Augmented Reality „Die Computerbrille macht mich sozialer“

Von Eva Wolfangel 

Thad Starner trägt seinen Computer am Körper. Der 43-jährige Mitentwickler der sogenannten Google-Glasses kommt nicht ohne die Gedächtnisstütze aus, wie er im Interview mit der Stuttgarter Zeitung erläutert.

Aufsetzen und abtauchen: die Computer-Brillen werden immer einsatzfähiger. Thad Starner will sie nicht mehr missen. Foto: Heinz Heiss
Aufsetzen und abtauchen: die Computer-Brillen werden immer einsatzfähiger. Thad Starner will sie nicht mehr missen. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Für Thad Starner ist der Computer wie ein Kleidungsstück. Der Miterfinder der Google-Glasses kommt nicht ohne die Gedächtnisstütze aus.


Herr Starner, Sie tragen seit mehr als 20 Jahren einen Computer am Körper, stets ein Display vor den Augen, eine Art Tastatur in der Tasche. Was haben Sie davon?
Der Computer ist mein erweitertes Ich. Ich denke darüber nicht nach, er gehört zu mir und erweitert meine Fähigkeiten.

Inwiefern?
Er ist mir eine Gedächtnisstütze. Wenn ich einen Vortrag halte, habe ich mit wenigen Tastendrücken Zugang zu meinen Notizen oder älteren Vorträgen – sie erscheinen direkt vor meinen Augen. Oder wenn ich jemanden nach zehn Jahren wieder treffe, sagt mir mein System beispielsweise wie seine Kinder heißen, wie alt sie jetzt sind und worüber wir zuletzt geredet haben. Ich kann daran sofort anknüpfen.

Ob das Ihrem Gegenüber immer recht ist?
Andere Leute nutzen dafür Notizen. Und Politiker haben oft jemanden, der hinter ihnen herläuft und ihnen einflüstert: Hej, das ist der Soundso, der dir neulich so und so viele Millionen gespendet hat. Mein System macht das schneller und unauffälliger. Ich muss das Gespräch nicht unterbrechen.

Sie lesen Informationen über Ihren Gesprächspartner, während Sie mit ihm reden?
Ja, und ich schreibe mir neue auf. Während Sie mich interviewen, notiere ich mir, was Sie fragen und was ich gesagt habe. Ich bin übrigens schneller als Sie, denn Sie müssen immer auf ihren Block schauen, während ich Sie die ganze Zeit anschauen kann. Außerdem schreiben Sie von Hand, während ich tippe.

Wo?
In meiner Hosentasche. Ich benutze einen „Twiddler“, eine Art Ein-Hand-Tastatur.

Das bestätigt doch die Meinung der Kritiker der Google-Brille: Sie haben einen Apparat, der während des Gesprächs unsichtbar Informationen bereitstellt, Fotos und Videos macht, ohne dass der Gegenüber weiß, was Sie gerade tun. Wieso sollte sich so etwas durchsetzen?
Wenn ich mit der Brille ein Foto machen möchte, mache ich das über Sprachbefehle. Das geht nicht heimlich. Aber abgesehen davon: es gibt eine gesellschaftliche Konvention, die besagt, dass man niemanden heimlich fotografiert. Wieso sollte sich das ändern? Wer heimlich Fotos machen will, macht das auch ohne Google-Brille.

Lenkt die Brille nicht vom aktuellen Geschehen ab?
Im Gegenteil: Sie unterstützt uns, in der aktuellen Situation zu bleiben, indem sie unsere Sinne erweitert. Ich kann auf die Uhr schauen oder mit einem Blick sehen, wann mein nächster Termin beginnt.

„In der Situation bleiben“ hieße für mich, nicht nebenbei andere Dinge zu tun.
Angenommen, Sie bekommen einen Anruf während unseres Gesprächs. Um zu sehen, ob er wichtig ist, müssen Sie Ihr Handy aus der Tasche holen. Das dauert 20 Sekunden – eine lange Pause. Selbst wenn Sie nur auf die Uhr schauen wollen, unterbricht das unser Gespräch. Die Brille macht uns sozialer. Sie hilft uns dabei, die Unterbrechungen in unserem Leben zu verringern.

Aber sind Sie nicht nur mit halber Aufmerksamkeit bei einem Gespräch, wenn Sie nebenbei Fotos machen oder Notizen?
Interessanterweise hat meine Forschung ­ergeben, dass man sogar intensiver zuhört, wenn man ­sich nebenbei Notizen über ein Gespräch macht. ­Was man nicht tun sollte, ist, währenddessen eine Mail zu schreiben. Dann hört man nicht mehr richtig zu.