Das Video eines Fotografen, auf dem zu sehen ist, wie er eine junge Stuttgarter Polizistin anspricht und fotografiert, wird über Nacht zum viralen Tiktok-Hit. Wir haben mit Weniamin Schmidt, dem Mann hinter der Kamera, gesprochen.

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"Ich finde Sie sind bezaubernd schön, kann ich ein Bild von Ihnen machen?" Das Video von Weniamin Schmidt, wie er in Stuttgart eine junge Polizistin anspricht und nach einem Foto fragt, ist nur wenige Sekunden lang und wurde über Nacht zu einem viralen Hit.

Streetphotography in Stuttgart und Karlsruhe

Für den 32-jährigen Familienvater, der in der Nähe von Pforzheim lebt, sind genau diese Sekunden entscheidend, um am Ende das perfekte Bild zu schießen. "In diesem kurzen Zeitraum muss ich die Menschen anhalten, ansprechen und sie davon überzeugen, sich von mir fotografieren zu lassen." Streetphotograhy nennt sich das. Doch wie kommt man dazu, wildfremde Menschen in der Stuttgarter und Karlsruher Innenstadt anzusprechen, um diese abzulichten?

"Ich habe 2019 mit Porträtfotografie begonnen und irgendwann wurde mir das zu langweilig. Im Internet habe ich dann Videos von amerikanischen Fotografen gesehen, die Menschen auf der Straße ansprechen. Das wollte ich auch ausprobieren." 

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Durch einen Schicksalsschlag zur Fotografie

Zu seinem Hobby kam der Familienvater von drei Kindern durch einen Schicksalsschlag. Als professioneller Bodybuilder erlitt er eine Verletzung am Bauch und musste seine Karriere als Wettkampf-Athlet beenden. Genau in dieser Zeit entdeckte er die Fotografie für sich. "Meine Oma brachte mir eine Kamera, damit ich sie verkaufe. In dieser Zeit konnte ich nicht viel tun, also habe ich einfach angefangen und herumprobiert." Später investierte er in weiteres Equipment und belegte mehrere Workshops bei verschiedenen Fotograf:innen.

Das erste Streetphotography-Video stellte er am 24. April in diesem Jahr auf Tiktok. Daran erinnert sich Weniamin noch ganz genau: "Damals hatte ich nur 300 Follower." Aktuell sind es knapp 456 000 und es kommen täglich neue dazu.

"Die Leute sprechen mich an"

Vor allem die Videos eines Polizisten aus Karlsruhe und einer jungen Stuttgarter Polizistin sammelten mehrere Millionen Views und ließen die Followerzahlen innerhalb weniger Tage explodieren. 

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Nicht nur das Gesicht der Polizistin Bianca ist nun deutschlandweit bekannt, auch Weniamin selbst wird in der Stadt erkannt. "Die Leute sprechen mich an, kommen direkt auf mich zu. Manche reisen sogar extra aus anderen Städten nach Stuttgart oder Karlsruhe, weil sie darauf hoffen, mich zu treffen und fotografiert zu werden." Sozusagen wurde er selbst zum Promi über Nacht. "Millionär bin ich aber nicht, auch wenn das viele denken", spaßt der 32-jährige Schichtarbeiter.

Auch die Polizei Stuttgart zeigt sich überrascht über die Resonanz zu dem Clip der 29-jährigen Polizeihauptmeisterin. Pressesprecher Stefan Keilbach verrät, dass es auf der einen Seite natürlich toll sei, da die Kollegin sympathisch reagiert habe und das am Ende auch gute Werbung für die Polizei sei. Auf der anderen Seite stehe vor allem die Neutralität der Polizei im Vordergrund und man beobachte natürlich weiterhin die Entwicklungen im Netz, auch aus Schutz und Fürsorge der Kollegin.

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Mit der Aufmerksamkeit wächst auch der Druck

Natürlich ist so viel Trubel ungewohnt und auch nicht immer angenehm. Weniamin ist es außerdem wichtig, jede Nachricht, und das sind am Tag schon mal so 200-300, persönlich zu beantworten. "Der Druck ist groß, weil ich am liebsten allen gerecht werden will", sagt er.  

Weniamins Motto ist: "Ich fotografiere nur schöne Menschen - also alle." Diese Diversität zeigt sich auch auf seinem Account. Gepostet wird natürlich nur mit Zustimmung der jeweiligen Person. "Ich zeige vorher alle Bilder und lade sie nur hoch, wenn ich das darf." Ab und zu gab es auch schon anschließend eine Nachricht, mit der Bitte, das Bild oder Video wieder offline zu nehmen. "Die Personen fühlten sich mit der Aufmerksamkeit nicht wohl." Schuld daran waren auch einige negative Nachrichten und Kommentare.

Für Weniamin steht fest: Er will weitermachen. Denn am Ende bereite es den meisten Menschen eine Freude, so wie ihm selbst eben auch. Wir werden ihn bestimmt noch öfter in der Stuttgarter Innenstadt sehen.

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