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Auf Reisen Übergepäck

Wer zu viel einpackt, zahlt drauf. Wer selbst zu viel auf die Waage bringt, aber nicht. Ist das gerecht?

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Flughafen Stuttgart, neulich am Check-in-Schalter: Ganze 25 Kilo wiegt der Koffer - zwei Kilo zu viel. „Tut mir leid, da müssen Sie jetzt draufzahlen“, verkündet die Dame von der Lufthansa und setzt ihr freundlichstes Lächeln auf. Der Fluggast, männlich, 53, lächelt nicht zurück. „Ich habe nur dieses eine Gepäckstück und mich selbst!“, entgegnet er aufgebracht. Die Dame wirft einen besorgten Blick auf die Warteschlange, der nächste Gast - 1,90 Meter hochgewachsen und an die 100 Kilogramm schwer - wird langsam ungeduldig. Das Gewicht seines Rucksacks zieht an seinen Schultern, zwischen den Beinen ruht eine Laptoptasche.

Der Fluggast folgt ihrem Blick und schlussfolgert: „Wenn ich draufzahle, dann aber bitte auch der Herr hinter mir.“ - „Wo liegt hier das Problem?“, will der sofort wissen. Bevor das Drama seinen Lauf nimmt, spricht die Dame schnell ein Machtwort: Vorschrift sei nun einmal Vorschrift, zwei Kilo mehr im Koffer bedeuten 50 Euro Zusatzkosten, das Handgepäck sei gebührenfrei, die Statur der Fluggäste spiele da keine Rolle. Und das Gesamtgewicht? Schließlich rechtfertigen Fluggesellschaften seit Jahren ihre saftigen Zusatzgebühren mit dem Argument: Mehr Gewicht gleich höherer Treibstoffverbrauch - und das kostet eben.

Eine Fluglinie in der Südsee wiegt auch die Passagiere

Dabei wiegen beim Flug nicht nur die Gepäckstücke schwer, sondern auch die Fluggäste. Mittlerweile sind viele Airlines sogar dazu übergegangen, für jedes aufgegebene Gepäckstück einen Zuschlag zu verlangen - auch der bisher im Flugpreis inbegriffene Koffer muss nun in einem Extra-Tarif dazugebucht und extra bezahlt werden. Wer also sparen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als weniger einzupacken - oder sich auf das Handgepäck zu beschränken. Eine winzige Fluglinie auf der Südseeinsel Samoa geht noch einen Schritt weiter: „Ein Kilo ist ein Kilo ist ein Kilo“ - so lautet der Slogan von Samoa Air.

Keine Zusatzgebühren und Schluss mit der Diskriminierung, denn für die Airline steht fest: Gewicht ist Gewicht, ob Mensch, Gepäck oder Ladegut jeglicher Art. Warum also nur das Gepäck der Fluggäste wiegen, schließlich fliegen die selbst ja auch mit. „You only pay what you weigh“, behauptet die Airline weiter, Fluggäste zahlen nur so viel, wie sie als Gesamtpaket wiegen. Am Check-in-Schalter heißt es dann: Bitte einmal mit auf die Waage steigen! Vorab können die Fluggäste ihr Eigengewicht und das ihres Gepäcks online angeben; der Ticketpreis selbst wird dann aber direkt vor Ort je nach Entfernung mit 0,34 bis 0,72 Euro pro aktuellem Kilo individuell berechnet.

Mit diesem neuen System will die Fluglinie für mehr Transparenz bei den Ticketpreisen sorgen und damit ihre Kunden glücklicher machen. Statt Standardpreisen gibt es individuelle Preise nach Gewicht. Durch die Online-Buchung kann die Crew eine vorläufig passende Sitzplatzverteilung entsprechend der Statur der Gäste vornehmen. Für die Bewohner auf Samoa hat dieses Konzept aber auch erhebliche Nachteile, denn rund 90 Prozent der Bevölkerung gelten hier als zu dick. Manch übergewichtiger Insulaner verzichtet da lieber ganz aufs Fliegen, statt für die eigenen Extra-Kilos draufzuzahlen. In Deutschland stößt dieses Konzept auf geteilte Meinungen: In den sozialen Netzwerken kritisiert man nicht die Höhe der Preise fürs Übergepäck, sondern deren einheitliche Berechnung.

Während sich also die einen fragen, „warum soll ich mit 75 kg Körpergewicht und 45 kg Gepäck (darin 10 kg Übergepäck) mehr zahlen als ein Mensch mit 130 kg und 35 kg Normalgepäck?“, sehen andere darin nicht die Lösung des Problems: „Was hilft es mir als Normalgewichtiger, wenn der Dickleibige mehr zahlt, ich aber dennoch neben ihm keinen Platz habe?“ Dass solche Aussagen herabsetzend sind, ist auch den Fluggesellschaften bewusst. Sie versuchen deshalb durch nüchterne und einheitliche Vorschriften jegliche Diskriminierung ihrer Fluggäste zu vermeiden - was in der Praxis allerdings nicht immer gelingt. Erst kürzlich hat der Australier James Andrew Bassos die Nationalflugline der Vereinigten Emirate, Etihad Airways, auf insgesamt 190 000 Euro Schmerzensgeld verklagt.

Auf einem 14-Stunden-Flug von Abu Dhabi nach Sydney im vergangenen Jahr hatte sich der Australier massivst von seinem beleibten Sitznachbarn bedrängt gefühlt. Um dieser Enge zu entgehen, verrenkte sich Basso stundenlang. Die dadurch verursachten Rückenschmerzen seien bis heute noch spürbar, behauptet der Australier. Noch ist der Fall nicht entschieden, eine Richterin in Brisbane wird im Dezember darüber verhandeln. Allerdings richtet sich der Unmut der „normalen“ Fluggäste nicht nur gegen beleibte Sitznachbarn, sondern auch gegen groß gewachsene Personen: Es sei „eine Zumutung, wenn normale Leute die Ellenbogen, Schultern oder den Fettschwabbel dieser Herrschaften abkriegen“, kommentiert ein User im Netz.

Eine neue, bessere Holzklasse soll Beleibten mehr Platz bieten

Aber genauso wenig, wie es Übergewichtigen möglich ist, ihre Kilos kurzfristig vor einem Flug loszuwerden, können groß gewachsene Personen ihre Zentimeter nicht einfach kürzen. Für die Betroffenen gibt es wenige Ausweichmöglichkeiten. Bislang galt hier: entweder gleich zwei Sitzplätze in der Holzklasse buchen oder die teure Business-Class vorziehen, wobei Fluglinien wie Condor, Delta, Cathay Pacific Airways und All Nippon Airways bei nicht ausgebuchten Flügen den zweiten Platz in der Economy-Class erstatten. Einige Fluggesellschaften wie Air France, Air New Zealand, British Airways und Cathay Pacific umgehen dieses Dilemma mit einer Zwischen-Klasse, der Premium Economy-Class.

Hier sorgen ein deutlich größerer Sitzabstand und breite Sitze für mehr Freiraum. Seit Anfang dieses Jahres hat auch die Lufthansa nachgezogen und eine neue Edel-Holzklasse eingeführt. Hier hält eine doppelte Armlehne die Leibesfülle oder die Ellenbogen des Nachbarn im Zaum. Für mehr Beinfreiheit sorgen 17 Zentimeter mehr Sitzabstand, zusätzlich sind die Sitze zehn Zentimeter breiter. Wer besseren Service für die mehreren Hundert Euro Aufpreis erwartet, wird enttäuscht.

So zieht das Portal Austrianaviation.net nach einem Praxistest in der Premium Eco das Fazit: „Bessere Hardware, der Inhalt ist aber der gleiche.“ Die Fluglinie Condor bietet in ihrer Premium Eco auf Kurz- und Mittelstrecken seit 2010 mehr Sitzkomfort durch einen frei bleibenden Mittelplatz. Auf Langstreckenflügen sind breitere Sitze buchbar. Jedoch haben diese neuen Edel-Holzklassen unabhängig von der eigenen Statur einen klaren Vorteil: Im Preis inklusive sind zwei Freigepäckstücke, die jeweils bis zu 30 Kilo schwer sein dürfen.

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