Auftakt in Donaueschingen Schlacht mit Lupofon und Mixer

Gern mal ganz in schwarz: Das SWR-Vokalensemble Foto: obs/Klaus J.A. Mellenthin

Die Donaueschinger Musiktage 2021 werden zum Hundertsten offiziell gewürdigt und starten ein wenig holprig.

NDonaueschingen -

 

icht eine Spur von Erklügeltem oder Unfertigem“ mochte der Musikwissenschaftler und Großbürgersohn Heinrich Strobel 1921 in Paul Hindemiths Streichquartett Nr. 3, Opus 16, entdecken, als es in Donaueschingen uraufgeführt wurde. Hundert Jahre ist das heute her – und ein bisschen hält man doch noch einmal kurz den Atem an in der Donauhalle, als im Ersten Satz, den das Quatuor-Diotima-Ensemble hier beim Festakt spielt, die Sekunden-Intervalle nur so purzeln. Entgegen dem alten Hindemith, der die Welt stets harmonisch stabilisieren wollte, wohnt dieser Musik noch eine ungebärdige Utopie inne.

Der Donaueschinger Übervater

Der Adel vor Ort und die arrivierte Kritik ließen sich das seinerzeit gerne gefallen beim „kleinen Musikfest für junge aufstrebende Talente“, wie es 1921 an der Donauquelle hieß. In gewisser Weise war bei Hindemith und Strobel, Letzterer wurde nach dem Krieg zum programmatischen Donaueschinger Übervater, eine Konstellation vorgezeichnet, die bis heute den Rahmen des Festivals abgibt: Junge Leute, meist existenziell prekär unterwegs, machen sich hier, vielleicht, einen Namen – alte Mächte (Oberbürgermeister, Kunstministerien, Kultur- und Musikstiftungen und nicht zuletzt der SWR) bieten in Donaueschingen zunächst einmal exzellente Versorgung. Das Land Baden-Württemberg zum Beispiel hat die Zuschüsse für das weltweit älteste und größte Festival für Neue Musik gerade sogar noch einmal erhöht. Keine Selbstverständlichkeit. Das Weitere regelt dann aber doch der auch in Musikdingen stets unerbittliche Markt.

Tief in kaltes, salziges Wasser tauchen

Bezeichnenderweise fällt die musikalische Antwort des Gegenwartskomponisten bei der Eröffnung dann auch nicht ganz so enthusiastisch aus wie die meisten, mitunter auch scheinbegeisterten Festreden zuvor: Der 1988 in Polen geborene Mikolaj Laskowski lässt dem historischen Hindemith eine Art Meditation für Streichquartett und Elektronik folgen: „Schließen Sie die Augen, atmen Sie tief und stellen Sie sich vor, wie ihr Körper langsam in kühles, salziges Waser eintaucht“, lautet die Komponistenanweisung via Programmheft. Gesagt, getan – und? Nach kurzem atonalen Anfangsschmerz macht sich tatsächlich nicht nur für gewohnte Kaltbader ein ganz wohliges Gefühl breit, bis man bemerkt, dass der Zusammenhalt des Quartetts kein ursprünglich harmonischer mehr ist. Natur ist nur noch durch Technik herstellbar. Laskowskis „Transnatural#2“ tut also lediglich, als ob noch etwas in Ordnung sei – so gesehen sind es acht Minuten Dystopie.

Da werden alle Register gezogen

Nicht wesentlich optimistischer unterwegs ist man auf der folgenden einstündigen Reise mit Chaya Czernowin: „Unhistoric Acts“ für Streichquartett (Jack Quartet) und das 24-stimmige SWR-Vokalensemble (Dirigent: Yuval Weinberg), einerseits tief alttestamentarisch, andererseits von der Pandemie her fundiert und als Lamentation angelegt, schleppt sich sehr gleichförmig fort. Im Konzert mit dem SWR-Symphonieorchester hingegen lässt die Kanadierin Annesley Black alle Register der klassischen Guitar Battle ziehen, während der sich im dampfenden Chauvi-Rock normalerweise zwei Gitarristen beharken: Hier sind es – und sowas gibt es wirklich nur in Donaueschingen! – aber eben nicht zwei Gitarristen, sondern ein Mann am Lupofon (einer besonders tief reichenden Oboe) und ein Mann an einem rückkoppelnden Mischpult. Das Orchester hat hier, weil nicht richtig involviert, keinerlei Chancen: Also kann es sie auch nicht nutzen.

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