August Zirner im Porträt „Wann haben Sie begriffen, was Ihre Eltern damals meinten?“

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Er ist ein gefragter Schauspieler. Das ist nicht nur ein Beruf – August Zirners vielfältige Rollen geben ihm immer wieder neue Impulse, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die StZ-Autorin Adrienne Braun ist ihm begegnet.

August Zirner Foto: Volksoper Wien
August Zirner Foto: Volksoper Wien

Stuttgart - Wenn August Zirner seine Geschichte erzählt, scheint er sie selbst nicht so recht glauben zu können. Es müsste doch eigentlich eine Opfergeschichte sein, die Geschichte einer jüdischen Familie in Wien. Zirners Großmutter besaß ein renommiertes Bekleidungsgeschäft, das Maison Ludwig Zwieback & Co. Bruder. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurde das Kaufhaus zwangsarisiert, die Familie Zirner-Zwieback wurde enteignet und ging nach Amerika. Über die Vergangenheit ist danach nie mehr gesprochen worden, aber an eines erinnert sich August Zirner sehr wohl: „Mein Vater war ein gedemütigter Mensch.“

August Zirner hat inzwischen seine eigene Geschichte geschrieben – eine Erfolgsgeschichte als deutscher Schauspieler. Als er nach der Schule beschloss, ans Theater zu wollen, schickte die Mutter ihn zurück in die alte Heimat. Wenn schon an eine Schauspielschule, dann an die Wiener. Aus dem amerikanischen Burschen, der zwar Deutsch sprechen, aber deutsche Theaterstücke nicht lesen konnte, wurde ein bestens beschäftigter Schauspieler. Zirner fing an einer der ersten Adressen an – den Münchner Kammerspielen. Heute ist seine Filmografie unverschämt lang, er hat in zahllosen Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt. „Ich habe das Glück gehabt, dass ich es mir aussuchen konnte“, sagt Zirner.

Zirner fühlt sich noch immer als Amerikaner

Seit fast vierzig Jahren lebt Zirner in Deutschland. „Aber ich fühle mich heute noch als Amerikaner“, sagt er, „das klingt vielleicht absurd.“ Wenn wie kürzlich der Abhörskandal durch die Medien gehe, kriege er „eine wahnsinnige Wut auf mein Land“. Aber er hat ja ohnehin wechselnde Identitäten, ist mal der Chef eines Callcenters, mal ein neurotischer Analytiker. „Die Chance, die Rollen so vielfältig und verschiedene Rollen zu spielen“, sagt Zirner, „stiftet Verwirrung mit sich selbst.“

Zirner nimmt sich Zeit, bevor er einen Satz in die Welt entlässt. Er ist keiner, der vorproduzierte Sentenzen im Interview abspult. Das Gespräch ist für ihn vielmehr eine Übung, „sich besser verständlich zu machen“, so wie er auch versucht, über das Rollenspiel mehr über sich selbst zu erfahren. In den vergangenen Wochen hat Zirner am Münchner Residenztheater den Stiller aus dem Roman von Max Frisch gespielt. „Der Text nimmt einen mit“, meint er, „weil man sich fragt: Wer bin ich, wie sehen mich die anderen?“

So eröffnet die Schauspielerei ihm immer neue Perspektiven beim Ausloten der eigenen Identität. „Ich habe das Glück“, sagt Zirner, „wenn mich etwas beschäftigt im Leben, kommt meistens eine Rolle, ein Film, ein Stück, das damit zu tun hat.“ So verdankt er es auch dem Theater, dass er mit Anfang vierzig begann, sich mit seiner eigenen Vergangenheit und der seiner Familie auseinanderzusetzen. Auslöser war ein Stück über den Dirigenten Wilhelm Furtwängler.