Auftritt von US-Superstar Amanda Gorman Der Superbowl und der Moment der Demut

Die Poetin Amanda Gorman wird beim Super-Bowl auftreten. Foto: dpa/Erin Schaff

Das wichtigste Sportereignis in den USA setzt in diesem Jahr auf einen Auftritt der Poetin Amanda Gorman.

New York - Würde man auf den Straßen Amerikas nachfragen, wer 1991 den Superbowl gewonnen hat, würde man von vielen ratlose Blicke ernten. Abgesehen von eingefleischten Football-Fans und älteren New Yorkern, könnte sich wohl niemand daran erinnern, dass die New York Giants damals gegen die Buffalo Bills die begehrteste Trophäe in Amerikas liebstem Sport geholt haben. Wesentlich mehr Amerikaner würden sich daran erinnern, wie vor dem Spiel im Stadion von Tampa – just da, wo an diesem Wochenende erneut der Superbowl ausgetragen wird – Whitney Houston mit ihrem Vortrag der Nationalhymne eine Vorstellung für die Ewigkeit ablieferte.

 

Bis heute bekommen Millionen Amerikaner Gänsehaut, wenn sie sich auf Youtube das Video anschauen. Die Performance war damals aber nicht alleine wegen Whitney Houstons Jahrhundertstimme und ihrer schnörkellosen Interpretation des Star Spangled Banner so wuchtig. Houston vermochte es, zumindest für einen Moment, eine zerrissene Nation zusammenzubringen. Die USA hatten gerade den ersten Golfkrieg angezettelt, und die Hälfte des Landes war über die Sinnlosigkeit der Expedition entrüstet. Die andere Hälfte forderte bedingungslosen Patriotismus. Erinnerungen an die Vietnam-Ära wurden wach, doch Houston überbrückte mit der Kraft ihrer Musik die Gräben. Der Superbowl erfüllte damals seine Funktion als Ritual der nationalen Einigung.

Der Rückblick wirkt wie die Erinnerung an eine bessere Zeit

30 Jahre später scheinen die Zentrifugalkräfte des Landes zu gewaltig. Bereits im letzten Jahr demonstrierte das Großereignis die Unversöhnlichkeit Amerikas. Das Spiel war eingerahmt von Politik-Werbeclips von Donald Trump und einem seiner Herausforderer, Michael Bloomberg. In der Halbzeit-Show trat Jennifer Lopez auf, die sich als einzige Künstlerin von einer Liga beschäftigen ließ, die dem Bürgerrechtler Colin Kaepernick keinen Job geben wollte. Lopez nutzte ihren Auftritt, um auf die eingesperrten Kinder an Mexikos Grenze aufmerksam zu machen.

Der Rückblick auf das Vorjahr wirkt wie die Erinnerung an eine bessere Zeit. Amerika hat sich noch lange nicht von dem Schock des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar erholt. Die wirtschaftliche Not im Land wird mit jeder Woche der Pandemie und des Zanks im Kongress größer. Und die skandalöse Zahl der Corona-Opfer ist eine nationale Schande. So werden die USA einen Superbowl erleben, wie es ihn noch nie gab: eher leise und bescheiden. Für das hemmungslose Ausleben von Kommerz ist es die falsche Zeit.

Das Zurückfahren des Exzesses beginnt bei der werbenden Wirtschaft, die sonst für das TV-Spektakel tief in die Taschen greift. Trotz des stolzen Preises von 5,5 Millionen Dollar pro 30 Werbesekunden hatten die TV-Sender in der Vergangenheit nie Probleme, vier Stunden Sendezeit auszubuchen. Jetzt sind noch viele Plätze frei. Selbst Stammkunden wie Coca Cola, Pepsi und Budweiser setzen aus. Das liegt an den knappen Kassen. Eine große Rolle spielt aber die Stimmung in der Bevölkerung. Ein Werbeexperte erklärte, dass jeder Kunde Angst habe, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen.

Freikarten gab es für geimpfte Krankenpfleger und Ärzte

Auch im Stadion bemüht man sich verzweifelt darum, den richtigen Ton für diesen Moment zu treffen. Die Football-Liga NFL hat 7500 Freikarten an geimpfte Krankenpfleger und Ärzte vergeben. Die sollen im leeren Stadium für Stimmung sorgen. Die Nationalhymne wird diesmal von Eric Church und Jazmine Sullivan vorgetragen – einem Country Sänger und einer Rhythm-and-Blues-Künstlerin. Die Wahl soll versinnbildlichen, dass die Kulturen des Landes – weiß und südlich, schwarz und urban – etwas gemein haben.

Kurz danach wird der neue amerikanische Superstar Amanda Gorman auftreten und erstmals in der Geschichte des Superbowls ein Gedicht vortragen. Die junge Poetin aus Los Angeles hatte bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden die Nation mit ihrer Botschaft der Hoffnung zu Tränen gerührt. Nun soll ihr beim Superbowl Ähnliches gelingen. Die neuartige Verbindung von Football und Lyrik sagt vielleicht am meisten über diesen nationalen Moment der Demut aus.

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