Aus dem Inneren einer Klinik Für sie war die Psychiatrie ein brutaler Ort

Lea De Gregorio hat ein Buch über die Diskriminierung von Menschen geschrieben, die als „verrückt“ bezeichnet werden. Foto: Paula Winkler//Suhrkamp Verlag

Lea de Gregorio war mehrmals in der Psychiatrie und kritisiert den Umgang mit den Patienten in der Klinik. Ihnen würde mit brutaler Härte begegnet, es gehe nur um Diagnosen und Medikamente. Was müsste sich ändern?

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Sie hatte zu viele Gedanken im Kopf, konnte nicht mehr schlafen, es kam ihr so vor als würden die Menschen um sie herum nur Rollen spielen. Als „ver-rückt“ bezeichnet sie sich selbst in der „Zeit“. Tatsächlich seien diese manischen Zustände für sie teils schön gewesen – sie verbinde sie mit Kreativität. Trotzdem war Lea De Gregorio (32) damals klar gewesen, dass sie die Welt in diesen Zuständen anders erlebte als sonst und sie war mit existenziellen Fragen überfordert. Sie realisierte, dass sie allein da nicht mehr rauskam – und ging freiwillig in die Psychiatrie.

 

„Es war Winter und ich befand mich auf einer psychiatrischen Akutstation mitten in Berlin mit einer Tür, die verschlossen war. Draußen war es kalt und wir froren, ich musste unser Zimmer immer wieder lüften, weil meine Zimmergenossin sich nicht waschen wollte. Sie hatte schon schrecklich gestunken als sie angekommen war. Aber das war es nicht, was mich dort wütend machte. Es schien mir, als ob man uns Patient:innen in der Klinik verwalten wollte, und mir kam dieser Ort paternalistisch vor.“

Bevormundet und stigmatisiert?

Sie wäre am liebsten direkt nach Hause gegangen, erzählt sie heute. Das Gefühl, dort bevormundet zu sein, widerstrebte ihr und sie hatte Angst – etwa als sie sah, wie Patientinnen Zwangsmaßnahmen erlebten. Wegen vermuteter Selbstgefährdung sei sie aber gezwungen worden, zu bleiben. Rückblickend würde sie das Ohnmachtsgefühl in der Psychiatrie als traumatisch beschreiben. Sie litt damals manischen und teils psychotischen Zuständen, die auch in einer späteren Krise wieder auftraten. Heute bezeichnet sie diese Phasen als „Krisen“ oder „Ver-rückungen“ nicht als psychische Krankheit.

Das Wort „verrückt“, so betont sie, verwende sie als „Reclaiming“ für Menschen, die wie sie die Erfahrung gemacht hatten eine Psychose diagnostiziert bekommen zu haben. „Verrückt aber auch um diese Zustände zu benennen“, sagt Lea De Gregorio in einem Video-Call.

Lea De Gregorio war Anfang 20 als sie das erste Mal erkrankte – vor knapp zwölf Jahren. In einer Zeit, in der noch kaum jemand öffentlich über psychische Erkrankungen gesprochen hatte, und in der Patienten noch mehr stigmatisiert wurden als es heute der Fall ist. Doch die inzwischen erfolgte Enttabuisierung, sie betrifft nicht alle psychischen Erkrankungen. „Psychotische Zustände sind immer noch ein Stigma“, sagt der Psychiater Jan Dreher, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Königshof Krefeld. Er würde seinen Patienten nicht raten, bei einem neuen Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch direkt darüber zu sprechen, dass sie an einer Psychose litten oder in der Psychiatrie waren.

Für sie war die Psychiatrie nicht der Ort, der ihr wirklich geholfen hat

Lea De Gregorio hat die Psychiatrie von Beginn als verstörenden Ort wahrgenommen. Entsetzt hat sie der Umgang mit Patienten, die teils ans Bett fixiert oder mit Medikamenten ruhiggestellt wurden. „Bist du Psycho oder Suchti?“, hätten sie sich untereinander immer gefragt beim Warten auf die Medikamentenausgabe, beim Rauchen oder bei der Essensausgabe. „Ich hätte in der Zeit einen Ort gebraucht, an dem ich mich wohlfühle“, sagt sie und ergänzt: „Ich habe erlebt, dass in der Psychiatrie sehr sensible Menschen sind, oft sind es Menschen, die sehr viel Schlimmes erlebt haben, und denen auf Akutstationen mit einer regelrechten Brutalität begegnet worden ist.“ Es sei viel um Diagnosen, um Genetik und Medikamente gegangen. „Und weniger um Verständnis von Menschen.“

Auch der Verein Kellerkinder, der sich für Menschenrechte einsetzt, kritisiert immer wieder, dass viele Patienten über ihre Rechte in der Psychiatrie gar nicht Bescheid wüssten wie Behandlungsvereinbarungen oder die Aufklärung über Medikamente.

„Andere haben dort die alleinige Deutungshoheit über den eigenen psychischen Zustand, das verstärkt das Gefühl der Ohnmacht immens“, sagt De Gregorio. Was ist überhaupt verrückt? Und was psychisch krank? Um das herauszufinden, gibt es offizielle Diagnosehandbücher von psychologischen und psychiatrischen Fachgesellschaften und von der Weltgesundheitsorganisation. „Unsere Gesellschaft sagt einfach, der Arzt ist die Fachperson und man macht, was man gesagt bekommt“, so die Kritik De Gregorios daran. Aber sie habe die verstörende Erfahrung gemacht, dass Ärzte oft sehr unterschiedliche Meinungen hatten.

De Gregorio hat sich aufgrund ihrer Erfahrungen viel mit der Sprache, der Geschichte und der Kultur des „Verrücktseins“ beschäftigt. Dies beginne damit, dass viele im Alltag die Worte „verrückt“, „irre“ oder „wahnsinnig“ verwendeten um ein Extrem auszudrücken oder ein gefährliches Verhalten zu beschreiben ebenso wie etwas, was jemand nicht nachvollziehen könnte oder sogar schlicht ablehne. Zum Beispiel würden Menschen, die mit Klimaaktivisten sympathisierten als „wahnsinnig“ bezeichnet oder die Terrororganisation Hamas als „Verrückte“. „Ich frage mich immer ratlos, ob sie alle nicht merken, wie sie mit ihren Aussagen Menschen diskreditieren, und zwar diejenigen, die tatsächlich irgendeine psychiatrische Diagnose haben.“

Viele projizieren alles Mögliche auf Menschen mit psychischen Erkrankungen

Muss die Psychiatrie und das System sich ändern? „Ich will erst einmal überhaupt eine gesellschaftliche Diskussion über Menschenrechte in der Psychiatrie anstoßen“, sagt sie. Es gehe darum, zu zeigen, dass es ein gesamtgesellschaftliches Phänomen sei, wie mit Menschen in Krisen umgegangen werde – innerhalb und außerhalb einer Klinik.

Die Fälle stationärer Behandlungen mit der Diagnose „Psychische und Verhaltensstörungen“ nahmen laut der Soziologin Elena Bakels zwischen 1994 bis 2008 um 46,4 Prozent zu, wie sie in ihrer Einzelfallstudie „Die Psychiatrie aus Sicht (ehemaliger) Patientinnen und Patienten“ schreibt. Sie hat einige Interviews mit Betroffenen geführt, die alle unter der Fremdbestimmung in der Psychiatrie litten.

Jan Dreher, seit mehreren Jahren Chefarzt in der Psychiatrie, ist der Meinung, es habe sich in den letzten Jahren bereits viel geändert. „Früher war der bevormundenden Charakter gegenüber psychisch Erkrankten noch größer“, sagt er. Es existiere in der Gesellschaft nun ein viel höheres Recht auf Selbstbestimmung.

Es ist nicht so, dass sich nichts bewegt. Für bessere Behandlungen fehlt es schlicht an einem: Geld. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (dgppn) schrieb kürzlich in einer Pressemitteilung, für die Psychiatrieforschung seien es „bewegte Zeiten“. Denn dank neuer medizinischer, technologischer und pharmakologischer Methoden könnten heute „komplexe psychische Prozesse“ erforscht und neue Behandlungen für Störungen entwickelt werden. „Präzise und personalisierte Therapieansätze“ rückten in greifbare Nähe. Gleichzeitig, so schreibt die dgppn weiter, stehe die Psychiatrieforschung in Deutschland vor großen strukturellen Herausforderungen. Denn Innovationen würden durch „fragmentierte Förderstrukturen und komplexe regulatorische Prozesse“ ausgebremst.

Zwangsbehandlungen erfolgen nur auf richterlichen Beschluss hin

Auch Jan Dreher kann die Kritik an der Psychiatrie teilweise nachvollziehen, manches könne für Patienten, besonders sehr junge, äußerst irritierend sein. „Aber die Psychiatrie ist ein weites Spektrum an Krankheiten und an Interaktionsbedarf“, sagt Dreher. Rund 90 Prozent der Patienten seien in der Regel freiwillig dort – in der Hoffnung, dass ihnen geholfen wird. Wenn sie keine Medikamente nehmen wollten, müssten sie dies auch nicht tun.

Die anderen zehn Prozent würden aber auf richterlichen Beschluss hin eingewiesen und da gäbe es durchaus Zwangsmedikation oder Zwangsmaßnahmen. „Aber dafür muss die Gefahr für Leib und Leben akut sein“, betont Dreher. „Wenn jemand mit einem Messer durch die Fußgängerzone gelaufen ist, dann geht ja in der Klinik noch eine Gefahr von dieser Person aus.“ Häufig sei es aber auch so, dass durch die Krankheit der Wille, sich behandeln zu lassen, bei einigen Patienten eingeschränkt sei. „Viele vergessen dabei, wie viel sie in einer dreiwöchigen manischen Phase kaputt machen. Da sind schnell mal zehntausend Euro für Drogen oder Prostituierte weg und die Ehe zerstört.“

Menschen mit depressiver Erkrankung sähen ihre Krankheit meistens klarer. Die Spitze des Eisberges sei die psychotische Manie oder Schizoaffektive Störungen, die mit Symptome wie Wahnvorstellungen, desorganisiertem Denken und Sprechen sowie bizarrem und unangemessenem motorischen Verhalten einhergehen. Einmal habe er eine Patientin gehabt, die gegenüber ihm konstant behauptete: „Ich bin doch hier die Chefärztin.“ In solchen Fällen dauere es oft etwas länger, jemand von einer notwendigen medikamentösen Behandlung zu überzeugen. Und ja, viele seien anfangs skeptisch, dass sie ruhiggestellt werden, dass seien nach wie vor das gesellschaftliche Bild der Psychiatrie. „Aber die meisten sind am Ende ganz froh, wenn es ihnen dann besser geht.“

Aber es gebe viele Patienten, die glaubten, es allein zu schaffen. „Aber bei Psychosen geht das nicht“, so seine Erfahrung. Auch eine Psychotherapie helfe da allein nicht, man könne zwar seine Kindheitserfahrungen analysieren, den Stress reduzieren. „Aber dann kriegt man trotzdem wieder eine manische Phase. Da braucht man dann halt Lithium.“

Sie hat sich viel mit Alternativen zur Psychiatrie beschäftigt

De Gregorio wiederum hat viel über Alternativen recherchiert. Sie hat sich dazu mit einem pensionierten Arzt getroffen, Theiß Urbahn, der in Gütersloh eine Akutstation nach dem Konzept der „Soteria“ geleitet hat. Dies ist eine alternative stationäre Behandlung von Menschen in psychotischen Krisen. In einem alltagsnahen Kontext werden Patienten dort mit geringer neuroleptischer Medikation durch ihre Psychose begleitet. Eine Betroffene, mit der De Gregorio dort gesprochen hatte, bezeichnete diesen Ort als „Schutzraum“ mit „Wohnzimmeratmosphäre“.

Auch Roswitha Hurtz, die im Dachverband Deutschsprachiger Psychosen-Psychotherapie aktiv ist und lange Vorsitzende der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Soteria war, sagt in einem Statement in De Gregorios Buch, sie sei der Auffassung herkömmliche Stationen seien oft „katastrophal“. Betroffene brauchten in solchen Situationen Sicherheit und Geborgenheit, viele Stationen in Psychiatrien seien das Gegenteil. Sie wisse, dass Menschen, die dort arbeiteten dies oft selbst nicht wollten, aber es gebe zu wenig Betten und zu wenig Mitarbeiter.

Ihr Studium hat sie geschafft – trotz anderer Prophezeiungen

Lea de Gregorio gefällt das etwas andere Krankheitsverständnis besser, weil man dort Psychosen ebenfalls als Lebenskrise versteht, bei der psychische und soziale Gründe eine Rolle spielten. Und man versuche, mit weniger Medikamenten auszukommen. Ein Arzt in einer Reha habe sie zum Beispiel darauf hingewiesen, die Medikamente müsse sie nun ihr Leben lang einnehmen. Bei einer manisch-depressiven Erkrankung wird häufig prophylaktisch Lithium gegeben, um künftige manische Episoden zu verhindern. Der Arzt in der Reha habe sie an diesem Tag zum allerersten Mal gesehen. Für ein paar Minuten. Dass es ihr ohne die Tabletten besser gegangen ist, habe er nicht hören wollen.

Philosophie hat ihr ebenfalls geholfen

De Gregorio hat letztlich unterschiedliche Therapien gemacht seit ihrem ersten Aufenthalt in der Psychiatrie. Einiges daran schätzt sie, anderes kritisiert sie heute. Aber, sie konnte entgegen der Prognose eines Arztes studieren, sie hat einen Bachelor- und zwei Masterabschlüsse und arbeitet seit einigen Jahren als Journalistin und Autorin. Besonders ihr Studium in Philosophie habe ihr sogar geholfen, das „Verrückte“ besser zu verstehen. Heute brauche sie Medikamente nur noch nach Bedarf. „Ich habe für mich in einer Therapie ein persönliches Frühwarnsystem entwickelt“, sagt sie.

Heilung habe für sie persönlich auch bedeutet, einen Sinn in ihren „Verrückungen“ zu finden. „Aber die Erfahrungen aus der Psychiatrie bleiben – in positiver und negativer Hinsicht“, sagt sie. Und da wünsche sie sich ein Umdenken in der Gesellschaft. Deshalb hat sie ihr Buch unter ihrem echten Namen veröffentlicht. „Um das Tabu zu brechen.“

Dieser Text erschien erstmals am 12.06.2024.

Hintergrund

Leben
Lea De Gregorio wurde 1992 in Hessen geboren. Sie studierte Vergleichende Religions- und Kulturwissenschaft und schloss einen Master in Europäischer Ethnologie sowie einen in Philosophie ab. Sie volontierte bei Amnesty International, heute schreibt sie für überregionale Medien und lebt in Berlin.

Buch
Ihre Psychiatrie- und Gesellschaftskritik ist unter dem Titel „Unter Verrückten sagt man Du“ 2024 bei Suhrkamp erschienen. (nay)

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