Aufwendige Bestandserhebung Die größten und ältesten Bäume im Land

6,66 Meter – Jürgen Blümle misst den Stammumfang der Schönaicher Linde. Foto: Torsten Schöll

Jürgen Blümle sucht die größten und ältesten Bäume im Land. Rund 3000 bedeutende Bäume in Baden-Württemberg hat er in seinem Archiv dokumentiert.

Die gewaltige Baumkrone wirft an diesem glutheißen Sommertag einen großen, fast kreisrunden Schatten auf die Wiese. Ein wenig fühlt es sich wie unter einer kühlen Decke an. Vor allem aber purzeln die Temperaturen unter dem Baumriesen, weil genau in diesem Moment in Hunderttausenden von Blättern Wasser verdunstet und dabei der Umgebungsluft Wärme entzieht. Große, alte Bäume können das viel besser als junge, sagt Jürgen Blümle.

 

Der 69-Jährige hakt das Rollmaßband an der knorrigen Borke ein und umrundet einmal den Stamm. Dann liest er ab: „6,66 Meter.“ Als Blümle das letzte Mal an der Linde am Steinbaß vorbeischaute, waren es 6,61 Meter. Das war vor drei Jahren. 2010 maß der Stammumfang der Winterlinde noch mal 30 Zentimeter weniger.

„Das Höhenwachstum hat der Baum längst eingestellt“, sagt der ehrenamtlich tätige Baumkundler der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft (DDG). „Aber, wie ein Mensch kann auch ein Baum noch lange Zeit in die Breite wachsen.“ Er lächelt. Doch eigentlich ist er, wie schon bei seien letzten Besuchen der Schönaicher Linde, tief beeindruckt. „Lassen Sie den Baum einfach mal auf sich wirken“, sagt er. Und wären da nicht die unentwegt startenden Flugzeuge vom nahen Landesflughafen, die ihren Lärmteppich über die Landschaft legen, fügte sich vielleicht zum Staunen auch die Ruhe, die einen unter alten Baumriesen umfängt.

Solitär bei Schönaich

Das Alter der mächtigen Linde am Ortsrand der Schönbuchgemeinde Schönaich schätzt Blümle auf 300 bis 350 Jahre. Genau weiß das keiner. Anlass und Zeitpunkt ihrer Pflanzung sind unbekannt. Was den Solitär letztlich für den Betrachter so eindrucksvoll macht, ist aber ohnehin nicht sein Alter. Es sind sein wuchtiger, knorriger Stamm und seine weit ausladende Krone, die einen Durchmesser von gut 25 Metern hat.

Rund 3000 bedeutende alte Bäume in Baden-Württemberg hat der Baumsucher in seinem Archiv dokumentiert. Die wichtigsten und ältesten davon sind in einem 600 Seiten starken Bildband mit dem Titel „Baumschätze Baden-Württembergs“ versammelt.

Der Stammumfang von Baumriesen wird nach einem internationalem Standard in 1,30 Meter Höhe gemessen. Vorausgesetzt, hier befinden sich keine krankhaften oder sonstigen Auswüchse, die die Messung verfälschen. „In solchen Fällen misst man an der Stelle mit dem geringsten Umfang innerhalb der ersten zwei Meter, der sogenannten Taille“, erklärt Blümle, der bei der DDG die Liste der „Champion Trees“ mitbetreut.

Mächtige Winterlinde in Donzdorf-Reichenbach

Die Erhebung dieser Rekordbäume ist ein Gemeinschaftsprojekt der DDG und der Gesellschaft Deutsches Arboretum. Die Liste versammelt, nach Arten geordnet, die mächtigsten und ältesten Baume in Deutschland. Wer in der Tabelle stöbert, kann die Baummethusalems auch nach Bundesländern sortieren und findet so leicht die größten und ältesten Bäume in Baden-Württemberg. Natürlich nur, sofern sie auch gemeldet wurden.

Die mächtigste Winterlinde im Land steht in Donzdorf-Reichenbach. Mit einem Stammumfang von neun Metern ist sie deutlich dicker als die Linde in Schönaich. „Ein Gebirge aus Holz“, schreibt Jürgen Blümle in seinem Buch. Rund 500 Jahre alt.

Mit dem Alter von Bäumen nimmt man es bei vielen Kommunen nicht immer so genau. Zu verlockend scheint die Jagd nach Rekorden für manche Touristiker. Blümle schätzt, dass es in Deutschland mindestens 30 Fälle von mutmaßlich „tausendjährigen Linden“ gibt. „Das ist aber weit jenseits der Realität.“ Vielmehr gebe es keine einzige Linde, die nachgewiesen mehr als 1000 Jahre alt ist.

Wie ermittelt man das Alter eines Baumes?

Dass gerade Linden steinalt werden können, hängt an ihrer einzigartigen Fähigkeit zur Selbstregeneration. „Sie können auch aus einem schwer beschädigten Stamm weiterwachsen“, sagt Blümle und zeigt dabei auf Stellen am Stamm der Schönaicher Linde, die sich schon optisch deutlich von der sonst tief gefurchten, schwärzlichgrauen Borke unterscheiden. „Hier hat der Baum Wunden mit neuem Holz überwallt“, erklärt der Experte aus Kusterdingen. Wie große, glatte Pflaster liegen diese neuen Holzschichten auf ehemaligen Verletzungen, die Blitz, Sturm oder einfach das Eigengewicht verursacht haben könnten. Eine ganz andere Strategie, um alt zu werden, verfolgt die Eibe: Sie wachse, so erklärt Blümle, extrem langsam und entwickle dabei ein sehr dichtes, hartes und widerstandsfähiges Holz.

Dass es häufig so schwierig ist, das tatsächliche Alter von augenscheinlich sehr alten Bäumen zu ermitteln, liegt auch an ihrem Innenleben. „Bei alten Bäumen befinden sich im Innern der Stämme fast immer große Hohlräume.“ Selbst wenn der Baum also gefällt würde, könnte man die Jahresringe nicht einfach abzählen. Dasselbe Problem besteht bei der Entnahme von Bohrkernen oder der Dichtemessung mit Hilfe von Schallwellen.

„Im besten Fall kann man ein Stück der verbliebenen Stammschale, also die Restwandstärke, messen und mit Hilfe einer recht komplizierten Formel die Wachstumszeit hochrechnen“, sagt Blümle. Diese Schwierigkeiten sind auch der Grund, weshalb es einen offiziell ältesten Baum Baden-Württembergs nicht gibt. Für diesen Titel kommen, nach Blümles Dafürhalten, am ehesten drei Sommerlinden infrage: eine Linde in Owingen-Hohenbodman, die Dorflinde in Blaufelden-Wiesenbach sowie die Ziegelhoflinde bei Ehingen, alle geschätzt zwischen 700 und 800 Jahre alt.

Zunehmende Wassermangel

Abschätzen lässt sich das Alter eines Baumes: So lassen etwa zeitlich weit auseinanderliegende Messungen des Stammumfangs Rückschlüsse auf die Wachstumsgeschwindigkeit und damit auf das Alter zu. Bei manchen Baumriesen kann Blümle auf Messungen zurückgreifen, die der Forstbedienstete Otto Feucht 1911 im Auftrag der Königlich Württembergischen Forstdirektion durchführte und in seinem „Schwäbischen Baumbuch“ dokumentierte.

Wie viel Lebensjahre die Linde am Steinbaß noch vor sich hat, kann niemand sagen. Damit sie nicht unter ihrer eigenen Last zusammenbricht, wurden schon vor vielen Jahren die zehn Hauptachsen des Baumes durch Sicherungsseile mit dem Zentralstamm verbunden. Immerhin: „Die jetzt, im Sommer, mit Blättern dicht bewachsene Krone zeugt von einem vitalen Baum“, sagt Blümle.

Der zunehmende Wassermangel seit dem Jahrhundertsommer 2003 macht aber auch dem Schönaicher Riesen zu schaffen. „Hier und da zeigen sich Trockenpartien“, sagt Blümle und zeigt ganz hinauf in die Krone. Winterlinden seien bei ausreichend hellen und feuchten Standorten sehr hitzetolerant. „Mit langen Trockenperioden kommen sie aber nicht gut klar.“

Von Berufs wegen hatte Blümle mit Bäumen nie etwas am Hut. Lehrer für Sport und Geografie wollte er ursprünglich werden. Mangels Stellenangeboten in den 1980er Jahren verschlug es ihn in die Druckbranche, wo er bis zum Eintritt in den Ruhestand blieb. „Meine Verbundenheit zur Natur keimte wohl in früher Kindheit.“

Heute verfolgt er mit seiner Leidenschaft ein handfestes Anliegen: Einerseits will er die Wahrnehmung schärfen, dass Bäume in der Geschichte des Lebens schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben und künftig spielen werden. Andererseits dient sein Archiv schlichtweg der Bestandsaufnahme.

„Aus Sicht des Naturschutzes erfüllt ein Baum durch die Bereitstellung von Lebensräumen für zum Teil stark bedrohte Tier- und Pflanzenarten eine enorm wichtige Funktion“, sagt Blümle. Anders als junge, verfügten aber eben nur alte Bäume über die hierfür notwendigen Rindentaschen, Höhlungen, Ausbrüche und Totholzanteile. „Was ein alter, großer Baum in diesem Sinne leistet, können nachgepflanzte Bäume erst nach vielen Jahrzehnten halbwegs ersetzen.“ Das müsse man wissen. Und nichts anderes gelte für ihre Fähigkeit, den CO2-Anteil in der Atmosphäre zu verringern und in Zeiten der Klimaerwärmung die Umgebung zu kühlen.

Wer einen Baum für die Champion-Trees-Liste melden will, kann dies unter: ddg-web.de/rekordbaeume.html.

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