Auf ein Bier mit den Comedian Harmonists Das Wunder von Stuttgart

Zwanziger Jahre da wie dort: Die Comedian Harmonists (links)  auf der Bühne des  Alten Schauspielhauses mit Gästen  vom Friedrichsbau Varieté. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 7 Bilder
Zwanziger Jahre da wie dort: Die Comedian Harmonists (links) auf der Bühne des Alten Schauspielhauses mit Gästen vom Friedrichsbau Varieté. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ovationen im Stehen sind im Alten Schauspielhaus nicht üblich. Großartigen Erben der Comedian Harmonists gelingt nun aber das Wunder von Stuttgart. Beim Bier sprachen die Sänger über Lehren aus den alten Zwanzigern für heute.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)
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Stuttgart - Die ganze Welt ist wie verhext, wenn im Lenz der Spargel wächst. Nicht nur Veronika weiß ganz genau, was der Frühling aus Menschen macht. Der fröhliche Foxtrott von 1930 zählt zu den bekanntesten Schlagern der Comedian Harmonists. Den witzig-anzüglichen Text unterstreichen die jungen Erben der ersten deutschen Boyband auf der Bühne des Alten Schauspielhauses mit einer speziellen Choreografie. Immer, wenn vom wachsenden Spargel gesungen wird, halten die nobel Gewandeten die Hände vor den Schritt – und bewegen dabei die Finger nach oben, eher galant als anstößig.

Seit 15 Jahren besucht der bekannte Stuttgarter Strafverteidiger Hanno H. Haupt als Abonnent das 1909 erbaute Theater an der Kleinen Königstraße. Noch nie, sagt er, habe er in diesem altehrwürdigen Jugendstilgebäude Ovationen im Stehen erlebt. An diesem Abend ist’s anders. Dem Anwalt gefällt, wie gut gelaunt das Publikum ist. Viele singen die Ohrwürmer auf dem Nachhauseweg. Und sie können dabei beobachten, wie die Sänger hinauseilen in die Nacht.

Treff im Paulaner mit den Kollegen vom Friedrichsbau

Die stürmisch bejubelten Theatermänner müssen sich sputen. Nur bis 23 Uhr ist die Küche im Paulaner geöffnet. Dort sind die Vokalartisten mit Kollegen verabredet – mit Ensemblemitgliedern der 1920er-Show, die gerade im Friedrichsbau-Varieté gespielt wird. Beide Programme handeln von der Zeit, die man golden nennt. In der Großstadt Berlin wurde gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Und heute? Wenn heute eine Brauerei aus der Großstadt München in der Großstadt Stuttgart eine Gaststätte betreibt, muss bis 23 Uhr das Essen durch sein. So sind die neuen Zwanziger halt.

Eben noch vollbrachten sie im Smoking gesangliche Höchstleistungen, jetzt kommen die Jungs mit Hemd und Jeans zum Treffen in die Brauerei. Jeden Abend liegt ihnen das Stuttgarter Publikum im ausverkauften Haus zu Füßen – im Paulaner sind sie normale Biertrinker; nett, bescheiden, freundlich, fröhlich lachend.

Männer sind unter sich

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“ singen sie in der „biografischen Revue“. Auch privat sind sie gute Freunde geworden. Männer unter sich. Keine Frau spielt mit in diesem Erfolgsstück. Neben dem Sextett gehört zur Clique der Schauspieler Uwe-Peter Spinner, der aus jeder seiner kleinen Rollen ein Kabinettstückchen macht.

Ein Freund bleibt immer Freund. Selbst wenn jeder Freund für sich hervorragend singen kann in seiner Stimmlage, heißt das noch lang nicht, dass es zusammenpasst. Die große Kunst ist es, in verschiedenen Akkorden perfekt zusammenzufinden. So virtuos gelingt dies ihnen, so gut verstehen sich Tobias Rusnak, Loic Damien Schlentz, Michael Rapke, Marc Trojan, Tobias Hagge und Florian Fries, dass sie nach Stuttgart als Gruppe weitermachen wollen – nicht nur mit den Hits der Harmonists.

Zwei Sänger wohnen in einem Zimmer im Altersheim

Nach der Vorstellung sitzen sie meist zusammen wie in einer Männer-WG. Michael Rapke, der beim Windsbacher Knabenchor seine Liebe zum Gesang entdeckt hat, kocht für alle in der Theaterküche. Sie wohnen getrennt, zwei haben ihr Zimmer in einem Altenheim. „An Weihnachten haben wir für die Senioren gesungen“, erzählt Rapke, „das war ein Erlebnis!“ An diesem Abend kocht er nicht. Mit den Kollegen vom Pragsattel geht’s ins Paulaner. Extra zum Vorstellungsbesuch des Varieté-Ensembles lassen die Harmonists auf der Bühne den Namen Friedrichsbau fallen, wo sonst die Scala genannt wird. In der Brauereigaststätte reden sie nun über die Unterschiede. Das Varieté lässt die frühen Zwanziger hochleben, als diese golden waren. Im Alten Schauspielhaus sind die späten Zwanziger das Thema, als die Arbeitslosigkeit immer größer wurde.

„Die Gefahr von rechts darf nicht unterschätzt werden“

Die Nazis haben die Comedian Harmonists, die aus Juden und „Ariern“ bestanden, entzweit – die Gruppe hat sich aber auch auseinanderreißen lassen und nicht zusammengehalten. „Die Parallelen von damals und heute sind beängstigend“, meint Tobias Hagge. „Wehret den Anfängen“, klingt es aus der Runde. Merlin Johnson, Conférencier im Friedrichsbau, fürchtet, dass man die Gefahr von rechts heute unterschätzt wie in den 1920ern. „Damals dachten viele, die Braunen sind eine vorübergehende Erscheinung“, sagt er, „und es wurde immer schlimmer.“

Die Vorstellungen sind nicht nur ein Genuss, sie sind auch eine Lehrstunde. Anwalt Haupt ist so begeistert, dass er außerhalb seines Abos noch mal zu einer Musikrevue kommen will, die wie der kleine grüne Kaktus sticht, sticht, sticht.

Wo es noch Karten gibt

Die Neuinszenierung des Stücks „Die Comedian Harmonists“ nach dem Buch von Gottfried Greiffenhagen wird noch bis zum 25. Januar unter der musikalischen Leitung von Florian Fries im Alten Schauspielhaus an der Kleinen Königstraße gespielt. Für die restlichen Vorstellungen gibt es noch vereinzelt Karten unter Telefon 07 11 / 22 77 00 oder 07 11 / 2 26 55 05 sowie im Netz unter www.schauspielbuehnen.de.

Bis zum 23. Februar geht die Spielzeit von „1925 – Die 20er-Jahre-Revue“ im Friedrichsbau Varieté auf dem Pragsattel. Tänzerinnen, Sängerinnen, Artisten und der hintergründig-witzige Conférencier Merlin Johnson präsentieren das Lebensgefühl einer goldenen Ära. Karten gibt es unter Telefon 07 11 / 2 25 70 70 sowie unter www.friedrichsbau.de.




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