Familie mit autistischem Kind Mama, wie findet man Freunde?

Kerstin Bienzle mit ihrem Mann Karl und den Söhnen Laurenz (links) und Ludwig. Mittendrin: Familienhund Max Foto: privat

Der achtjährige Laurenz ist Autist. Ordnung und Struktur geben ihm Sicherheit. Dabei bringt er den Familienalltag mit seiner ganz besonderen Sicht auf die Dinge manchmal selbst durcheinander.

Stuttgart - Bei Familie Bienzle beginnt fast jeder Tag gleich: Aufstehen um kurz vor sechs, Frühstück vorbereiten, fertig machen für Arbeit, Schule, Kindergarten. „Unser Leben ist eigentlich langweilig“, sagt Kerstin Bienzle. Für ihren achtjährigen Sohn ist es so jedoch genau richtig. Laurenz hat eine Autismus-Spektrum-Störung, auch Asperger-Syndrom genannt, und tut sich mit Veränderungen schwer.

 

Gut fünf Jahre ist es her, nicht lange nach seiner Eingewöhnung in den Kindergarten, als die Stuttgarter Eltern zum Gespräch gebeten werden: Laurenz reagiere nicht auf Ansprache, nehme keinen Kontakt zu anderen Kindern auf und beobachte nur. Als die Erzieherinnen unter anderem ihren Verdacht auf Autismus äußern, wehrt die Mutter zunächst ab: „Im ersten Moment dachte ich, die spinnen ja“, erinnert sich Kerstin Bienzle. Doch dann beginnt sie selbst im Internet zu recherchieren und findet schlüssige Erklärungen für manche Verhaltensweisen, die seine Eltern bislang als harmlose Macken abgetan hatten. Einige Untersuchungen später steht die Diagnose fest.

Auf den ersten Blick ist Laurenz ein Junge wie jeder andere

„Der Alltag mit einem autistischen Kind ist anstrengend“, gibt die Mutter zu. „Zieh dich an, putz dir die Zähne, wasch dir die Hände.“ Das sind Aufforderungen, die sie jeden Morgen mantraartig wiederholt. „Laurenz braucht viel Unterstützung bei alltäglichen Dingen, man muss ihm Schritt für Schritt sagen, was zu tun ist.“ Doch mit der Zeit gewöhnt sich die Familie daran, Routinen einzuhalten und Änderungen behutsam einzuführen.

Auf den ersten Blick ist Laurenz ein Junge wie jeder andere. Ihn faszinieren Computer und andere technische Geräte, zu Hause im Garten sitzt er gern auf der Schaukel, und er liebt Freizeitparks. Seine Eltern staunen oft darüber, was er alles weiß und kann. „Wenn man längere Zeit mit ihm zusammen ist, merkt man, dass er besonders ist“, so die Mutter.

Abends plagt den Achtjährigen die Angst vor Geistern und Einbrechern. Einschlafen kann er nur, wenn ein Elternteil bei ihm ist. Umso größer sein Stolz, als er es einmal mithilfe von Familie und Lehrern schafft, bei der Übernachtung in der Schule mitzumachen. Und dann ist da noch seine ganz eigene Sicht auf bestimmte Dinge: Als einmal der Gang zu einer Beerdigung ansteht, nimmt die Mutter ihren Sohn vorher beiseite, erklärt die Situation und bittet ihn, keine Witze zu machen. Laurenz begreift das nicht: „Warum? Die Menschen sind doch traurig und Witze bringen sie zum Lachen.“

Es gibt Momente, da schmerzt es die Mutter, dass ihr Sohn anders ist

Ein anderes Mal ist die Familie bei Freunden zu Besuch. „Na, was macht man?“, fragen die Eltern, als Laurenz der ihm fremden Frau entgegentritt. Doch anstatt ihr zur Begrüßung die Hand zu geben, nimmt er ihr Gesicht in die Hände und küsst sie auf den Mund.

„Mama, wie bekommt man Freunde?“, fragt er seine Mutter einmal. In solchen Situationen schmerzt es Kerstin Bienzle, dass ihr Sohn anders ist als andere. „Ich möchte ihm dann so gern helfen.“ Auf der anderen Seite kann er Nähe nicht gut ertragen und ist eigentlich auch ganz gern allein. Umarmungen weicht er nach Möglichkeit aus oder macht sich dabei steif wie ein Brett. Umso gerührter ist Kerstin Bienzle, als Laurenz sie nach einem gemeinsamen Ausflug ins Legoland von sich aus umarmt und sagt, wie glücklich er sei. „Ich konnte mir ein Tränchen nicht verkneifen“, erinnert sie sich.

Dass Laurenz seinen Weg gehen wird, davon sind seine Eltern überzeugt. „Er braucht einfach mehr Zeit als andere“, sagt Kerstin Bienzle. Nach dem Kindergarten wechselt er in die zugehörige Sonderschule, die ein spezielles Programm für Kinder mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung oder Asperger-Syndrom anbietet. Von der ersten bis zur vierten Klasse werden alle zusammen unterrichtet und behandeln neben den sonst üblichen Schulfächern auch Themen wie Kontaktfähigkeit und Kommunikation, Selbstständigkeit sowie Selbst- und Fremdwahrnehmung. Für Laurenz genau das Richtige: „Er hat einen festen Rahmen, immer die gleichen Abläufe.“

Wichtig sind Auszeiten für die Eltern

Seit dem Ende ihrer Elternzeit mit dem jüngeren Sohn Ludwig widmet sich die 47-Jährige vorrangig der Organisation des Familienalltags und schreibt nebenbei regelmäßig auf ihrem Blog „Tagaus Tagein“ (www.tagaustagein.org) – über Alltagssorgen und Familienausflüge, Kochrezepte und Deko-Ideen, aber auch über das Leben mit ihrem autistischen Sohn. „Darüber kann ich was sagen und ich merke, dass andere sich dafür interessieren.“ Viele Leserinnen und Besucher ihres Blogs hätten Fragen zur passenden Schulform, zum Alltag mit Autismus, zur Urlaubsgestaltung oder wie das mit dem Babysitter funktioniere.

Denn gerade das findet Kerstin Bienzle bei all dem ganzen täglichen Trubel unabdingbar: dass sie und ihr Mann sich ab und zu eine Auszeit nehmen. „Dann gehen wir schön essen, treffen uns mit Freunden oder besuchen ein Konzert. Das ist ganz wichtig, da sich im Alltag doch sehr viel um die Kinder dreht.“ Für Laurenz wünscht sich die 47-Jährige nicht mehr, als dass er auch weiterhin Menschen findet, die ihn so akzeptieren, wie er ist. Alles andere, davon ist sie überzeugt, werde sich fügen.

Weitere Informationen: Was ist Autismus?

Autismus-Spektrum-Störungen gelten als tief greifende Entwicklungsstörungen. Unterschieden wird zwischen frühkindlichem Autismus, atypischem Autismus und dem Asperger-Syndrom. Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten damit, soziale und emotionale Signale einzuschätzen oder auszusenden. Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen oder Verhaltensweisen in bestimmten sozialen Situationen sind häufig nicht angemessen. Charakteristisch bei Menschen mit Autismus sind sich wiederholende Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten. Bestimmte Handlungen oder bedeutungslos scheinende Rituale können für sie besonders wichtig sein. Veränderungen von Handlungsabläufen oder Details der persönlichen Umgebung, etwa der Kleidung oder der Dekoration in der Wohnung, rufen zum Teil starke Reaktionen hervor.

Weitere Informationen zum Thema Autismus gibt es bei autismus Deutschland e. V., dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus (www.autismus.de). Ein berührendes Buch zum Thema ist „Sieben Mal hinfallen, acht Mal aufstehen“ von Naoki Higashida (Rowohlt).

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