessierten ihn weniger als sein Eifeler Mikrokosmos. Aber das, was an der Oberfläche aussehen mag wie heimatliches Klein-Klein, steht eben auf einem Untergrund voller Höhlen, Gänge und Schächte: der unergründlichen menschlichen Seele.
Norbert Scheuer: Winterbienen.
Roman. Verlag C. H. Beck, München. 319 Seiten, 22 Euro.