Aus dem Archiv der Stuttgarter Zeitung Protestkultur und Nachtschwärmer rund um Stuttgart 21

Von  

Zum 75-Jahr-Jubiläum der Stuttgarter Zeitung stöbern wir im Archiv und präsentieren die originale Berichterstattung früherer Zeiten. Dieses Mal: Eine Nachtreportage am Stuttgarter Hauptbahnhof zum Höhepunkte der Proteste gegen Stuttgart 21 im September 2010.

Monatelang ist im Jahr 2010 gegen den Start des Großprojekts Stuttgart 21 demonstriert worden – auch zu später Stunde. Foto: dpa/Uwe Anspach 12 Bilder
Monatelang ist im Jahr 2010 gegen den Start des Großprojekts Stuttgart 21 demonstriert worden – auch zu später Stunde. Foto: dpa/Uwe Anspach

Stuttgart - Es ist Freitagabend kurz nach zehn, der Protest tanzt Samba. Direkt neben dem Nordeingang stehen Willi, Wolfgang, Oliver und Felix und sorgen für den Rhythmus der Nacht. Während des ganzen Zuges durch die Innenstadt haben sie getrommelt, jetzt lassen sie den Abend gemeinsam mit einigen Tausend anderen Demonstranten vor dem Bauzaun ausklingen. „Wir verstehen uns richtig gut“, sagt Willi, der sich sonst gelegentlich auch bei einer Sitzblockade am Nordflügel von der Polizei wegtragen lässt. Musik machen die vier Männer nur bei den Demos. „Hier haben wir uns ja auch kennengelernt“, sagt Wolfgang, der vor 33 Jahren bei der Post angefangen hat - im Nordflügel.

Lesen Sie hier: Die Geschichte eines „Jahrhundertprojekts“

Drei Stunden später wird es ruhiger. Die Ü-Wagen des Fernsehens sind fort, die Absperrgitter vor dem Bauzaun hat die Polizei schon längst abgebaut - nur direkt vor dem Tor stehen die Gitter noch, einige Abrissgegner richten sich mit Isomatte und Schlafsack ein. Mitten in der Menge steht Matthias von Hermann, der Pressesprecher der Parkschützer und kennt niemanden mehr. Der Gitarrenspieler, der unter dem Baum seit Stunden vor sich hinklampft? „Keine Ahnung“, antwortet von Hermann. Am Anfang des Protests war das noch anders, da kannte man sich noch. Manchmal wird er angesprochen, weil Menschen ihn nach Fernsehauftritten erkennen. „Das ist was sehr Beruhigendes, dass der Protest inzwischen nicht mehr überschaubar ist.“

Ein Passant wirft Polizisten Rassismus vor

Für die Lage am Nordflügel morgens um zwei gilt das schon. Das Häuflein der Protestierenden ist auf eine Handvoll Unentwegter zusammengeschmolzen, vor dem Bahnhofseingang machen ein paar reichlich betrunkene Männer, die einen Junggesellenabschied feiern, lustige Fotos mit den Polizisten. „Das sind unsere neuen Uniformen, die jetzt kommen“, sagt einer der Beamten und zeigt dabei auf die Röckchen aus rosa Tüll, die die jungen Männer über ihren Hosen tragen.

Lesen Sie hier: Drohnenaufnahmen zeigen die Baustelle aus allen Winkeln

Minuten später wird die Stimmung jedoch frostig, als die Polizisten mit ein paar anderen jungen Leuten aneinandergeraten. Es gibt ein kurzes Geschubse, dann wirft ein Farbiger den Polizisten Rassismus vor. Ursula Kleiner von der Mahnwache der Abrissgegner hat ihren Auftritt: Sie bringt die jungen Leute dazu abzuziehen, und die Polizei fährt ihren Einsatzwagen etwas zur Seite. Unter der Woche sei es tief in der Nacht sehr ruhig, erzählt Kleiner später. „Aber freitags und samstags ist schon viel Partyvolk unterwegs.“ Da werde es auch mal unangenehm. Kleiner mischt sich immer ein, sie fegt auch Flaschen und Unrat zusammen, wie es viele der Gegner abends und nachts tun: „Alles, was am Nordflügel nicht gut läuft, fällt letztlich auf uns zurück“, sagt die protestbewegte Sportlehrerin. In dieser Nacht muss sie auch den Papiermüll mit nach Hause nehmen. Der Container auf der anderen Seite des Bahnhofs ist vor ein paar Tagen niedergebrannt. Von der Torwache weht derweil das Geklampfe des Gitarrenspielers her, dem inzwischen eigentlich die Finger bluten müssten, so lange spielt er schon.

Diskussionen über den Abriss morgens um 5 Uhr

Werner Mutter, 71, hat als Gegengift Volksmusik, die aus seinem Kofferradio schallt. Mutter sitzt bei den Protesten an sehr prominenter Stelle, auch wenn ihn niemand sieht: Er kassiert im Kassenhäuschen auf dem Parkplatz vor dem Nordflügel die Gebühren. Unzählige Male hat er per Megafon die Argumente gegen Stuttgart 21 aufgezählt bekommen. „Die kenn ich alle auswendig.“ Und wenn es abends wieder zu voll geworden ist, dann bricht auch mal die Schranke ab. „Vier- oder fünfmal hab ich die repariert.“ Auf dem Dach des Häuschens haben die Demonstranten auch schon gestanden. Nun warnen Schilder vor der Einsturzgefahr. „Was soll ich machen?“, fragt Mutter. „Ich muss ja hier meine Arbeit machen.“ Der Ärger mit Autofahrern, denen nicht klar ist, dass 24 Stunden auf einem Kurzzeitparkplatz 62,10 Euro kosten, sei größer. „Da müssen wir immer mal wieder die Polizei holen.“

Morgens um fünf verwickeln zwei Nachtschwärmer die Abrissgegner an der Mahnwache in eine Diskussion. „Ich kapier’s nicht. Da wollen sie euch Bahnfahrern einen ganz neuen Bahnhof bauen. Und ihr stellt euch hin und sagt: Wir wollen den gar nicht“, sagt einer der Männer. Vom Untergrund ist die Rede, der hochquellen wird wie Popcornmais. Vor einer Bank am Taxistand liegen die Reste einer langen Nacht, die einem irgendwann hochgekommen sind. Einer von den Parkschützern bringt frische Äpfel zur Mahnwache, ein Bäckerlieferant fährt vor den Nordeingang, und plötzlich zieht der Duft von frischen Brötchen durch die Nacht. An der Torwache fängt der Gitarrenspieler nach einer kurzen Pause wieder an. Mehrere Hunde bellen in die Dunkelheit hinaus. Zeit zu gehen.

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um einen Text, der am 6. September 2010 in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist, also wenige Wochen vor dem umstrittenen Polizeieinsatz zur Räumung des Schlossgartens am 30. September 2010, allerdings kurz nach dem Abrissbeginn des Nordflügels. Die Fotos geben Eindrücke aus dem Jahr 2010 wieder und sind nur teilweise zusammen mit dem Text erschienen.

Sonderthemen



Unsere Empfehlung für Sie