Aus dem Archiv der Stuttgarter Zeitung Redakteure engagieren sich 1945 beim Trümmerräumen

Blick auf die Stiftskirche und das Rathaus im zerstörten Stuttgart nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Foto: dpa 4 Bilder
Blick auf die Stiftskirche und das Rathaus im zerstörten Stuttgart nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Foto: dpa

Zum 75-Jahr-Jubiläum der Stuttgarter Zeitung stöbern wir im Archiv und präsentieren unseren Leser die originale Berichterstattung früherer Zeiten. Dieses Mal: Der Einsatz, um Stuttgart von den Trümmern des Zweiten Weltkrieges freizuräumen.

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Stuttgart - Es soll Menschen geben, die, als sie am vergangenen Sonntag an den arbeitenden Kolonnen in der Innenstadt vorbeigingen, kritisch die Mundwinkel herab gezogen haben: Sieh dir das an, da schippen sie nun! Mit Hacke und Schaufel wollen sie gegen dieses Trümmergebirge angehen. Da gehören Bagger hin, Förderbänder, Kranen. und dazu 500 Lastwagen, die schaffen das Tausendfache von dem, was so an einem Sonntagnachmittag mühselig zusammengeschuftet werden kann. Das ist doch viel zu unrationell…

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Das mag gut gemeint sein. Aber erstens haben wir kaum Bagger, zweitens nicht soviel Lastwagen, drittens keinen Treibstoff, viertens - und das ist beinahe das Wesentlichste - auch keine Aussicht, diese technischen Hilfsmittel in absehbarer Zeit zu erhalten. Woher auch?

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Außerdem könnte man Bagger gar nicht überall gebrauchen, da alles, was irgendwie wieder verwendungsfähig ist, zuerst aus dem Schutt herausgelesen werden soll. Fahrzeuge braucht man dagegen sehr dringend, und es ist vielleicht erwähnenswert; daß die Straßenbahn sich dabei mit elektrischen Lokomotiven einschalten will, die dann nicht nur zwei Anhänger, sondern gleich ganze Züge an die Abladestellen zu schleppen vermögen. Aber auch dann wird es eine Ameisenarbeit bleiben, da infolge der fehlenden Transportmöglichkeiten kaum mehr als 4000 Menschen gleichzeitig an der Schuttbeseitigung arbeiten können. So wird sich der Aufräumungsprozeß in Schichten vollziehen müssen.

4000 Kubikmeter Schutt weggeschafft

Die Beamten und Angestellten der Stadtverwaltung und der Städtischen Aemter, unter ihnen unser Oberbürgermeister, der seinen zehnjährigen Buben mitgebracht hatte, und der Sachreferent für den Wiederaufbau, haben den Anfang gemacht. Ob es· ihnen Freude gemacht hat? Sie sagten Ja! Sie hätten alle für diesen Nachmittag etwas Bequemeres gewußt. Aber kaum etwas Wichtigeres! (4000 Kubikmeter Schutt wurden weggeschafft. Vielleicht sagt das genug.) Sie werden es auch verstehen, wenn hier weniger von ihnen, als von der Sache selbst die Rede ist. Uns von der „Stuttgarter Zeitung“ genügt es, daß wir mit bei den Ersten waren, die sich freiwillig dazu gemeldet haben. Und um die Sache geht es auch, wenn sich nach diesem Beispiel weitere Gemeinschaften wie die Reichsbahn, die Landesregierung, die Post, die Betriebe, die Gewerkschaften dazu bereitfinden würden. Meldungen nimmt das Städt. Tiefbauamt, Hohe Str. 25 I, entgegen.

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Allerdings man kann sich bei dieser Arbeit keine Orden verdienen. Und wenn man vielleicht in zwanzig Jahren, wenn die Stadt neu erstanden ist, sagen kann, da habe ich auch mitgeholfen, so ist das heute noch ein billiger Trost. Die Achtung jedoch wird allen, die freiwillig daran mithelfen, niemand versagen können. Selbst der nicht, der sich davor drücken will.

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um einen Text, der am 3. Oktober 1945 in der Stuttgarter Zeitung erschienen ist und das Engagement der Journalisten bei den Aufräumarbeiten nach dem Kriegsende 1945 beschreibt. Die Rechtschreibung ist weitgehend im Original. Die Fotos sind nicht im Zusammenhang mit dem Text erschienen, sondern eine heutige Anreicherung.




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