Stuttgart - Die Bilanz von Till Oberwörder fällt ernüchternd aus. „Das Jahr 2020 hätte ein Rekordjahr werden können“, resümiert der Chef der Bussparte von Daimler. Doch die Corona-Pandemie hat einen großen Strich durch diese Rechnung gemacht. Das Reisebusgeschäft ist komplett zusammengebrochen. „Es gab einen sofortigen Stopp aller Busbestellungen“, erinnert sich Oberwörder. Von März an gingen nach Informationen unserer Zeitung zumindest bis in den Herbst keine Aufträge für Reisebusse mehr ein.
Für die Beschäftigten in der Montage des Werks in Neu-Ulm, wo die Reisebusse der Marke Setra produziert werden, bedeutet dies Kurzarbeit. Und eine durchgreifende Besserung ist nicht in Sicht. Die Konsequenz: „Wir fahren auf Sicht“, sagt der Chef der Bussparte, der in Neu-Ulm für das ganze Jahr mit Kurzarbeit rechnet, unterbrochen nur durch kurze Phasen, in denen in der Montage gearbeitet wird.
Keine Pläne für eine Verlagerung der Produktion ins Ausland
Die Schwierigkeiten im Reisebusgeschäft haben Spekulationen aufkommen lassen, dass Daimler dem Beispiel anderer Busbauer folgen und die Produktion ins Ausland verlagern oder sich nach dem Börsengang von Daimler Truck womöglich ganz von den Bussen trennen könnte, die bisher Teil dieses Nutzfahrzeugherstellers sind. „Evobus war und ist ein integraler Bestandteil der Daimler Truck AG“, sagt Oberwörder klipp und klar. Es gebe keine Diskussion über einen Verkauf. „Das Werk Neu-Ulm ist fester Bestandteil unseres Produktionsnetzwerks“, betont der Daimler-Manager.
Sowohl der Neu-Ulmer Evobus-Betriebsratschef Hansjörg Müller als auch Petra Wassermann, die Erste Bevollmächtigte der Ulmer IG Metall, berichten, dass es trotz dieser kursierenden Spekulationen in der Neu-Ulmer Belegschaft keine weit verbreitete Sorge vor einer Verlagerung der Produktion ins Ausland oder einem Verkauf des Bereichs gebe. Die Sorge gelte eher der Auftragsentwicklung bei den Reisebussen, sagen beide unisono. Müller zeigt trotz der aktuellen Schwierigkeiten Zuversicht. „Wenn einer die Krise gut überstehen wird, dann wir“, sagt der Betriebsratschef.
Enge Verflechtungen zwischen den Werken Mannheim und Neu-Ulm
Zwischen den Standorten Neu-Ulm und Mannheim gibt es enge Produktionsverflechtungen. Während Mannheim das Werk für die Produktion der Stadtbusse ist, werden in Neu-Ulm die Reisebusse montiert. Diese Arbeitsteilung ist historisch bedingt. In Mannheim produzierte Mercedes-Benz seine Stadtbusse, in Ulm stellte das Familienunternehmen Kässbohrer Reisebusse der Marke Setra her. Als Kässbohrer in Nöten war, entstand daraus 1995 die Daimler-Tochter Evobus. Die Kombination ermöglichte einen saisonalen Ausgleich. Während das Geschäft mit Reisebussen vor allem vor dem Start in die Frühjahrssaison brummt, ordern Kommunen Stadtbusse vor allem in der zweiten Jahreshälfte. Das Geschäft ist jedoch stets von großen konjunkturellen Schwankungen geprägt, die mit sehr flexiblen Arbeitszeitkonten aufgefangen werden.
Heute arbeiten bei Evobus in Mannheim 3500 Mitarbeiter, in Neu-Ulm 3850. Weltweit beschäftigt Daimler Buses 17 300 Mitarbeiter. In Neu-Ulm werden sämtliche Fahrzeuge lackiert, auch die Stadtbusse für den öffentlichen Nahverkehr. Zudem werden hier Sitze und andere Komponenten hergestellt.
Während das Geschäft mit Reisebussen eingebrochen ist, ist die Stadtbus-Produktion laut Oberwörder gut ausgelastet. Allerdings beobachtet der Daimler-Manager hier in jüngster Zeit „eine gewisse Abkühlung“. Trotz der Probleme bei den Reisebussen zeigte sich der Chef der Bussparte insgesamt zufrieden mit dem vorigen Jahr. Die Bussparte habe einen Gewinn gemacht. Zur Größenordnung wollte er jedoch keine Angaben machen.
Evobus investiert in die Entwicklung von Elektroantrieben
Die Ertragsentwicklung der Busse wird in der Bilanz nur gemeinsam mit den Lastwagen ausgewiesen, wobei die Trucks den Löwenanteil des Geschäfts ausmachen. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) im Geschäft mit Lastwagen und Bussen ist 2020 um 80 Prozent auf 525 Millionen Euro eingebrochen, die Umsatzrendite des gesamten Bereichs rutschte von sechs Prozent auf 1,5 Prozent ab. In diesem Jahr wird jedoch wieder ein Anstieg auf eine Umsatzrendite von sechs bis sieben Prozent im Geschäft mit Lastwagen und Bussen erwartet.
Im laufenden Jahr will der Chef der Bussparte einen strikten Sparkurs fahren, zugleich jedoch in Elektro- und Brennstoffzellenantriebe investieren. Das Unternehmen hat vor kurzem seinen Elektro-Stadtbus E-Citaro auch als verlängerten Gelenkbus auf den Markt gebracht. Für die Beschäftigten in Neu-Ulm bedeutet der Sparkurs auch, dass Verträge von 40 auf 35 Stunden mit einem entsprechend niedrigeren Gehalt zurückgefahren werden. Es gebe auch Abfindungsangebote sagte Oberwörder. Zudem erhalten die Beschäftigten von Evobus, anders als die anderen Daimler-Mitarbeiter, keine Erfolgsbeteiligung von 500 Euro. Evobus hatte auch in der Vergangenheit eine eigene Regelung für die Erfolgsbeteiligung.