Aus Afghanistan nach Stuttgart Endlich Schule – zum allerersten Mal
Vor anderthalb Jahren floh Harnit mit ihrer Familie aus Afghanistan. Nun geht die Zehnjährige zum ersten Mal auf eine Schule und traut sich ohne Angst auf die Straße.
Vor anderthalb Jahren floh Harnit mit ihrer Familie aus Afghanistan. Nun geht die Zehnjährige zum ersten Mal auf eine Schule und traut sich ohne Angst auf die Straße.
Stuttgart - Im Haus ist es ruhig, als Harnit an diesem Mittag aus der Schule kommt. Es riecht nach Essen, die Luft ist stickig von zu vielen Menschen auf zu engem Raum. Sie eilt die Treppe hoch und einen nackten Korridor entlang. Vorbei an anonymen Türen, hinter denen Menschen leben, deren Geschichten alle von Flucht und Heimatlosigkeit handeln. Vor einer bleibt sie stehen, streift ihre schwarzen Stiefel an der Schwelle ab und tritt ein. Neben dem Eingang brummt ein Kühlschrank.
Seit vielen Monaten teilt sich das zehn Jahre alte Mädchen ein kleines Zimmer in einer Stuttgarter Unterkunft mit ihrer Schwester Raunit, Mutter Mammta und Vater Sanjit. Essen, arbeiten, lernen, spielen und schlafen auf 20 Quadratmeter.
Harnit setzt ihren Ranzen neben einem roten Sofa ab. Nachts wird es umgeklappt, und sie legt sich neben ihre fünf Jahre ältere Schwester. Auf dem einzigen Tisch türmen sich Lebensmittel, dazwischen steht ein Wasserkocher. Später wird sie an diesem Platz die Rechnungen lösen, die sie als Hausaufgabe bekommen hat.
Ihre Klassenkameraden üben in der Schule gerade das schriftliche Dividieren. Harnit, die das Teilen bereits beherrscht, knobelt an schwierigeren Aufgaben. In Mathe bekam sie im Halbjahreszeugnis eine 1-. Auch ihre anderen Noten können sich sehen lassen: eine 1 in Englisch, eine 2-3 im Fach Mensch, Natur und Kultur. In Deutsch steht sie auf einer 3. Schreiben und die Vergangenheitsformen machen ihr noch Probleme. „Gehe und ging verwechsele ich leicht, wenn ich eine Geschichte erzähle“, sagt sie. Dabei hört man kaum, dass Harnit erst seit kurzem Deutsch spricht. Vor anderthalb Jahren floh ihre Familie aus Afghanistan. Bis dahin besuchte Harnit nicht einmal eine Schule.
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Das Mädchen hat große dunkle Augen und trägt ihr schwarzes Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr bis zu der Hüfte reicht. Es wurde noch nie geschnitten. Genauso wenig wie das dichte Haar ihrer Schwester oder ihrer Mutter. Oder das ihres Vaters, der seinen langen Schopf aufgedreht unter einem kunstvollen Turban verbirgt. Sie sind Sikhs. In ihrer Religion sind ungeschnittene Haare ein Zeichen des Respekts gegenüber der Schöpfung. Wie Christen und Muslime glauben Sikhs nur an einen Gott. Ungleichheit zwischen den Menschen lehnen sie ab. Frauen und Männer, Arme und Reiche, alle werden gleich wertgeschätzt.
Harnit hat sich aufs Sofa gesetzt und klickt sich auf einem Smartphone durch Fotos. Sie zeigen die Familie bei Tempelbesuchen. Die Frauen tragen seidene Gewänder, fein bestickt und in leuchtenden Farben. Seit die Familie in Stuttgart wohnt, trifft sie andere Gläubige an den Wochenenden in einem Gebetsraum in Zuffenhausen.
Sikhs fallen schon rein äußerlich auf. Das ist ihr Problem. Denn in Harnits Heimat Afghanistan leben fast ausschließlich Muslime. Als die Taliban in den 90er Jahren an die Macht kamen, machten sie mit den Andersgläubigen kurzen Prozess. Sikhs wurden verfolgt, enteignet, stigmatisiert. Man zwang sie, gelbe Markierungen an ihre Kleidung zu nähen, die sie als Nicht-Muslime auswiesen. Viele flohen. Die einst großen Gemeinden schrumpften auf wenige tausend Anhänger.
Wer blieb, führte ein Leben im Verborgenen. Seit dem Sturz des Regimes hat sich ihre Situation zwar verbessert. Doch diskriminiert werden sie noch immer. Harnit wohnte mit ihrer Familie in einem Haus in der Hauptstadt Kabul. Aus Furcht vor Hass und Übergriffen ließen die Eltern sie nicht zur Schule gehen. Nie durften die Mädchen draußen spielen oder auch nur allein die Straße überqueren. Während sie davon erzählt, knetet sie mit der Hand einen Schokoriegel. „Ich hatte oft Angst“, sagt sie. Nachts schlüpfte sie zum Schlafen in das Zimmer der großen Schwester.
Nur wenige Verwandte waren geblieben. Onkel, Tante und Großmutter waren schon vor Jahren nach Deutschland gezogen. An ihrem Geburtstag weinte Harnit, weil nur ihre Schwester und Eltern da waren, um mit ihr zu feiern.
Mathe und Englisch brachte ihr ein Privatlehrer bei. Er kam jeden Tag für einige Stunden ins Haus, um die Mädchen zu unterrichten. „Es hat Spaß gemacht“, erzählt sie. Trotzdem hätte sie gerne einmal eine normale Schule besucht und gewusst wie es sich anfühlt, Klassenkameraden zu haben. Wenn sie sich langweilte, bat sie den Lehrer, ihr Hausaufgaben zu geben.
Die Verwandten, die inzwischen in Stuttgart lebten, schickten manchmal Bilder und Videos. Von der U-Bahn, den Straßenzügen, vom Park, vom kleinen Cousin, der in Deutschland zur Welt gekommen war. Harnit dachte, es wäre schön, ihn nicht nur von Fotos zu kennen.
Ihr Vater besaß einen kleinen Laden in der Stadt, wo er bunte Stoffe verkaufte. Eines Nachts habe jemand Feuer gelegt, erzählt sie. Den Täter habe man nie geschnappt. Der Laden brannte aus, damit geriet auch die Existenz der Familie in Gefahr. Für einen Nicht-Muslim war es schwer, eine neue Arbeit zu finden. Immer wieder, sagt Harnit, sei der Vater angefeindet, einmal sogar mit dem Tod bedroht worden.
Die Eltern beschlossen, das Haus zu verkaufen und die Heimat zu verlassen. Ein Lastwagen brachte sie bis nach Indien, wo der Großteil der weltweit rund 25 Millionen Sikhs lebt. Von dort organisierten sie einen Flug nach Europa. Harnit erinnert sich nur schwach an die einzelnen Stationen der beschwerlichen Reise. Doch sie weiß noch genau, wie sie in Stuttgart ankam und auf dem Rücksitz eines Autos zur Wohnung der Verwandten fuhr. „Ein Traumland“, dachte sie.
Einige Tage wohnten sie bei der Großmutter, bis ihre Familie einem Flüchtlingsheim in Heidelberg zugewiesen wurde. Das erste Zimmer war winzig, die Toilette auf einem anderen Stockwerk und schmutzig. Da zweifelte Harnit kurz daran, wirklich an einem besseren Ort gelandet zu sein. Die nächste Unterkunft sah besser aus. Harnit und Raunit schliefen im Hochbett, ein Spielplatz lag um die Ecke, und die Toilette blitzte vor Sauberkeit.
Die Großmutter hatte ihnen vor dem Umzug ihr altes Smartphone geschenkt, das der Onkel für sie reparierte. In den ersten Tagen trug Harnit es wie einen Schatz durch die Unterkunft. Sie fischte nach einem WLAN-Signal. Erwischte sie eines, googelte sie deutsche Begriffe und speicherte dann die Wortlisten ab. „Hallo, ich heiße Harnit“ ging ihr bald mühelos über die Lippen. Die Schwestern fragten sich gegenseitig ab. Raunit sagte ein Wort in Englisch, Harnit antwortete mit der deutschen Übersetzung. Die neue Sprache zu lernen, entwickelte sich zu einem Wettstreit zwischen den Mädchen. Manchmal setzten sich die Eltern dazu. Dann stoppte einer die Zeit, und jeder hatte zwei Minuten, um so viele deutsche Wörter wie möglich aufzuschreiben.
In ihrem ersten Sommer in Deutschland saß Harnit an einem Abend stundenlang auf dem Balkon der Tante. Solange, bis die Sonne hinter einem Hausdach verschwunden war. In Kabul sei es nie so lange hell geblieben, sagt sie. In ihrem ersten Winter sprang sie in jede Schneewehe und schnappte mit den Händen nach den Flocken. Auch in ihrer Heimat fällt viel Schnee. Zum ersten Mal aber habe sie ihn nicht nur vom Fenster aus gesehen, sagt sie. Sie mag deutsche Kinderlieder wie „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“. Und, wie viele Mädchen in ihrem Alter, die Abenteuer von Bibi und Tina. Fragt man, was sie an Afghanistan vermisse, antwortet sie: „Meine beste Freundin.“ Danach fällt ihr lange nichts mehr ein.
Von Heidelberg wurde die Familie nach Bad Cannstatt geschickt und nach einigen Wochen weiter zu der kleineren Unterkunft in der Stuttgarter Innenstadt. Hier teilen sich die Vier Küche und Bad mit anderen Familien. Es sind Eltern, die mit ihren Kindern aus Syrien und Georgien geflohen sind. Der jüngste Bewohner ist erst wenige Monate alt.
Im Heim steht Harnit auf und huscht die Treppe nach unten, auf der sie oft mit einem anderen geflüchteten Mädchen sitzt und plaudert. Am Ende der Stufen öffnet sie die Tür zu einem großen Raum, in dem ein karibikblaues Sofa, Tische und Stühle stehen. Es gibt eine weiße Tafel, wenige Spiele, an der Wand lehnt ein Trampolin – alles Spenden. Die Nachbarn mögen es nicht, wenn die Kinder im Hinterhof spielen. So bleibt ihnen nur der Spielplatz ein paar Häuserecken weiter, das Treppenhaus und eben der Raum im Untergeschoss, um der Enge der Zimmer zu entkommen.
Harnit sagt, sie finde es nicht schlimm, alles teilen zu müssen. Die meiste Zeit versteht sie sich gut mit ihrer Schwester. Untereinander sprechen sie Panjabi, die Sprache der Sikhs. Zanken sie, wechseln sie ins Deutsche. „Da verstehen die Eltern noch nicht alles“, sagt sie und lacht. Manchmal falle es ihr in dem kleinen Zimmer schwer, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. Oder sie will spielen, während Raunit zu lernen versucht. Die ältere Schwester ist ehrgeizig. Gerade hat sie auf der Realschule eine Klasse übersprungen, behauptet sich nun in der Neunten. Schafft sie den Abschluss, will sie das Abitur dranhängen und später Medizin studieren. „Mädchen haben es hier viel besser, das ist das Schönste an Deutschland“, sagt Raunit.
Als sie in diesem Land ankamen, waren beide zunächst in Vorbereitungsklassen unterrichtet worden. Wieder half die eine der anderen. Raunit dachte sich Tests aus, die Harnit in einer bestimmten Zeit lösen musste. Nach ein paar Monaten durfte die Zehnjährige auf eine normale Grundschule wechseln. Mittlerweile geht sie in die vierte Klasse. Die Eltern sind stolz auf die guten Noten. Zum Geburtstag haben sie ihr einen Laptop versprochen, die Mädchen sollen ihn sich teilen.
Harnit wird ihn bald brauchen. Die Lehrer haben sich für einen Wechsel aufs Gymnasium ausgesprochen. Zwei mögliche Schulen haben die Mutter und Harnit sich schon angeschaut, eine gefällt ihr sehr gut. Niemand redet mehr davon, dass es für ein Sikh-Mädchen zu gefährlich ist, an einem öffentlichen Ort zu lernen. Die Angst ist aus den Köpfen verschwunden.