Auf und Ab in Stuttgart Eine Liebeserklärung an die Stäffele

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Sie sind kleine Biotope, dienen als Outdoor-Fitnesszentren und verbinden Arm mit Reich. Stuttgart, deine Stäffele: ein Berg- und Talspaziergang durch die Landeshauptstadt.

Die Staffel Im Kaisermer startet mit der Hektik der   Heilbronner Straße  und  endet in ruhiger Halbhöhenlage. Foto: Eberhard Rapp
Die Staffel Im Kaisermer startet mit der Hektik der Heilbronner Straße und endet in ruhiger Halbhöhenlage. Foto: Eberhard Rapp

Stuttgart - Bei Stufe 53 wird ein Verschnaufer nötig. Ein paar tiefe Atemzüge mit der Hand am Eisengeländer, die Augen gehen hinunter ins Tal, wo der Verkehr rauscht, dann dem kleinen Vogel nach, der am Boden pickt, ins Geäst, wo schon ein paar Blattspitzen durchbrechen, und schließlich nach oben, wo sich gerade Gegenverkehr ankündigt – eine Frau mittleren Alters. Beschwingt tänzelt sie die Stufen hinunter und lächelt wissend und verständnisvoll. Stäffele verlangen einen eigenen Rhythmus, Pausen richtig zu setzen ist wichtig, vor allem bergauf. Sonst kommt man am Ende total durchgeschwitzt an.

Bergab geht es zwar leichter, aber auch da sollte man sich nicht überschätzen. Stäffele sind eine Art Outdoor-Fitnesszentrum, ein Trainingsprogramm für Bauch, Beine, Po gibt es hier gratis. Sie sind kleine Biotope in der Großstadt, wo relative Stille herrscht, wo Eidechsen, Eichhörnchen und Mäuse hausen. Sie befördern einen zu Fuß ungeheuer schnell von unten nach oben oder von oben nach unten, Welten verbindend, Brüche zeigend.

Das gilt hier auf dem unglaublich steilen, zunächst noch als Weg beginnenden Oberen Reichelenbergweg im Süden ebenso wie Im Kaisemer im Norden, wo die Halbhöhenlage durch Treppen direkt an die S-21-Baustelle angeschlossen ist. Die kuriose Doppelstaffel an der Hornbergstraße im Stuttgarter Osten vereint auf ganz eigene Weise eher kleinbürgerliche Gegensätze wie die Buchenhofstaffel im Westen eher großbürgerliche. Und von den noblen Gründerzeithäusern der Alexanderstraße sind Eroscenter und prekäre Lebensentwürfe nur einen Steinwurf entfernt – die Stuttgarter Schriftstellerin Anna Katharina Hahn lotet in ihrem Roman „Kürzere Tage“ diese Extreme und die dadurch besser als anderswo sichtbaren sozialen Verwerfungen sehr fein aus. Wo sonst kommt man zu Fuß in einer Viertelstunde vom Zentrum in einen dunklen Wald? Wo kann man Spaziergänge unternehmen, die einen auf Treppen dicht an Hochhäusern vorbeiführen und dann zwischen Villengärten entlang? Wo liegen alle Zutaten eines Gemeinwesens, Armut und Reichtum, Spielotheken und schicke Wohngebiet, oft nur ein paar Höhenmeter auseinander?

Immer eine Direttissima für Fußgänger

In Stuttgart mit seiner sehr speziellen Topografie. Dass es neben den zahlreichen, oft stark befahrenen Straßen, die sich vom Kesselgrund her am Hang entlang aufwärtsschlängeln, als Möglichkeit für Fußgänger immer eine Direttissima gibt, verdankt die Stadt vor allem ihren Stäffele. Sie wurden in der Zeit erfunden, als Stuttgart noch vom Weinbau bestimmt war. Bis ins 13. Jahrhundert reichen die Zeugnisse zurück, die belegen, wie der Rebenreichtum und das milde Klima im Laufe der Zeit zu einer einzigartigen städtischen Kulturlandschaft mit Stützmauern und Verbindungsstufen führten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekamen Letztere durch den Wohnungs- und Straßenbau an den Hängen eine neue Funktion und wurden fortan immer mehr und im Stil der sie umgebenden Wohnviertel ausgebaut. Es gibt Jugendstil- und Bauhausstaffeln, bröckelnde Nachkriegskreationen und schmucklose Betonsünden. Treppen führen zur Grabkapelle auf dem Rotenberg und mitten durch die Staatsgalerie, sie verwandeln den Stadtteil Berg in eine Art süditalienisches Dorf. Und wo sitzt man am Schlossplatz, neben dem so klug in den Ort eingepassten Kunstmuseum? Auf Stäffele!

Etwa 400 von ihnen gibt es zwischen Feuerbach und Degerloch, zwischen Kaltental und Zuffenhausen, so ganz genau lässt sich das gar nicht festlegen, denn die meisten Stäffele haben nicht einmal einen richtigen Namen. Fast dreißig Kilometer sind sie insgesamt lang, nicht nur deshalb sollten sie eigentlich längst zum Weltkulturerbe gehören. In Paris werden ein paar mickrige Escaliers auf dem Montmartre seit Jahrzehnten immer wieder von Abertausenden Touristen verewigt. In Barcelona finden alle Besucher die pompösen Aufgänge zum Montjuic total pittoresk. Und in Stuttgart? Wird man als Einheimischer zwar mit dem etwas peinlichen Namen Stäffelesrutscher belegt, nimmt den Grund dafür aber oft wenig zur Kenntnis.

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