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Aus FluxFM wird egoFM „Lokalpatriotismus spielt keine Rolle“

Von Martin Elbert 

Alles neu auf der 97,2: FluxFM zieht sich freiwillig zurück und egoFM übernimmt. Keine Angst, die Münchner stehen ebenfalls für musikalische Qualität.

Tschüss FluxFM, hi egoFM: Die Münchner übernehmen den Sendeplatz der Berliner. Foto: egoFM
Tschüss FluxFM, hi egoFM: Die Münchner übernehmen den Sendeplatz der Berliner. Foto: egoFM

Stuttgart - Die gute alte UKW-Frequenz 97,2 - Oldschooler wissen, dass über jene einst das Freie Radio für Stuttgart gesendet hat, ehe man auf die 99,2 wechseln musste - wird zum Jahreswechsel neu belegt: Auf diesem Kanal tönt dann nicht mehr der Berliner Sender FluxFM, sondern das Münchner Pendant egoFM. Vorneweg sei gesagt, dass die Bayern wie die Hauptstädter auf musikalische Qualität setzen und weit vom gängigen Morning-Show-Quiz-Fragen-Mainstream-Radio entfernt sind. Das einzige, das leicht an BigFM, Antenne 1 und Co. erinnert ist die etwas krachigere Moderation, die wiederum bei FluxFm öfters nach wir-machen-bisschen-Radio-ausm-Hobbykeller klang.

Klickt man auf die Playlist laufen auf egoFM z.B. Titel von Mayer Hawthorne, The Black Keys, Jamie XX, The Libertines, Andhim, Disclosure oder Gramatik. Der deutsche Durchschnitts-Radioprogramm-Chef würde wohl bei diesen Interpreten aus Angst vor wegbrechenden Zuhörern Stressattacken bekommen. Die Münchner haben die Eier und ziehen es durch.

Die Berliner fahren eine neue Digitalstrategie

Die Berliner haben natürlich auch immer noch Eier, nur eben nicht mehr im Stuttgarter Äther, sondern verlagern sich zukünftig noch stärker ins Netz. Der Sender hat selbst seine Bewerbung für die Frequenz zurückgezogen, so die Aussage vor gut einem Jahr. Auch in Bremen wurde die örtliche Frequenz aufgegeben, denn die Berliner fahren eine neue Digitalstrategie. Weitere Stellungsnahmen zu dem Thema waren von FluxFM trotz mehrmaligen Nachfragens nicht zu bekommen – die Geschäftsführung ist wohl sehr beschäftigt mit dem Launch der neuen Streams und der App.

Emotional schwer beschäftigt hat auch einige Stuttgarter der Abgang ihres Lieblingssenders, der „einzig ordentliche hier“, natürlich. Die Neuen aus München sind sich bewusst, was Flux in Stuttgart geleistet hat. „Wir werden versuchen, in die Fußstapfen zu passen, die FluxFM hinterlassen hat und wir werden versuchen, auf dem aufzubauen, was Flux bisher in unserem Segment an Arbeit geleistet hat.“, so Fred Schreiber, egoFM-Programmchef. Der Privatsender ging Ende 2008 on Air, die Zielgruppe liegt bei musikinteressierten 18- bis 39-Jährigen und ist bislang via UKW ausschließlich im bayrischen Raum empfangbar.

Bisher ohne eigene Redaktion

Die Expansion nach Baden-Württemberg erfolgt aufgrund der geringen Größe des Senders noch ohne eigene Redaktion. „Wir sind gerade dabei, Content aus Stuttgart in Form von Sendungen in unser Programm einzubinden. Dabei geht es darum, das was die Stuttgarter Szene ausmacht, im Programm abzubilden, Lokalpatriotismus spielt für uns keine Rolle.“ Denn egoFM definiere sich auch nicht als weißblauer Sender, sondern als urbanes Radio, „das versucht Menschen in ihrer urbanen Lebensrealität abzuholen“, so Schreiber weiter. „In dem Sinne unterscheidet sich Stuttgart nicht von München oder Nürnberg.“

Aber wiederum soll und muss sich egoFM so von der direkten (jungen) Radio-Konkurrenz unterscheiden, bei denen die Playlists gerade zur Tageszeit nicht gerade vor Urbanität strotzen, sondern eben den Massengeschmack befriedigen (müssen). Klar ist auch, dass für die 97,2 schon immer eine „alternative Musikfarbe fernab des Mainstreams“ von der Frequenz-vergebenen Landesanstalt für Kommunikation (LFK) gewünscht war und ist.

Radioarbeit entsteht aus einem Bauchgefühl heraus

Diese Expansion bedeutet wiederum auch, dass sich Qualität in der deutschen Radiolandschaft doch durchsetzen kann, ohne ständig auf den vermeintlichen „Massengeschmack“, was auch immer das heutzutage ist, einzugehen. „Radiomachen ist zum einen Zielgruppenangelegenheit, zum anderen etwas, was man aus einem Bauchgefühl heraus betreiben sollte“, meint Fred Schreiber. „Wir versuchen relevante Musik abseits des Mainstreams zu verbreiten und dabei auch das zu unterstützen, was wir mögen.“ In den Zeiten der allgegenwärtigen Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Musik und der unbegreiflichen Masse an Interpreten und Stilen sei egoFM auch eine Filterfunktion. „Der Zugang zu Musik ist natürlich erheblich leichter als noch vor 10 oder 20 Jahren. Umso schwieriger ist es aber, sich aus dem Angebot das zu filtern, was interessant ist.“

Ab Januar 2016 kann man diesen Filter auf der gewohnt schwachen UKW Frequenz 97,2 im Stadtgebiet hören. Auf die relativ bescheidene Kraft der Welle angesprochen, verweist Schreiber gerade bei einem Sender wie dem ihrigen auf die Wichtigkeit des Live-Streamings. „Am Ausbau unseres Streamingangebots arbeiten wir gerade.“




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