Aufnahmeprüfung der Stuttgarter Schauspielschule Zehn Minuten für ein anderes Leben

David Liske als Phillipe Quatrepieds in Penelope. Er wurde in Stuttgart als Schauspieler ausgebildet. Foto: Dominik Eisele 2 Bilder
David Liske als Phillipe Quatrepieds in "Penelope". Er wurde in Stuttgart als Schauspieler ausgebildet. Foto: Dominik Eisele

Lisa Lasch will Schauspielerin werden, David Liske hat den Sprung schon geschafft. Ein Vormittag bei der Aufnahmeprüfung in Stuttgart.

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Stuttgart - Auf den Fluren herrscht Ruhe. Die innere Unruhe kennt kein Geräusch an diesem Tag, sie kennt nur Bewegungen: Hektisches Blättern in Monologbüchern, Hände werden geknetet, Lippen bewegen sich lautlos zu längst auswendig gelernten Texten, Anspannung verzerrt die Gesichtszüge. Jetzt. Jetzt kommt es darauf an. Zehn Minuten für ein anderes Leben.

500 Bewerber kommen jährlich zu den Aufnahmeprüfungen der Stuttgarter Schauspielschule. Die Dozenten vergeben acht Plätze. Schauspieler zu sein, für viele ist das der Lebenstraum, nur für wenige wird er sich an der Realität messen lassen müssen. Lisa Lasch will dieses Leben, das schon ein wenig nach Aufregung, Auftritten und Applaus klingt. Sie will Schauspielerin werden. Ihr kleiner Rollkoffer steht neben dem Sessel, in dem die 20-Jährige Platz genommen hat. Requisiten haben viele der Bewerber mitgebracht. Lisa hat auch noch etwas anderes als einen Traum und Accessoires im Gepäck: Sechs Absagen von sechs Vorsprechen.

Nebenjobs und unregelmäßige Arbeitszeiten

Bei David Liske hat es vor vier Jahren auf Anhieb geklappt. Ein Vorsprechen hat er gebraucht, dann begann für den damals 23-Jährigen der Traum vom Schauspielerleben. Unter der Schiebermütze lugen seine braunen Haare hervor, er trägt einen roten Kapuzenpulli zu Jeans und Turnschuhen. Entspannt sitzt er in der Mensa der Stuttgarter Schauspielschule. Seine Bühne ist inzwischen einige Kilometer weit entfernt, von dem Ort an dem alles begann. Liske ist Ensemblemitglied am Landestheater Tübingen. In den vergangenen Jahren stand er unter anderem als Phillipe Quatrepieds in "Penelope" von Leonora Carrington und als George Talbot in "Maria Stuart" auf den Theaterbühnen, aktuell spielt er den Ferdinand in "Der jüngste Tag" von Horvath.

Ein Traum? Ja, sagt David Liske. Der Traum hat folgende Eckdaten: 1750 Euro brutto im Monat, Nebenjobs und unregelmäßige Arbeitszeiten. Trotzdem ein Traum? "Ja", sagt Liske und klingt überzeugend. Ein Traumtänzer ist er nicht. "Ich habe nicht die Vorstellung vom goldenen Handwerk, das meinem Leben einen neuen Sinn verleiht", sagt der 27-Jährige. Als er im zweiten Jahr an der Schauspielschule war, wurde seine Freundin schwanger. Jeden Morgen musste er um 9 Uhr in Stuttgart zum Rollenunterricht antreten, während er zu Hause plötzlich eine ganz neue Rolle spielte, die des jungen Vaters. "Im Rückblick frage ich mich schon manchmal, wie das alles funktioniert hat", sagt er. Für Freunde blieb während der Schauspielschule kaum noch Zeit, und so waren die sieben Mitstreiter seines Jahrgangs oft die einzigen Bezugspunkte außerhalb der kleinen Familie. Oft schwankte er zwischen "Was mache ich eigentlich hier?" und "Alles super!". Es sei ein ziemlicher Spagat gewesen, die Kritik anzunehmen, sich aber nicht kleinkriegen zu lassen. Viel an sich gezweifelt habe er, es sei nicht einfach gewesen.




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