Aufruhr in den USA Facebooks Maulkorb für Trump

Mark Zuckerberg begründet die Sperrung von Trumps Konto bei Facebook. Foto: dpa/Nick Wass
Mark Zuckerberg begründet die Sperrung von Trumps Konto bei Facebook. Foto: dpa/Nick Wass

Donald Trumps Konto ist von Facebook gesperrt worden, auch Twitter hat ihn vorübergehend blockiert. Was sagen Wissenschaftler dazu? Wie verändert sich gerade das Selbstverständnis der sozialen Medien?

Leben-Ressort: Erik Raidt (era)

Washington - Nach dem Sturm der Anhänger Donald Trumps auf das Kapitol ist die Debatte über die Rolle von Facebook, Twitter und Co. bei der Aufwiegelung und Radikalisierung etlicher Nutzer neu entfacht worden. Der Kurznachrichtendienst Twitter hat das Konto des scheidenden Präsidenten daraufhin für zwölf Stunden gesperrt, Facebook blockiert Trumps Konto sogar bis zum Ende seiner Amtszeit. Erste Wissenschaftler bewerten nun diesen Bruch der großen Plattformen mit ihrer bisherigen Praxis.

Nicole Krämer, Leiterin des Fachgebiets für Sozialpsychologie an der Universität Duisburg-Essen, beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern die Twitter-Botschaften von Donald Trump dazu beigetragen haben, seine Anhängerschaft immer stärker aufzuwiegeln: „Studien zeigen, dass die normale Bevölkerung eher nicht von Filterblasen betroffen ist und im Netz eher mit einer hohen Meinungsvielfalt konfrontiert wird.“ Anders verhält es sich ihrer Ansicht nach jedoch mit Menschen, die Minderheiten-Meinungen vertreten. Diese könnten sich über Hassbotschaften im Netz von offizieller Seite bestätigt fühlen und sich weiter radikalisieren. Daher sei es „eine sinnvolle Maßnahme, Accounts zu sperren oder Nachrichten zu löschen, wenn Falschnachrichten verbreitet werden, die die Demokratie gefährden“.

Wann Menschen falsche Nachrichten für bare Münze nehmen

Für Krämer ist es an der Zeit, dass Plattformen wie Facebook ihre journalistische Verantwortung für politisch motivierte Falschinformationen ernst nehmen. Die Psychologie habe klar belegt, dass einmal gelesene oder gehörte Falschinformationen im Nachhinein durch eine Richtigstellung kaum mehr zu korrigieren seien. „Oft werden sie in bestehendes Wissen integriert und daher – auch wenn man glaubt, dass die korrigierte Nachricht stimmt – nachhaltiger erinnert als die wirklich korrekte Nachricht.“

In Stuttgart beobachtet der Kommunikationswissenschaftler Klaus Kamps von der Hochschule der Medien, wie die öffentliche Diskussion über die Rolle der sozialen Medien immer größeren Druck auf die Firmen aus der Tech-Szene ausübt. „Grundlegende Änderungen der Plattformregeln sind wohl erst zu erwarten, wenn die Unternehmen sich einem Boykottdruck ausgesetzt sehen – durch Nutzer und durch Werbetreibende“, sagt Kamps.

Daumenschrauben für Facebook anziehen

Wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen umfassend verändert würden, könnte dies Facebook und Twitter wirtschaftlich erschüttern, analysiert Kamps. Bislang spricht der „Telecommunications Act“ in den USA die Plattformen von der Verantwortung für ihre Inhalte frei. Sollte dies von der Regierung Biden geändert werden, würde es die Geschäftsmodelle von Facebook und vergleichbaren Unternehmen „in ihrem Kern treffen“. Kamps hält dies jedoch für wenig wahrscheinlich. Er glaubt vielmehr, dass die amerikanische Politik „Kriterien ausarbeiten wird, welche Inhalte konkret zu sperren sein werden“.

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