Aufsteiger in die Bundesliga Der HSV – vom Bundesliga-Dino zum Scheinriesen
Nach sieben Jahren Erstliga-Abstinenz ist der Rückstand der Hamburger auf die Konkurrenz beachtlich. Da hat es der 1. FC Köln nach nur einem Jahr zweite Liga besser.
Nach sieben Jahren Erstliga-Abstinenz ist der Rückstand der Hamburger auf die Konkurrenz beachtlich. Da hat es der 1. FC Köln nach nur einem Jahr zweite Liga besser.
Die Luft ist zum Zerschneiden dick im Medienraum des Estadio de Son Moix in Palma. Merlin Polzin steht umringt von einer Handvoll Reporter – und die Fragen klingen, als sei bereits die Hälfte der Saison absolviert und die Lage rund um sein Team beinahe aussichtslos. Tatsächlich ist mit dem 0:2 bei RCD Mallorca aber gerade einmal die Vorbereitung beendet, und doch wird Hamburgs Aufstiegstrainer spätestens in diesem Moment klar: Die Realität hat den HSV nach den Jubelszenen vor 100 000 Menschen auf dem Rathausmarkt schneller eingeholt als es die Macher selbst geahnt haben. Der Bundesliga-Rückkehrer ist nach sieben Jahren Erstliga-Abstinenz ein Scheinriese. Und muss schnell an Größe zulegen.
Polzin und Sportvorstand Stefan Kuntz wollten das Wachstum forcieren, indem sie die Aufstiegsmannschaft im großen Stil umgebaut und Testgegner aus dem, wie der Trainer sagt, „oberen Regal“ gewählt haben. Nach fünf Pleiten bei 2:14 Toren ist klar: Der neuformierte HSV, der intensiver und schneller sein soll, reicht noch nicht oben heran. Wo HSV drauf stand, steckte lange Großes drin, mindestens eine Dekade war auch von Großmannssucht geprägt. 2025 ist nichts davon übrig. Die Verantwortlichen sind wohltuend geerdet, der gebürtige Hamburger und frühere Fan Polzin taugt mit seiner bodenständig-sympathischen Art vortrefflich zum Aushängeschild – aber der größtmögliche Erfolg wäre es derzeit, wenn der Verein nach der Aufstiegsparty, die einer Erlösung gleichkam, auch im Mai des kommenden Jahres noch Bundesligist ist.
Kuntz ist erst seit einem Jahr in der Hansestadt und hat den Fußball aus allen Perspektiven erlebt. Er war Europameister, Meister und Pokalsieger als Spieler, feierte Erfolge als Funktionär und Trainer und prägte den treffenden Satz, der Aufstieg und die Gefühlsexplosionen der Hamburger habe sich für ihn angefühlt als sei „eine Champagnerflasche sieben Jahre geschüttelt worden, und jetzt ist der Korken rausgegangen.“
Zum neuen und gelebten Understatement passt, dass sich der 62-Jährige nicht als Aufstiegs-Architekt feiern lässt, dass er selbst findet, sein Trainer habe das zutreffendste Zitat rund um den Bundesliga-Aufstieg geliefert. „Der Satz von Merlin beim Rathaus-Empfang, der HSV, den die Bundesliga jetzt zurückbekommt, sei ein anderer als jener, der sie vor sieben Jahren verlassen hat, drückt am Besten die Situation aus“, sagt der Sportvorstand. „Es sieht so aus, als hätten die sieben Jahre in der 2. Liga dem HSV eine andere Erwartungshaltung gegeben. Denn wir müssen erstmal Lücken zu Vereinen wie Augsburg und Mainz schließen. Diese Lücken sind nach der langen Zeit einfach Realität, weil diese Klubs einen jahrelangen Vorsprung haben.“
Zum neuen HSV gehört es außerdem, dass Einigkeit in der Führungsetage herrscht. Finanzvorstand Eric Huwer, unter dessen Führung der Verein im Juni erstmals seit vier Dekaden Schuldenfreiheit verkündete, war zwar äußerst vertraut mit Kuntz-Vorgänger Jonas Boldt, bildet mit dem Sportvorstand aber eine konstruktive Einheit und spricht, ebenfalls als Saarländer, nicht nur im gleichen Dialekt, sondern auch die gleiche Sprache. „100 000 Menschen bei der Aufstiegsfeier haben gezeigt, dass der HSV kein normaler Verein ist, aber nach sieben Jahren sind wir ein sportlich normaler Aufsteiger.“
Genau in diesem Punkt unterscheiden sich die Hamburger vom 1. FC Köln. Die Rheinländer waren nur ein Jahr im Unterhaus, weder die sportliche Substanz noch der finanzielle Rückstand ist in diesem Zeitraum angewachsen wie der des HSV, und die Vorbereitungsverläufe beider Klubs spiegeln dies wider.
Der FC deutet unter Neu-Coach Lukas Kwasniok eine kontinuierliche Vorwärtsentwicklung an, in Hamburg hingegen scheint alles zu viel, zu schnell, oder, um beim Vergleich mit den Regalen zu bleiben, zu hoch. Aufstiegs-Torjäger Davie Selke wurde ziehen gelassen, weil weniger Strafraumpräsenz einkalkuliert wird; Ludovit Reis konnte nicht gehalten werden, weil der Club Brügge und der Reiz des internationalen Geschäfts dann eben doch mehr Strahlkraft als ein Aufsteiger besitzen; Kapitän Sebastian Schonlau wurde aufs Abstellgleis geschoben, und mit Jonas Meffert und Robert Glatzel droht weiteren Säulen ein ähnliches Schicksal, weil Polzins Analyse ergeben hat, dass es mehr Intensität braucht.
Die gelebte Demut der Bosse und die Klarheit des Trainers, der trotz seiner Verbundenheit zum Verein und seinen Spielern keine unromantischen Entscheidungen scheut, sind Mutmacher. Mit Blick auf die Vorbereitung, in der sich keine Hierarchie in der neuformierten Gruppe herausgebildet hat und das neue 3-4-3-System noch nicht greift, sind es so ziemlich die Einzigen.