Krimikolumne

Augusto Cruz: „Um Mitternacht“ Jagd auf ein Horror-Juwel

Lon Chaney, der „Mann mit den tausend Gesichtern“, in „Das Phantom der Oper“. Foto: Verleih
Lon Chaney, der „Mann mit den tausend Gesichtern“, in „Das Phantom der Oper“. Foto: Verleih

Der Horrorfilm „London after Midnight“ mit Lon Chaney als Star soll ein Schocker erster Güte gewesen sein. Soll, denn der Film gilt als verschollen. Augusto Cruz setzt seinen Detektiv Scott McKenzie auf die Suche an – und lässt ihn realen Horror in Mexiko finden.

Rems-Murr: Thomas Schwarz (hsw)
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Stuttgart - Socken verschwinden in der Waschmaschine, okay. Aber dass ein Kinofilm komplett verschwindet? Gibt es so was? Ja, und nicht nur einer. Aus der Stummfilmzeit sind viele Titel nicht mehr vorhanden, sowohl in Europa als auch in Hollywood. Die Leistungen legendärer Diven jener Ära sind quasi nur noch vom Hörensagen bekannt, in Aktion sehen kann man sie nicht mehr. Von Theda Bara, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA ein Star war, sind nur noch drei ihrer 40 Filme erhalten. Gründe für dieses Phänomen gibt es mehrere. Unter anderem liegt es am Zelluloid, das nicht sehr haltbar und außerdem leicht entzündlich ist. Und viele Filme wurden einfach schlecht gelagert.

Ein verschwundener Film wird neu gedreht

Einer der bekanntesten verschwundenen Filme ist „London after Midnight“ von Tod Browning aus dem Jahr 1927, um den sich der Roman „Um Mitternacht“ von Augusto Cruz dreht. Außergewöhnlich an dem Film mit dem Horror-Star Lon Caney in einer Hauptrolle ist, dass er 1935 von Browning selbst noch einmal komplett neu gedreht wurde. Dieses Mal mit Bela „Dracula“ Lugosi in Chaneys Rolle und mit dem Titel „Mark of the Vampire“. Neugedreht heißt, es wurde tatsächlich Szene für Szene exakt genauso inszeniert wie im Original. Beide Filme wurden 1953 zuletzt gesehen, von den Filmhistorikern William Everson und David Bradley. 1967 wurde der alte Film bei einem Brand im Filmarchiv der MGM zerstört.

Erzählt wird in beiden Filmen, die mit jeweils rund einer Stunde Laufzeit recht kurz sind, die ziemlich abstruse Geschichte einer Gruppe von Schauspielern, die sich als Vampire ausgeben und so einen Mörder dazu bringen, sein Verbrechen zu gestehen. Klingt kurios? Ist es auch, aber ab und zu konnte man den „neuen“ Film sogar im deutschen Fernsehen bewundern.

In Augusto Cruz’ Roman wird ein Ex-FBI-Mann von einem exzentrischen Sammler von Filmdevotionalien engagiert, den ursprünglichen Film aufzutreiben. Gerüchten zufolge sollen doch noch Kopien existieren. Dem Original hängt die Aura an, es sei so schrecklich, dass Zuschauer vor Entsetzen aus den Kinosälen geflüchtet seien. Lon Chaney, den man wegen seiner Verkleidungen und Makeups auch den „Mann der tausend Gesichter“ nannte, wirkt auf den erhaltenen Szenenfotos tatsächlich furchteinflößend – jedenfalls furchteinflößender als Bela Lugosi, der in seinem Dracula-Kostüm eher unfreiwillig komisch daher kommt.

Stelldichein von Filmstars und J.Edgar Hoover

Der Detektiv Scott McKenzie – gab es da nicht einen Sänger? – macht sich also auf die Socken. Von Kalifornien aus führt in sein Weg in den Norden Mexikos, wo man ihm nicht überall den kurios klingenden Grund für seine Reise abkauft. Mitglieder eines Drogenkartells halten ihn sogar für einen Ermittler der amerikanischen Rauschgiftfahndung, was zu wirklich brenzligen Situationen führt.

Neben der Krimihandlung sind es Anekdoten aus dem Filmgeschäft, die das Buch für Fans alter Hollywood-Gruselfilme der 30er- und 40er-Jahre interessant machen. Personen aus dem Filmbusiness, deren Namen bis heute bekannt sind, tauchen in der Handlung auf. Und immer wieder auch „der Direktor“, der legendenumrankte FBI-Gründer J. Edgar Hoover, der dem Protagonisten persönlich bekannt war und von dessen Schrullen und irrwitzigen Aktionen ebenfalls immer wieder die Rede ist.

„Um Mitternacht“ ist also mehrerlei: ein spannender Krimi, eine Reisegeschichte und ein amüsantes Lexikon der Filmgeschichte, dessen Inhalt in Gestalt historischer Schauspieler und Produzenten munter in der Geschichte mitmischt. Realität und Fiktion vermischen sich ständig. So wie angeblich im originalen „After Midnight“ echte Vampire mitgespielt haben sollen. Und gab es nicht einen Film vor gar nicht langer Zeit, der die Dreharbeiten zu Murnaus Nosferatu in dieser Weise weiterspann? „Shadow of the Vampire“ hieß der, ähnlich wie das Remake von „After Midnight“ eben „Mark of the Vampire“.

Autor, Bäcker und Privatdetektiv

Augusto Cruz wurde 1971 in Tampico, Mexiko, geboren. „Um Mitternacht“ ist sein Debüt als Schriftsteller. Aus dem Spanischen übersetzt wurde es von dem in Madrid lebenden Christian Hansen. Im Hauptberuf betreibt Augusto Cruz zusammen mit seinem Bruder eine Bäckerei in Tampico. Zuvor hat er sich per Fernstudium ausbilden lassen: zum Privatdetektiv.

Augusto Cruz: „Um Mitternacht“. Suhrkamp, Berlin 2015. Gebunden, 392 Seiten, 22,95 Euro. Auch als E-Book, 19,99 Euro.

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