Der Bierkonsum am Marbacher Bahnhof treibt die Rathausspitze und die Stadträte um. Foto: Tobias Hase/dpa
In Marbach (Kreis Ludwigsburg) scheint die Alkohol-Szene am Bahnhof immer größer zu werden. Die Stadt ist machtlos, die Polizei schätzt die Lage als „eher unauffällig“ ein.
Christian Kempf
24.11.2025 - 09:55 Uhr
Bahnhöfe scheinen eine magische Anziehungskraft auf die Trinkerszene auszuüben. Oft kann man dort Grüppchen von vorwiegend Männern beobachten, die sich lautstark und wild gestikulierend unterhalten und in hastigen Schlücken Bierflasche um Bierflasche leeren. Ein Bild, das vielen Passanten auch vom Umfeld des Marbacher Bahnhofs vertraut sein dürfte. Allerdings hat das Ausmaß hier offenbar Dimensionen angenommen, die den üblichen Rahmen deutlich sprengen.
Das Thema treibt sogar die Rathausspitze und die Stadträte um. Am Anfang hätten sich nur „ein paar Leute“ zu Gelagen getroffen, berichtete Jürgen Waser (Grüne) unlängst im Ausschuss für Umwelt und Technik. „Inzwischen wird es unangenehm und abstoßend“, fügte er sogleich hinzu. Sogar tagsüber gehe es rund. Er könne sich gar nicht erklären, wo all die Personen herkommen. Beliebter Treffpunkt der Szene sei das große Messinstrument, das zu Ehren des Marbacher Wissenschaftlers Tobias Mayer auf der L’Isle-Adam-Anlage vor dem Bahnhof aufgestellt wurde.
Laut Bürgermeister geht es „laut und feuchtfröhlich“ zu
Der Marbacher Bürgermeister Jan Trost berichtet, dass aus der Trinkerszene der eine oder andere Spruch zu hören ist. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)
Bürgermeister Jan Trost bestätigte den Eindruck des Kommunalpolitikers. „Je nach Wetterlage sitzen sie auch in einem Wartehäuschen“, sagte der Rathauschef. Als „laut und feuchtfröhlich“ beschrieb Trost die Zusammenkünfte der Trinker. Ein Ehrenamtlicher, der das Messgerät regelmäßig reinige, bekomme vor Ort auch den einen oder anderen „Spruch reingedrückt“.
Man kann all das mit einiger Berechtigung unschön, lästig und vielleicht sogar bedrohlich finden. Der Marbacher Ordnungsamtsleiter Andreas Seiberling stellte jedoch auch klar, dass die Kommune kaum etwas gegen das alkoholgeschwängerte Treiben ausrichten kann. „Solange die sich einigermaßen verhalten, haben wir keine Rechtsgrundlage, etwas zu unternehmen“, betonte Seiberling. „Das reine Aufhalten und Trinken ist nicht verboten“, konstatierte er. Man habe lediglich eine Handhabe, wenn es zu Ruhestörungen, Vermüllungen oder Pöbeleien komme. Wobei es schon „superschwierig ist, eine Vermüllung zuzuordnen“, schränkte er ein.
Es ist aber auch nicht so, dass die Stadt überhaupt nicht aktiv würde. „Wenn es zu viel wird, wirkt der Ordnungsdienst auf einen Stellungswechsel hin“, erklärte Seiberling. Allerdings gebe es auf dem Gelände mehrere Orte, die bei der Szene als Treffpunkt beliebt seien. Sprich: Es kann sein, dass sich das Problem dann einfach verlagert.
Möglich wäre es zudem, den Trinkfreudigen die Sitzbänke am Bahnhof als Schlafgelegenheit madig zu machen. Das ist zum Beispiel an der Bushaltestelle des König-Wilhelm-Platzes in der Nähe der Innenstadt passiert. Hölzer wurden hier zur Unterteilung der Fläche montiert. Man kann sich jetzt nicht mehr bequem auf ganzer Länge ausstrecken. „Aber das ist am Bahnhof eher kein Thema. Man hält sich auf, konsumiert“, sagte Seiberling.
Der Platz rund um das Messgerät zu Ehren des Marbacher Wissenschaftlers Tobias Mayer ist besonders beliebt bei der Trinker-Clique am Bahnhof. Foto: Werner Kuhnle
Und zwar in einem Rahmen, der bei der Polizei nicht die Alarmglocken schrillen lässt. Die Lage werde als „eher unauffällig“ wahrgenommen, resümiert Yvonne Schächtele, Pressesprecherin des Präsidiums in Ludwigsburg. Sie macht aber keinen Hehl daraus, dass sich rund um den Marbacher Bahnhof häufig Personen aufhalten, „die durch ihr Auftreten oder ihr Verhalten das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigen können“. Es gehe dabei um die gleichen Phänomene, „die auch anderswo an öffentlichen Anlagen und Plätzen auftreten, also zum Beispiel dynamisches Verhalten in einer Personengruppe, Lautstärke, Alkoholkonsum, Vermüllung und so weiter“.
Polizei hat Betäubungsmittel gefunden
Aus diesem Grund werde die Örtlichkeit insbesondere in den Sommermonaten regelmäßig überprüft. „Dabei werden auch Personenkontrollen durchgeführt und erforderlichenfalls Platzverweise ausgesprochen. Bei zurückliegenden Kontrollen wurden vereinzelt auch Betäubungsmittel aufgefunden, allerdings zumeist in Größenordnungen, die nach aktueller Rechtslage nicht mehr strafrechtlich relevant sind“, erklärt Yvonne Schächtele.
Die Polizeisprecherin geht zudem davon aus, dass sich durch das nun kältere Wetter die Zahl der Zusammenkünfte fürs Erste automatisch reduzieren wird. Gleichwohl bitte das Revier in Marbach, Auffälligkeiten direkt unter Telefon 07144/9000 mitzuteilen. Alternativ könne man auch über den Notruf 110 Bescheid geben.