Aufstieg und Fall der Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes Absturz einer Überfliegerin
Die Unternehmerin Elizabeth Holmes wollte hoch hinaus. Nun drohen dem einstigen Liebling der US-amerikanischen Startup-Szene 20 Jahre Haft.
Die Unternehmerin Elizabeth Holmes wollte hoch hinaus. Nun drohen dem einstigen Liebling der US-amerikanischen Startup-Szene 20 Jahre Haft.
New York - Es ist eine eigenartige Erfahrung, sich dieses Video anzuschauen, das gerade mal vier Jahre alt ist, schmerzhaft und peinlich zugleich. Elizabeth Holmes betritt getragenen Schrittes die Bühne der Innovationskonferenz Ted Talks, auf der sich Wissenschaftler und Unternehmer inszenieren. Holmes trägt Hosenanzug und Rollkragenpullover, alles in Schwarz. Sie lässt sich Zeit, schaut bedeutsam in die Tiefe des Raumes. Sie hebt die Hände in Richtung Publikum, päpstlich als wolle sie einen Segen aussprechen, und spricht in tiefem Bariton: „Ich glaube.“ Es folgt eine bedeutungsschwangere Pause, bevor sie weitermacht mit ihrem Credo: Die Lösung aller Probleme des US-amerikanischen Gesundheitswesens fange mit dem Individuum an.
Heute spricht die frühere Starunternehmerin nur noch selten zur Öffentlichkeit. Gegen die 34-Jährige ist gerade Anklage erhoben worden. Sie soll für einen der größten Betrugsskandale in der Wirtschaftsgeschichte ihres Landes verantwortlich sein. Das nächste Mal, dass wir von ihr hören werden, wird wohl bei ihrem Prozess sein, dessen Auftakt noch nicht terminiert ist. Das Sendungsbewusstsein ist Holmes im Halse stecken geblieben. Ihre Pläne, die Welt zu verändern, die sie der selbst gestrickten Legende zufolge bereits im Alter von acht Jahren verkündete, sind auf dem großen Müllhaufen gescheiterter Silicon- Valley-Träume gelandet.
Vorübergehend, zwischen 2014 und 2016, war es Holmes gelungen, die Welt davon zu überzeugen, dass sie die Heilsbringerin ist, als die sie sich ausgab. Sie zierte die Titel von Mode- und Wirtschaftsmagazinen wie „Vanity Fair“ und „Forbes“. Das „Time“-Magazin zählte sie 2015 zu den einflussreichsten Personen der Welt. Ihre einstudierten vamphaften Auftritte inklusive der rauchigen Marlene-Dietrich-Stimme wurden zum Kult. Holmes wurde gefeiert als die erste Frau, die sich in die Phalanx der großen Techgründer einzureihen vermochte. Endlich schien es eine weibliche Führungsfigur geschafft zu haben, es den Steve Jobs und Mark Zuckerbergs gleichzutun und Kraft ihrer Ideen und ihrer Überzeugungskraft eine Branche zu revolutionieren sowie ein Vermögen anzuhäufen. Doch dann brach Holmes’ Imperium in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Ein investigativer Reporter stellte die richtigen Fragen und fand Zeugen, die seinen Verdacht bestätigten. Holmes’ auf neuartige Blutuntersuchungen spezialisierte Firma Theranos war ein Potemkinsches Dorf, hinter der Fassade der kostengünstigen Bluttest-Apparate verbarg sich ein gähnendes Nichts. Nun schauen sich Amerika und die Technologiebranche betroffen den Scherbenhaufen des Theranos-Skandals an und versuchen zu verstehen, wie so etwas passieren konnte. Die Antwort ist nicht schön, die Holmes-Story ist ein Lehrstück über Hybris, Narzissmus und eine Business-Kultur, die genau diese Eigenschaften belohnt.
Elizabeth Holmes kommt aus einer Unternehmerfamilie, ihr Großvater war der Erbe eines Hefe- und Backimperiums und finanzierte in den 1920er Jahren unter anderem die Gründung des „New Yorker“, des erfolgreichsten und beständigsten Gesellschaftsmagazins der USA. Ihr Vater reiste als Angestellter des Außenministeriums in der Welt herum und beriet nebenher amerikanische Firmen, die in Großprojekte und Firmengründungen in China investieren wollten. Der familiäre Hintergrund hatte zweierlei Auswirkungen auf Holmes. Durch das Vagabundendasein war sie nie in der Lage, feste Bindungen einzugehen, sie sei eine „glückliche Eremitin“ gewesen, sagte sie einmal in einem Interview, ihre liebsten Begleiter waren Bücher. Zugleich wurde im Haus Holmes oft darüber gesprochen wie wichtig es sei, in seinem Leben etwas Bedeutsames zu schaffen, eine Spur zu hinterlassen. „Mir war früh klar, dass ich etwas Außergewöhnliches leisten wollte.“
Holmes verschwendete keine Zeit: Die Überfliegerin in der Schule nahm schon mit 16 Sommerkurse an der Elite-Uni Stanford. Dort wurde sie dann auch mit einem Stipendium angenommen und spezialisierte sich auf das chemische Ingenieurswesen, während ihre Kommilitonen sich noch auf dem Campus orientierten und ihren Partykalender organisierten. Mit 18 nahm sie an den Doktorandenseminaren von Channing Robertson teil, einer der weltweiten Koryphäen auf dem Gebiet. Schon zu dieser Zeit wurde Holmes mit dem Effizienzdrang des Silicon Valley infiziert sowie dem grenzenlosen Glauben an die Machbarkeit, welche die dortige Start-up-Szene auszeichnet.
Während eines Praktikums am Genome Institute in Singapur entwickelte Holmes die Idee, Schnelltests für das SARS-Virus, das gerade in China ausgebrochen war, zu vereinfachen und von einem einzigen Chip erledigen zu lassen. Es war die Geburtsstunde von Theranos. Die Gründerin ließ die Idee patentieren, Labortests, Diagnose und Medikation von einem einzigen Mikroprozessor abwickeln zu lassen. Binnen weniger Monate wuchs sich ihre Idee zu dem Plan aus, das marode Gesundheitswesen in den USA komplett umzukrempeln.
Die neue Technologie sollte es ermöglichen, eine Vielzahl von Diagnosen aus einer Nanomenge an Blut zu stellen. Das würde die Kosten für die ärztliche Grundversorgung dramatisch senken. Man würde in der örtlichen Drogerie seinen Finger in einem Automaten piksen lassen und bekäme aus nur einem Tropfen Blut innerhalb von Minuten alle klinisch wichtigen Messwerte mitsamt Diagnose und Therapieplan. Große Löcher in der medizinischen Unterversorgung des Landes, versprach Holmes, würden so gestopft. Sie und ihr 18 Jahre älterer Partner, der Software-Ingenieur Ramesh Balwani, stellten sich als hervorragende Vermarkter der Idee heraus. Zwischen 2003 und 2015 sammelten sie 700 Millionen Dollar an Wagniskapital von Investoren, ihre Firma wurde zwischenzeitlich auf einen Wert von neun Milliarden Dollar geschätzt.
Nicht so gut funktionierte hingegen die Entwicklung der Technologie. Als der Reporter John Carreyrou vom „Wall Street Journal“ in die Recherche zu Theranos einsteigt, entdeckt er Erstaunliches. Der Wunderchip, der angeblich aus einem Blutstropfen das gesamte Gesundheitsbild eines Menschen herauslesen kann, existierte gar nicht. Stattdessen setzten Holmes und Balwani für Blutproben oft konventionelle Geräte anderer Hersteller ein, täuschten so Investoren und Geschäftspartner. Man wies diese Darstellung zunächst zurück. Doch der Artikel löste im Herbst 2015 Untersuchungen aus, nach denen das Unternehmen Lizenzen und Labor-Deals verlor und praktisch zusammenbrach.
In seinem Buch „Bad Blood“ beschreibt Carreyrou eindrücklich die Unternehmenskultur bei Theranos. Da war die junge und von messianischem Eifer getriebene Elizabeth Holmes einerseits und ihr älterer Freund Balwani, ebenso überzeugt von der Idee, aber technisch völlig unbewandert. Wie ihr großes Vorbild, der Apple-Mitgründer Steve Jobs, trieben die beiden ihr Team dazu an, das Unmögliche möglich zu machen. Dabei ignorierten sie offenbar die Grenzen der Medizintechnik. Sie trieben die Mitarbeiter immer weiter, zumal sie selbst durch das viele Investorengeld sowie abgeschlossene Verträge immer mehr unter Druck gerieten. Zweifler wurden als mutlos gebrandmarkt. Immer mehr Leute verließen die Firma und sprachen schließlich auch mit Carreyrou über den Zustand des Unternehmens. Holmes’ Anwälte setzten alle Hebel in Bewegung, die Berichte im „Wall Street Journal“ zu stoppen. Doch der Verlag blieb standhaft. So war der Sturz von Holmes auch ein Triumph für den investigativen Journalismus – für Innovationen in der Gesundheitstechnologie aber eine Katastrophe. Im Trümmerfeld des Theranos-Kollapses werden sich Investoren gut überlegen, ob sie Geld für angeblich Revolutionäres ausgeben.
Den größten Bärendienst hat Holmes jedoch Frauen erwiesen, die sich in Berufen im Schnittfeld von Wissenschaft, Technologie, Ingenieurswesen und Mathematik hervortun wollen. Hier sind Frauen ohnehin dramatisch unterrepräsentiert. Das Vorurteil, dass Frauen für diese Dinge einfach nicht geeignet seien – noch vor wenigen Jahren selbst vom Harvard-Präsidenten Lawrence Summers verbreitet –, erhielt durch Holmes viel neue Nahrung. Etliche Frauen aus der Branche machen sich derweil Vorwürfe, dass sie Holmes’ Probleme nicht früher erkannt und ihre Stimme erhoben haben. „Wir waren blind“, sagt Nicole Fisher, Gründerin einer Beratungsfirma für Gesundheitsinnovation und Technologie in Washington. „Sie hat alle Barrieren gesprengt, die wir gesprengt haben wollten. Es war einfach zu schön.“