Aufarbeitung des Missbrauchsskandals Regensburg weist den Pietisten den Weg

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Der bundesweit Aufmerksamkeit erregende Zwischenbericht zur Aufarbeitung der Vorfälle bei den Domspatzen setzt Impulse für die anstehende Untersuchung des Geschehens in den Heimen der evangelischen Brüdergemeinde.

Der Regensburger Dom  beherbergt die Domspatzen. Die Opfer  sexueller Gewalt   werden  entschädigt. Foto: Mauritius
Der Regensburger Dom beherbergt die Domspatzen. Die Opfer sexueller Gewalt werden entschädigt. Foto: Mauritius

Korntal-Münchingen - Regensburg ist Hunderte Kilometer von Korntal entfernt, und doch strahlt die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals bei den Regensburger Domspatzen auch ins Strohgäu aus. „Es ist gut, nach Regensburg zu schauen“, sagt etwa der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig.

Vor wenigen Tagen hatte das aus Kirchen- und Opfervertretern bestehende Aufarbeitungsgremium ein Konzept vorgestellt, wie den Opfern von sexueller und körperlicher Gewalt in Regensburg geholfen werden kann. „Es ist sehr wichtig, dass man Antworten gibt und dadurch Verantwortung formuliert wird“, sagt Rörig über die Transparenz, die mit dem Zwischenbericht in den Aufarbeitungsprozess gebracht wurde. Rörig bezeichnete das Konzept bundesweit als „Meilenstein der Aufarbeitung“. Er würdigte zudem den gegenseitigen Respekt der Beteiligten.

Just daran mangelt es in Korntal nach wie vor. Die Vertreter der beiden Opfergruppen und der Brüdergemeinde sind derzeit eher voneinander genervt. Detlev Zander, ein Korntaler Opfer, hatte die Vorfälle vor rund zwei Jahren öffentlich gemacht und steht dem Netzwerk Betroffenenforum vor. Er wirft anderen ehemaligen Heimkindern immer wieder – zu Recht oder Unrecht – vor, ihm schaden zu wollen. Diese, in der Regel die Vertreter der zweiten Opfergruppe, der Arbeitsgemeischaft (AG) Heimopfer, halten ihm wiederum vor, sich unnötig profilieren zu wollen.

Verhaltener Optimismus bei den Betroffenen

Nach monatelangem Streit sitzen sie sowie die Brüdergemeinde mit zwei Mediatoren an einem Tisch. Ein erstes Treffen fand statt, ein zweites soll Ende des Monats folgen. „Das Treffen war relativ friedlich und konstruktiv“ sagt etwa Wolfgang Schulz von der AG Heimopfer; Detlev Zander spricht aber auch von „hitzigen Diskussionen“. Beide äußern sich verhalten optimistisch über einen gemeinsamen Neustart.

Der erste Versuch einer Aufarbeitung unter der Leitung der Wissenschaftlerin Mechthild Wolff war gescheitert. Ihr war auch eine zu große Nähe zur Kirche vorgeworfen worden. „Wir werden keinen Mensch der Kirche akzeptieren“, sagt deshalb nun auch Schulz über den künftigen Aufklärer. Wolff hatte zudem die wissenschaftliche Untersuchung in den Mittelpunkt gerückt, während die Betroffenen zunächst aufklären wollten. So soll es nun auch kommen. Wer dieser Aufklärer sein wird, ist jedoch weiterhin unklar. Vorschläge liegen auf dem Tisch. Allerdings wurde Stillschweigen darüber vereinbart. Dass Detlev Zander und seine Mitstreiter abermals Ulrich Weber vorgeschlagen haben, den Aufklärer bei den Regensburger Domspatzen, ist freilich kein Geheimnis. Der Anwalt signalisiert zwar weiterhin seine grundsätzliche Bereitschaft, in Korntal tätig zu werden, gibt sich aber zurückhaltend. „Die Geschehnisse in Korntal müssen aufgeklärt werden, letztlich geht es nicht darum, wer es macht, sondern dass es gemacht wird.“ Aufarbeitungsprozesse ließen sich zudem nicht vergleichen, macht er deutlich, auch wenn die Vorwürfe in dieselbe Richtung zielten.

Regensburg zahlt hohe Anerkennungen

Die Regensburger Opfer werden als Anerkennung Beträge zwischen 5000 und 20 000 Euro erhalten. Solche Summen sind in Korntal nicht im Gespräch, zur Verärgerung der Betroffenen. Die Brüdergemeinde hält an ihrer Aussage fest, allenfalls bis zu 5000 Euro zu bezahlen. Die Pietisten lehnen sich damit an das Verfahren der Landeskirche Württemberg an. Dort gibt 5000 Euro für Betroffene, die von einer unabhängigen Kommission anerkannt wurden. Die Korntaler können davon aber nicht profitieren. Die Landeskirche hatte der Brüdergemeinde laut deren Sprecher beschieden, dass sie dies selbst zu organisieren habe. Die Pietisten seien schließlich kein Mitglied der Landeskirche, sondern kooperierten lediglich mit ihr.