In Bregenz wird am Mittwoch die Saison eröffnet – Auftakt für den Festspielsommer 2013, in dem Salzburg und Bayreuth natürlich den Ton angeben. Doch gerade dort steht bei Führung und Finanzen in diesem Jahr keineswegs alles zum Besten.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Bregenz - Von der Musik und von allen darstellenden Künsten das Höchste, das Wertvollste, sowohl bei den Stücken als auch bei den Interpreten: das ist, kurz gefasst, jene Festspiel-Idee, die der Regisseur Max Reinhardt 1922 in seinem Manifest „Die Salzburger Festspiele“ formulierte und die als hehrer Anspruch hinter allen Festivals steckt, unter welcher Überschrift auch immer sie landauf, landab stattfinden mögen.

Ein paar Tage oder Wochen konzentrierten und hochkarätigen Programmes sollen dem Publikum einen außergewöhnlichen Kunstgenuss ermöglichen – wenn es nach Reinhardt geht, möge der Zuschauer hernach gar geläutert wieder nach Hause ziehen. Und wenn der Reisende zuvor neben den Eintrittspreisen auch noch ordentlich Geld für Hotel und Restaurant ausgegeben hat, dann sorgt er auch bei den Bürgermeistern und Tourismuschefs für festliche Stimmung.

In Salzburg ist eine wichtige Position vakant

Am kommenden Freitag beginnt in Salzburg die diesjährige Festspielzeit; Nikolaus Harnoncourt dirigiert Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit den Wiener Philharmonikern. Eine knappe Woche später, am 25. Juli, folgt Bayreuth. Zu Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ haben sich Bundespräsident und Bundeskanzlerin angemeldet. Doch aller Festlichkeit der Eröffnungen zum Trotz – hinter den Festspielkulissen rumort es gerade heuer gewaltig.

Bei den Salzburger Festspielen ist eine wichtige Position vakant: Nachdem der Intendant Alexander Pereira im Februar mitgeteilt hat, 2015 als Chef zur Mailänder Scala wechseln zu wollen, hat ihm das Festspiel-Kuratorium am 11. Juni den Stuhl bereits vorzeitig vor die Tür gesetzt. Vom Herbst 2014 an braucht er sich im Salzburger Festspielhaus nicht mehr sehen zu lassen. Da man auf die Schnelle aber keinen Ersatz findet, soll der Schauspielexperte Sven-Eric Bechtolf, wie schmeichelhaft, zwei Jahre lang als Übergangsintendant dienen.

Dabei hätte Pereira, als Festivalchef erst 2012 angetreten, doch eine ganze Ära prägen sollen. Vom früheren Intendanten der Zürcher Oper hatten sich die Festspiele Jahre voll glanzvoller Projekte und großer Künstlerstars erhofft – bei gleichzeitiger diskreter Akquise neuer spendabler Sponsoren. So hatte es Pereira als Theaterchef in der Schweizer Bankenstadt nämlich jahrelang erfolgreich praktiziert. Doch just übers Geld geriet man sich in Österreich schnell in die Haare. Der Intendant wollte sein Festspielbudget von 60 auf 64 Millionen Euro erhöhen. Da machten die öffentlichen Geldgeber nicht mit und beschwerten sich deutlich über Pereiras Umgangston. Prompt war das frische Tischtuch schon wieder zerrissen.

Ein Coup gegen die Konkurrenz in Bayreuth

Im vergangenen Sommer bescherte Pereira Salzburg einen Besucherrekord. Die mehr als 280 000 Zuschauer gingen allerdings auch auf das Konto eines erheblich ausgeweiteten Festspielprogramms, das in der Fachwelt viel Kritik erntete. In diesem Jahr beschert Salzburg den Opernfreunden einen Schwerpunkt mit Werken der beiden Jubilare Richard Wagner und Giuseppe Verdi (beide wurden vor genau 200 Jahren geboren). Dabei ist sicher ein Coup, dass als Regisseur für die „Meistersinger“ Stefan Herheim verpflichtet wurde – jener Norweger, dessen „Parsifal“ von 2008 letztlich die einzige wirklich prägende Inszenierung jüngerer Zeit bei der großen Konkurrenz in Bayreuth war. Derweil warten die Bayreuther Festspiele auf Frank Castorfs „Ring des Nibelungen“. Wobei sich die Spannung eher in Grenzen hält. Eigentlich müsste die Neuinszenierung von Wagners vierteiligem Opus Magnum das zentrale Geschenk an das Publikum zum Komponisten-Jubiläum sein. Doch einen wirklich überzeugenden Wurf erwartet kaum jemand von dem 61-Jährigen, der vor 20 Jahren als Regiewüterich bekannt wurde, als Regisseur und Berliner Intendant seit geraumer Zeit aber in der Schaffenskrise steckt.

Die Spannung in Bayreuth hält sich in Grenzen

Die Halbschwestern Wagner sind umstritten

Auch sonst steht in Bayreuth unter der Leitung der beiden Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier keineswegs alles zum Besten. Abgesehen von Stefan Herheims „Parsifal“ konnte bisher keine der Neuinszenierungen unter ihrer Leitung nachhaltig überzeugen. Klagen über Unregelmäßigkeiten bei der Kartenvergabe konnten nie ganz aufgeklärt werden, allzu kritische Journalisten müssen mit Behinderung ihrer Arbeit rechnen. Auch der seit Jahren großmundig versprochene Befreiungsschlag im Umgang mit der Nazivergangenheit der Festspiele lässt weiter auf sich warten: Die Archive der Familie bleiben vorerst verschlossen.

Just im Wagner-Jubeljahr präsentieren sich das Festspielhaus und die Komponistenvilla als Baustelle mit Gerüst. Für den schlechten Bauzustand alter Gemäuer können die Intendantinnen zwar nichts. Der bröckelnde Putz auf dem Grünen Hügel lässt aber nicht gerade auf eine sehr strukturierte Vorbereitung aller Beteiligten auf das Jubiläum schließen.

Bregenz steht gut da

Gemessen daran stehen die Bregenzer Festspiele, die bereits am Mittwoch am Bodensee eröffnet werden, glänzend da. In Vorarlbergs Landeshauptstadt geht es zwar naturgemäß eine Nummer kleiner und geruhsamer zu als in Salzburg und Bayreuth, aber mit finanziell deutlich bescheideneren Mitteln haben sich die Bregenzer über die Jahre hinweg ein auch in der internationalen Kritik durchweg anerkanntes Profil erarbeitet.

Während auf der Seebühne eine aufwendig, aber nie rein spektakelhaft, sondern differenziert inszenierte Oper zu sehen ist, pflegt das Festival in den übrigen Spielstätten ein Programm der Novitäten und Neuentdeckungen. Mit der 47-jährigen Elisabeth Sobotka hat man zudem eine künftige Intendantin (von 2015 an) gefunden, die derzeit als Opernchefin in Graz großes Ansehen genießt. Kurzum: wem Salzburg zu elitär und Bayreuth zu verschworen ist, der findet am Bodensee eine feine Festspiel-Alternative.

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