Der Maichinger Ortstvorsteher Wolfgang Stierle hat sich die prächtige Urkunde aus dem Archiv kommen lassen Foto: /Stefanie Schlecht
Große Sause im Kreis Böblingen: Dagersheim, Maichingen, Dachtel und Schönaich feiern ihre Ortsjubiläen. Schuld daran ist ein Codex des Klosters Hirsau und ein kleiner chronografischer Kunstgriff von Schönaich.
Der halbe Landkreis hat Geburtstag: Dachtel und Schönaich feiern 750 Jahre, Dagersheim und Maichingen 950 Jahre. Wie kommt es, dass Orte wie Deckenpfronn, Dätzingen, Döffingen und Weil der Stadt ebenfalls ihren 950sten haben? Die Vermutung liegt nahe, dass sie alle auf den selben Urkunden erwähnt wurden. Doch wie es so ist bei den Wissenschaften, sobald man ins Detail geht, wird es kompliziert.
Die Urkunde aus dem Jahr 1075 führt unter anderem den Ort „Mouchingan“ auf. Foto: Stefanie /Schlecht
In dieser Urkunde, dem sogenannten Hirsauer Formular wird die Loslösung des Klosters von seiner Stifterfamilie festgeschrieben. Unter den klösterlichen Besitztümern wird auch Maichingen aufgeführt, das Graf Adalbert II. von Calw kurz zuvor dem Kloster übereignet hatte. Diese Schenkung wird später auch in den Annalen des Klosters Hirsau erwähnt, dem so genannten Hirsauer Codex.
Wer also immer noch mit der Eingemeindung von Maichingen nach Sindelfingen hadert, dem bleibt der schwache Trost, dass mit Dörfern und Kommunen schon seit dem Mittelalter geschachert wurde.
Mittelalterliches Monopoly
Dass man in einer Art mittelalterlichen Monopolys seine Dörfer ausgerechnet an ein Kloster verschenkt, erscheint heute schwer vorstellbar. Doch für einen Menschen in dieser Zeit waren Glaube und Seelenheil nicht Privatsache, sondern eine Handelsware, und die Kirche hatte darauf das Monopol. Wer also ein Kloster mit Grundbesitz ausstattete, für den beteten die Mönche, und damit wurde ihm sein Anspruch auf das ewige Leben und die Vergebung der Sünden garantiert. Ein guter Deal – vor allem aus Sicht der Klöster, die dadurch schnell an weltlicher Macht und Einfluss gewannen. Das Kloster Hirsau schien in dieser Hinsicht besonders geschäftstüchtig gewesen zu sein.
Und damit zu einem Ort, der mit zahlreichen Veranstaltungen ein üppiges Jubiläumsjahr ausgerufen hat, zu Dagersheim. Man würde vermuten, der heutige Ortsteil von Böblingen sei ebenfalls auf dem Hirsauer Formular zu finden, aber das ist nicht der Fall. „Dagersheim ist jedoch im Hirsauer Codex verzeichnet“, sagt Daniel Pfeifer vom Böblinger Stadtarchiv, eben jener Mischung aus Geschichtswerk und Grundbuch. Dieses Werk wurde von älteren überkritischen Historikern mehr oder weniger als Märchensammlung abgetan, bis weitere Urkunden auftauchten, die jene Einträge in den Codex als exakte Daten bestätigen.
Schönaich feiert lieber im Sommer
Demnach hat im Jahr 1075 ein gewisser Luitprand von Hausen dem Kloster Hirsau drei Hufen vermacht, „für sein Seelenheil“, sagt Daniel Pfeifer, darunter auch Dagersheim. Eine Hufe war ein kleines bäuerliches Anwesen, der Nachname Hübner zeugt noch von den ehemaligen Pächtern einer solchen.
Schönaich und der Aidlinger Ortsteil Dachtel, die heuer den 750. Geburtstag begehen, sind auch auf zwei verschiedenen Urkunden dokumentiert. Dachtel wird 1275 ebenfalls im Hirsauer Codex erwähnt, Schönaich aber nicht und schon gar nicht im Jahr 1275. Seine Gründungsurkunde ist ein Jahr älter und stammt aus dem Jahr 1274, als die Grafen von Tübingen den Ort verkauften.
Warum Schönaich sein Jubiläum ein Jahr später feiert, erklärt der Event-Manager Martin Hausmann so: „Die Gründungsurkunde ist im Winter ausgestellt worden. Weil es sich aber im Sommer besser feiern lässt, begehen die Schönaicher ihre Ortsjubiläen seit 100 Jahren ein halbes Jahr später.“
Die Ortsnamen lassen eine andere Datierung zu
Wie alt die Orte tatsächlich sind, das weiß niemand. Eine andere Reihenfolge als die urkundliche Erwähnung kann man anhand der Ortsnamen bilden: Demnach müsste Weil der Stadt der älteste Ort sein, weil der Ortsname Weil von lateinisch „Villa“ abgeleitet wird, einem ländlichen römischen Anwesen. Maichingen, mit der typischen Endung -ingen, wird der sogenannten ersten germanischen Landnahme zugeschrieben, als die Alamannen von 260 in das Land zwischen Donau und Rhein einwanderten.
Die Endung -heim geht wohl auf die Franken zurück, die nach 500 in die Gegend kamen. Schönaich ist ein typischer Rodungsname aus dem Hochmittelalter, als die Siedlungsflächen nicht mehr ausreichten und die Menschen in die Wälder zogen, um dort ihr Auskommen zu finden. Der Ortsname Dachtel dürfte ebenfalls aus dieser Zeit stammen.
„Zu Hirsau in den Trümmern“
Das Kloster Hirsau existierte bis zur Reformation. Martin Luther hatte mit seinem Glaubenssatz „sola fide“, allein durch Glaube erlange man das Himmelreich, den Deal Land gegen Seelenheil empfindlich gestört. Als Württemberg protestantisch wurde, mussten auch die Klöster dran glauben. Sie wurden allesamt aufgelöst, nur jene Anwesen, die man als Klosterschulen brauchte, überlebten den Kahlschlag, unter anderem Hirsau. Doch das war das nur ein Aufschub.
In diesem Mauerviereck stand einst die Ulme von Hirsau. Foto: Günther Bayerl/SSG
Große Teile des einst baulich größten deutschen Klosters sind jetzt Ruinen, die mit dem Heidelberger Schloss gemeinsam haben, dass sie im Pfälzischen Erbfolgekrieg vom berüchtigten französischen Feldherrn Mélac niedergebrannt wurden. Mitten aus der Klosterruine wuchs ein malerischer Baum, den noch Ludwig Uhland bedichtet hat: „Zu Hirsau in den Trümmern. Da wiegt ein Ulmenbaum.“ Im Gedicht wurzelt der Baum im alten Klosterboden und stürmt mit den Zweigen gen Himmel, gemeint war tatsächlich Martin Luther.
In Maichingen erinnert man sich auf besondere Weise an das Kloster Hirsau , dessen Grundbuch die inflationären Ortsjubiläen ausgelöst hat. Die Maichinger planen am 29. Mai eine Radtour zum Kloster Hirsau, als eine von fast 25 Jubiläums-Veranstaltungen. Mit dieser Radtour kommen die Maichinger sozusagen zum zweiten Mal in 950 Jahren nach Hirsau. Diesmal nicht per Dekret, sonder per Veloziped.
Ohne Kloster keine Quellen
Hirsau Das Kloster bei Calw war eines der einflussreichsten in ganz Süddeutschland. Von ihm ging die Hirsauer Bauschule aus, die eine Bautradition mit betont schmucklosen Säulen und Kapitellen, sowie einfachen Bauformen der Kirchen durchsetzte. Die Hirsauer Reform führte in 120 Klöstern in Deutschland eine strenge geistliche Lebensweise der Ordensbrüder ein und geht selbst auf die Reformen von Cluny zurück.
Codex Der Hirsauer Codex ist eine 70 seitige Pergament-Handschrift, die im 15. Jahrhundert entstand und die Geschichte des Klosters schildert. Viele Familien- und Ortsnamen werden darin zum ersten Mal beschrieben, gedruckt wurde die Quelle 1843.