Aufstand der Letzten Generation Wird die Klimabewegung radikaler?

Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation kleben sich auf Autobahnen oder Zufahrten zu Flughäfen fest. Foto: dpa/Christian Charisius

Mit Straßenblockaden wollen Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation auf Lebensmittelverschwendung und Klimakrise aufmerksam machen. Was treibt sie an – und was soll diese Form des Protestes bewirken?

Berlin/Stuttgart - Sie setzen sich auf Straßen, blockieren Autobahnen, legen Häfen lahm oder kleben sich an Zufahrten zu Flughäfen fest: In den vergangenen Wochen haben Aktivistinnen und Aktivisten der Letzten Generation in vielen Großstädten in Deutschland Aufsehen erregt. Mit den Aktionen wollen sie gegen Lebensmittelverschwendung protestieren und für eine konsequentere Klimapolitik. Proteste sind nach einer Pause auch für die kommenden Wochen angekündigt, für Ende März und Anfang April – mit mehr Menschen als bisher, wie die Gruppe mitteilt. Die Aktivistinnen und Aktivsten werden also weitermachen – auch vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine. „Das Aufkommen einer Katastrophe macht die andere nicht weniger verheerend und lebensbedrohlich“, schreibt die Gruppe bei Instagram.

 

Rund 200 Menschen sind bundesweit aktiv

Auch Moritz Riedacher, 25, sieht das so. Der Student aus Stuttgart ist seit einem Jahr in der Bewegung: „Wir haben bei Fridays for Future viel Applaus bekommen, auch aus der Politik, aber in der Öffentlichkeit fehlt das Bewusstsein dafür, dass der Ernstfall eingetreten ist“, sagt er. Bei vielen aus der Klimabewegung habe sich Frust angestaut darüber, dass die Politik nicht angemessen handele, trotz aller Proteste. Für ihn war das der Grund, sich der Letzten Generation anzuschließen, selber bei Straßenblockaden mitzumachen – und notfalls auch rechtliche Konsequenzen zu tragen. Fast 200 Menschen sind demnach deutschlandweit aktiv, jüngere ebenso wie ältere. Bei den Protesten kam es laut der Gruppe zu 254 Festnahmen. „Wir merken, dass wir mit den Aktionen Aufmerksamkeit erzielen“, sagt Moritz Riedacher.

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Dass er und die anderen Aktivistinnen und Aktivisten einigen Menschen mit den Protesten auf den Nerv gehen, ist ihm bewusst. „Wir müssen auch mit Gewalt rechnen, zum Beispiel von Autofahrern, aber die Klimakrise wiegt schwerer als solche Störungen“, sagt Moritz Riedacher. Klar ist für ihn aber, dass die Blockaden friedlich und gewaltfrei seien, man lasse sich von der Polizei wegtragen. Sobald die Bundesregierung die Forderungen aufgreife, die man stelle, würden die Aktionen ausgesetzt. „Bei der Lebensmittelverschwendung könnte mit einem einzigen Gesetz schnell ein großer Unterschied gemacht werden“, sagt er. Deshalb fordere die Bewegung gerade bei diesem Thema politisches Handeln.

Wenig Aufwand, viel Aufmerksamkeit

Der Soziologe Simon Teune sieht in den Aktionen der Letzten Generation keine völlig neue Form der Regelverletzung. Schließlich habe es Straßenblockaden auch schon im Zuge anderer Proteste gegeben, sagt Teune, Vorstandsvorsitzender des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. „Einen neuen Eskalationsgrad haben die Aktionen in der Klimabewegung aber schon.“

Dem Wissenschaftler zufolge steckt dahinter „die Erfahrung vieler Aktivistinnen und Aktivisten, dass andere Protestformen bisher nicht dazu geführt haben, dass die Politik oder Unternehmen scharfe Klimaschutzmaßnahmen ergreifen“. Viele junge Menschen aus der Klimabewegung hätten in den letzten Monaten den Eindruck gewonnen, dass die Politik den Ernst der Lage nicht erkenne. „Deshalb greifen sie nun zu radikaleren Mitteln und versuchen, die Aufmerksamkeit für die Krise zu maximieren.“ Teune geht allerdings davon aus, dass sich nur ein kleiner Teil der Klimabewegung zu drastischeren Protestformen entscheidet.

Durch die Aktionen wird politischer Druck aufgebaut

Diese aber haben aus Sicht des Wissenschaftlers durchaus „eine hohe Effektivität“, mit wenigen Menschen und wenig Aufwand könne etwa durch Straßenblockaden eine starke Wirkung erzielt werden. Auch der Psychologe Christoph Burger sieht in der „maximalen Effektivität“ der Protestform einen Grund dafür, dass die Bewegung verstärkt darauf zurückgreife. Leute zu nerven, zu verärgern, nehme man dabei in Kauf, sagt Burger. Unterbewusst könne die Irritation, die solche Aktionen bei vielen Menschen auslösen, in den Köpfen durchaus etwas bewegen, ist Burger überzeugt. Ein weiteres Motiv aus seiner Sicht: „Die Unzufriedenheit zum Beispiel der Menschen, die im Stau stehen, landet letztlich bei der Politik an – so wird also politisch Druck aufgebaut.“

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Auf ihren Kanälen in den sozialen Medien oder in Interviews beteuern die Aktivistinnen und Aktivisten immer wieder, dass es ihnen Leid tue, für Ärger zu sorgen. Aber: „Die massiven Störungen sind nichts im Vergleich zu Störungen durch Fluten, Dürren, Essensknappheit“, rechtfertigten sie sich zugleich vor Kurzem in einem Post.

Protestforscher Teune verweist auf Umfragen, die zeigen, dass immerhin ein Drittel der Deutschen die Aktionen sogar für in Ordnung hält. Ein Hinweis darauf, sagt er, dass inzwischen eine große Mehrheit der Deutschen Klimaschutz für dringlich halte – und davon auch nicht abrückt, wenn sie von den Protesten genervt ist. Dass die Protestierenden auf Autobahnen auf Lebensmittelverschwendung aufmerksam machen, hinterlasse Soziologe Teune zufolge aber auch Fragezeichen in den Köpfen der Beobachter. „Der Zusammenhang wird vielen überhaupt nicht klar.“

Protest könnte radikaler werden

Dass die Klimabewegung insgesamt militanter wird, glaubt der Protestforscher nicht. Eine solche Entwicklung hatte im vergangenen Herbst etwa der Mitbegründer von Ende Gelände – Tadzio Müller – im „Spiegel“ prophezeit. Protestforscher Teune sagt: „Es ist durchaus vorstellbar, dass es in Zukunft häufiger Attacken auf fossile Infrastruktur geben wird. Aber Gewalt gegen Personen ist in der Klimabewegung nicht abzusehen, das ist erstaunlich klar – auch im Vergleich zu früheren Bewegungen.“

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Auch Psychologe Christoph Burger ist überzeugt davon, dass es zumindest vereinzelt zu noch drastischeren Protestformen kommen werde, als dies bisher der Fall sei. „Die Klimakrise spitzt sich weiter zu, gleichzeitig sind wir von entsprechendem Handeln weit entfernt. Das bedeutet auch, dass der Protest in Teilen noch radikaler werden wird“, sagt der Psychologe und Coach aus Herrenberg, der sich bei den Psychologists4Future engagiert.

Burger vermutet, dass es sich bei der „Letzten Generation“ um den Teil der Klimabewegung handelt, der wütender, verzweifelter sei. Für eine Überraschung hält er die Reaktion nicht – die Wissenschaft habe die Entwicklung vorhergesagt. Und: „Angesichts der existenziellen Bedrohung durch die Klimakrise sind solche starken Gefühle und die Überzeugung, etwas tun zu müssen, durchaus folgerichtig“, sagt Burger.

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