Zum Geburtstag des Wahrzeichens Der Fernsehturm voller Blütenpracht
Der Florist Heinz Schick erinnert an seine einstige Meisterprüfung: Dafür stattete der Senior aus Fellbach den Turm farbenfroh mit Blumenschmuck aus. Einen Haken hatte die Sache.
Der Florist Heinz Schick erinnert an seine einstige Meisterprüfung: Dafür stattete der Senior aus Fellbach den Turm farbenfroh mit Blumenschmuck aus. Einen Haken hatte die Sache.
Fellbach - Er ist Tag für Tag an ihm vorbeigelaufen – an dem prägnanten Stuttgarter Wahrzeichen, das damals gerade gebaut wurde. Die Rede ist vom Fernsehturm. Heinz Schick war von Anfang an fasziniert von dem beeindruckenden Bau. „Auf meinem Weg ins Geschäft und abends zurück in das Haus in Degerloch, in dem ich damals wohnte, habe ich den Fernsehturm täglich zwei Meter wachsen sehen“, sagte der Seniorchef des gleichnamigen Blumengeschäfts in der Thomas-Mann-Straße in Fellbach, das nun von seinem Sohn Thilo Schick geführt wird.
In diesem Jahr ist der Stuttgarter Fernsehturm 65 Jahre alt geworden. Als er von diesem Geburtstag gehört hat, wurden bei Heinz Schick Erinnerungen wach. Seine Frau bestätigte ihn. „Du hast doch mal was mit dem Fernsehturm gemacht“, sagte sie und ihr Mann fing an, genauer zu recherchieren. Fein säuberlich verstaut im Bücherregal, neben Tagebüchern, fand der 87-Jährige dann, was er suchte: jede Menge Skizzen, zu einem Buch gebunden, in denen der Fernsehturm prachtvoll mit Blumen ausgestattet dargestellt wird. „Für den theoretischen Teil der Meisterprüfung als Blumenbinder sollten wir ein uns bekanntes Gebäude einem besonderen Anlass entsprechend dekorieren. Natürlich nur in der Theorie“, erklärt Heinz Schick.
Also beschaffte sich der damals am Anfang seiner Floristenlaufbahn stehende Fellbacher die Baupläne des Turms und dachte sich einen schönen Anlass aus. „Ich schmückte für eine Jubiläumsfeier des ADAC.“ Und weil das ein schönes, fröhliches und stilvolles Fest sein sollte, passte er seine florale Dekoration entsprechend an. Es dominierten in seiner Vorstellung helle, gelbe Blumen, vorwiegend Rosen. „Dazu kamen hochgewachsene Blüten und Zweige. Alles sollte aktiv sein und Bewegung in den Raum bringen“, sagt Heinz Schick und macht klar, wie viel Vorarbeit für einen passenden Blumenschmuck geleistet werden müsse.
In vielen Skizzen stimmte der Florist die farbliche, formale und jahreszeitliche Ordnung der Blumen mit der Architektur des Fernsehturms ab. „Das Treppengeländer war an verschiedenen Punkten mit Rosen umrankt und verziert. Das Ganze musste ja einer Meisterarbeit würdig sein, also war vom Eingang bis hoch alles pompös geschmückt.“ Auch Tischschmuck, in Hellblau und Grün gehalten, habe es gegeben. Dafür hat der 87-Jährige extra eine passende Pflanzschale entwickelt. „Um das alles aufs Papier zu kriegen, musste man schon richtig gut zeichnen können“, sagt Heinz Schick – und fügt einen Satz an, der wohl als sein Lebensmotto verstanden werden kann. „Ich habe einfach immer versucht, aus dem was ich kann, das Beste zu machen.“
Zur Blumenbinderei kam der umtriebige Mann auf Umwegen – und durch Schicksalsschläge: Er war mitten in der Ausbildung zum Gärtner und glücklich, in der Gärtnerstadt Fellbach lernen zu dürfen. Da stand eines Tages – 1955 war das – sein Onkel vor der Tür. „Er sagte, dass meine Mutter und mein Bruder im Krankenhaus liegen und ich schnell heimkommen müsse, um dem Vater mit der Landwirtschaft zu helfen.“ Also eilte Heinz Schick zurück in die Heimat in den Löwensteiner Bergen. Er machte aber sofort unmissverständlich klar, dass er wieder gehen werde, sobald die Notlage vorbei wäre. Es sollte anders kommen. Heinz Schick half bei der Obsternte und fiel dabei vom Baum. Zwei Wirbel waren gebrochen, Heinz Schick musste acht Wochen lang liegen. Die Zukunft als Gärtner oder Landwirt war nicht mehr denkbar. „Ich musste mir einen körperlich leichteren Job suchen. Da war es naheliegend, Blumenbinder zu lernen.“ Die Gärtnerlehre und ein ärztliches Attest brachten ihm eine verkürzte Lehrzeit ein. Nach zwei Semestern war Heinz Schick im Frühjahr 1958 Floristengehilfe.
Dann ging es – wie der Senior es ausdrückt – „zack, zack“, bereits 1959 eröffnete er mit seiner Frau den eigenen Betrieb. Da hatte er die theoretische Meisterprüfung mit dem Fernsehturm schon erfolgreich absolviert. Drei Jahre später erfolgte der praktische Teil, und dann durfte Heinz Schick auch selbst ausbilden. „Das war toll. Wir sind auch oft umgezogen und haben uns verbessert“, sagte Schick, der die Geschäfte längst an die nächste Generation abgegeben hat.
Er selbst hat im Ruhestand zur Motorsäge gegriffen und angefangen, Holzkunst herzustellen. Der naturliebende Mann ist oft in seinem Waldgarten in Kurzach zu treffen, umgeben von schönen Blumen. Wenn der 87-Jährige dort sitzt, denkt er manchmal an den Fernsehturm und die Arbeit, die ihn mit dem Wahrzeichen verbindet. „Der Turm wird für mich immer Heimat verkörpern.“