Aus der IS-Sklaverei nach Baden-Württemberg Wie die Jesidinnen dem Trauma trotzen

Nadia Murad, die Ikone der Jesidinnen, hat sich anders als viele ihrer Leidensgenossinnen von Baden-Württemberg entfernt. Foto: AFP

Kaum eine der Jesidinnen, die mit Hilfe der Landesregierung nach Baden-Württemberg geholt wurden, möchte wieder in ihre Heimat zurückkehren. Besonders die jüngeren Frauen haben sich integriert – viele ältere hadern noch mit ihrem Schicksal.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Nadia Murad, die jesidische Ikone und Friedensnobelpreisträgerin, hat Baden-Württemberg praktisch den Rücken gekehrt. Sie lebt mit ihrem Mann weitgehend in den USA und versucht von dort aus, die Erinnerung an das Leid ihrer Volksgruppe hochzuhalten. Doch das Gros der 1100 Jesidinnen und Kinder aus dem Sonderkontingent des Landes sind im Südwesten geblieben – und möchten offenbar auch nicht mehr weg.

 

Nach seiner Statistik seien lediglich 15 in ihre Heimat zurückgekehrt, sagt der Donaueschinger Traumataloge Jan Ilhan Kizilhan, ein Initiator der Anfang 2015 gestarteten Regierungsinitiative. Diese Frauen seien eher aus familiären Gründen gegangen, zum Beispiel weil sie das Gefühl hatten, sie würden sonst ihre Eltern im Stich lassen. „Aber zu 99 Prozent wollen diejenigen, mit denen ich spreche, hierbleiben.“

Die meisten Frauen sind in der neuen Heimat angekommen

Mehrheitlich haben sich die Jesidinnen in den fast sechs Jahren demzufolge gut integriert. Viele haben geheiratet, bevorzugt einen Mann aus ihrer Volksgruppe, und sie haben Kinder bekommen. Ein kleinerer Teil ist zu Verwandten in andere Bundesländer gezogen.

Kizilhan hat eine Studie mit 300 Personen gemacht: Demnach haben die Frauen bis zum 23. Lebensjahr schnell Deutsch gelernt und ihre zunächst meist dunkle Kleidung sowie das Kopftuch abgelegt. Heute tragen sie Shirts und Jeans. Die älteren Frauen haben jedoch Mühe, sich hier anzupassen – sie hadern noch mit ihrem Trauma. In einer Kultur, in der Ehre, Schuld und Scham eine hohe Bedeutung haben, ist die erlebte Vergewaltigung eine schwere Belastung. Damit können die jungen Frauen auch infolge der Psychotherapie besser umgehen. „Wir sagen ihnen, dass sie nichts dafür können“, sagt Kizilhan. Nicht alle Jesidinnen verinnerlichen dies.

Manche wünschen nach Jahren noch eine Therapie

Folglich ist der Bedarf an psychosozialer Therapie auch sechs Jahre nach dem Grauen weiterhin vorhanden. In der ersten Phase, berichtet Kizilhan, seien die Frauen mit der Integration beschäftigt gewesen – da wurde das Trauma durch Alltagsdinge überlagert. Dann aber kamen gerade bei den Frauen, die in der IS-Gefangenschaft zwischen 18 und 23 Jahre alt waren, die Erinnerungen hoch. So benötigen manche heute noch eine intensive Betreuung. In der Donaueschinger Klinik, wo der Traumatologe eine Abteilung für transkulturelle Psychosomatik leitet, werden immer wieder Frauen über vier bis sechs Wochen behandelt, denen die ambulante Versorgung nicht ausreicht. Kizilhan kann dort auf Kurdisch sprechende Ärzte und Therapeuten zurückgreifen – ein Sonderfall. Ansonsten gebe es zu wenige muttersprachliche Spezialisten oder darauf geschulte Dolmetscher, bedauert er.

Dutzende Männer der Jesidinnen dürfen nicht einreisen

Bei aller Dankbarkeit für das Sonderkontingent des Landes möchte er einen kritischen Punkt nicht verschweigen: Etwa 30 bis 35 Männer, die zum Start des Hilfsprogramms noch in Gefangenschaft waren oder als verschollen galten, warten noch immer darauf, dass sie auch nach Deutschland einreisen dürfen. Damals sei ihnen von der Landesregierung versprochen worden, dass sie nach zwei bis drei Jahren nachkommen dürfen, sagt der Hochschulprofessor. „Bisher sind sie leider nicht eingetroffen, obwohl sie im weiteren Sinne zum Sonderkontingent gehören.“ Im Innenministerium heißt es dazu, dass es asylrechtliche Probleme gebe. Aus therapeutischer Sicht hingegen ist die Sache für ihn klar: „Die Vereinigung der Frauen mit ihren Männern ist für den Heilungsprozess unheimlich wichtig, damit sie hier endlich ankommen können.“

Institut in Dohuk bildet eigene Therapeuten aus

Ansonsten arbeitet Kizilhan weiter eifrig an einer besseren Vor-Ort-Betreuung im Nordirak: Das von ihm gegründete Institut für Psychotraumatologie an der Universität Dohuk hat im Mai die erste Gruppe von 28 Psychotherapeuten ausgebildet. Die zweite Gruppe wird im Mai 2021 fertig. In diesem Oktober soll mit finanzieller Hilfe des Landes und des Auswärtigen Amtes eine dritte Gruppe beginnen. Ziel ist, 2023 das ganze Institut an die Universität Dohuk zu übergeben, damit sie jährlich zwischen 25 und 30 Therapeuten ausbildet.

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