Aufstieg Der Parteichef von nebenan

Seit einem Jahr führt der Stuttgarter Bernd Riexinger gemeinsam mit der Sächsin Katja Kipping die Linkspartei. Nach Anfangsproblemen fühlt er sich inzwischen akzeptiert.

Von einem Tag auf den anderen ist Bernd Riexinger zu einem wichtigen Rad in der Politmaschinerie geworden. Foto: Thomas Trutschel/photothek
Von einem Tag auf den anderen ist Bernd Riexinger zu einem wichtigen Rad in der Politmaschinerie geworden. Foto: Thomas Trutschel/photothek

Berlin/Stuttgart - Es ist nach wie vor keineswegs so, dass er den Raum mit seinem Gestus füllt. Wenn Bernd Riexinger eintritt, ist er halt da. Der Vorsitzende der Linkspartei trägt eine rote Plastiktasche mit sich. Aufschrift: „Hier kommt die Linke“. Während vielen Volksvertretern jeglicher Couleur die Selbstherrlichkeit aus den Knopflöchern dringt, ist Riexinger noch der Alte geblieben: sachlich, uneitel und seine Gesprächspartner ernst nehmend.

„Vielen Dank, dass ich mit euch diskutieren darf“, begrüßt er in den Bundestagsräumen neben dem Reichstag 18 junge Gewerkschafter aus dem Bundesgebiet, die bei einem Seminar erfahren, wie die Linksfraktion so tickt. Auch seine Themen sind noch die alten: Riexinger verlangt, dass die Gewerkschaften politisch mehr mobilisieren sollen und dass linke Politik an die Alltagswelt der Menschen andocken muss. Und er will die Jugend stärker ansprechen. Der Parteichef kann und will den Gewerkschaftsfunktionär nicht abschütteln.

Bis vor einem Jahr war Riexinger Verdi- Bezirksgeschäftsführer in Stuttgart. Deswegen erhält er noch allmonatlich eine Gehaltsabrechnung der Gewerkschaft. Doch das Schreiben weist null Euro aus, weil er von Verdi zu 100 Prozent freigestellt wurde. Sein Amt wurde kommissarisch neu besetzt – bis Juni 2014 kann er seinen Posten wiederhaben, wenn er ihn will. Anschließend wird ihm die Tür von Verdi nicht versperrt, doch der frühere Job ist dann weg.

Quasi über Nacht ist er am 2. Juni 2012 ein namhaftes Rad in der Berliner Politmaschinerie geworden. Eine Woche zuvor hatte er dies nicht einmal geahnt. An diesem Wochenende, beim Parteitag in Dresden, bietet sich ihm erstmals nach seiner Wahl die große Bühne. Wenn es weiter günstig für ihn und seine Co-Chefin Kipping verläuft, werden sie weitermachen. So rechnet Riexinger – bei aller Bescheidenheit – wohl nicht mit einer Rückkehr nach Stuttgart.

Der Vater Schreiner, die Mutter Weberin

Es ist der unvermittelte Aufstieg eines Arbeiterkindes. Sein Vater war Schreiner und hat auf Heizungsmonteur umgeschult. Seine Mutter war Weberin und hat später in der Bäckerei gearbeitet. Die Kindheit in Mühlhausen war „okay“, doch dann kam der Umzug ins Nachbardorf Münklingen bei Weil der Stadt. Ein Grauen, die beiden Dörfer waren verfeindet, und der Junge musste dies mit zwei richtig schlechten Jahren büßen. Weil er dann als Halbwüchsiger nicht genau wusste, was er aus seinem Leben machen sollte, griff seine Mutter ein. Folglich wurde er zum Bankkaufmann bei der Leonberger Bausparkasse ausgebildet.

Danach driftete er politisch nach links ab. Doch die Herkunft hat ihn geprägt: Wie jeder ordentliche Schwabe gebe er nicht mehr Geld aus, als er besitze, sagt er. „Ich musste mir nie überlegen, ob ich etwas kaufe oder nicht – aber ich habe auch keine besonderen Ansprüche.“ So fährt er einen Ford Fiesta, derweil sein Vorgänger Klaus Ernst noch mit einem (betagten) Porsche die Gemüter erhitzt hat. Und für Berlin hat er sich mit seiner Lebensgefährtin zwei gebrauchte Fahrräder gekauft, mit denen sie beizeiten die Hauptstadt erobern. In Stuttgart besitzt das Paar eine Wohnung.

Riexinger verdient das 1,25-Fache der höchsten Gehaltsstufe in der Partei – 5800 brutto. Plus Weihnachts- und Urlaubsgeld. „Davon kann man gut leben, aber es ist kein Gehalt, das mich von der arbeitenden Bevölkerung besonders weit entfernt“, sagt der 57-Jährige. Zudem ersetzt die Partei seine Heimflüge und bezuschusst die Zweizimmerwohnung in Berlin-Charlottenburg, weil er für zwei Jahre gewählt wurde und die Zukunft unsicher ist.

Ob das Duo Kipping/Riexinger die Partei in die Erfolgsspur zurückbringt oder lediglich ihren Gang in die Bedeutungslosigkeit verzögern kann, muss sich noch zeigen. Bei der Bundestagswahl erwartet niemand eine Wiederholung der 11,9 Prozent von 2009, aber deutlich über die Fünfprozenthürde müsste die Linke schon kommen. Ansonsten könnte der alte Selbstzerfleischungsprozess einsetzen.




Unsere Empfehlung für Sie