Aus für Demis Volpi als Intendant Hamburger Ballett wird Baustelle

Im Oktober 2022 hatte Demis Volpi als designierter Nachfolger von John Neumeier den Hamburger Kultursenator Carsten Brosda (rechts) an seiner Seite. Nun wurde Volpis Vertrag als Hamburger Ballettintendant aufgelöst. Foto: Georg Wendt/dpa

Das Aus für Demis Volpi als Ballettchef in Hamburg wirft nicht nur wegen der Kritik aus dem Ensemble Fragen auf. War der Übergang in die Zeit nach John Neumeier schlecht vorbereitet?

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Getanzt wurde sogar in Sneakers. Und so viel Wumms, urteilte ein Kritiker, habe die Musik in der Hamburger Staatsoper selten. Im vergangenen September, als Demis Volpi seinen Einstand als Nachfolger von John Neumeier gab, war die Ballettwelt in Hamburg noch in Ordnung; auch das Publikum bejubelte die Premiere von „The Times Are Racing“, einem Programm, das mit vier Stücken von der Tanztheater-Ikone Pina Bausch bis zum US-Choreografen Justin Peck einen Bogen über 50 Jahre Tanzgeschichte schlug.

 

Die Zeit rast? Neun Monate später hat sich der Titel von Volpis Hamburger Debüt auf ungute Weise bewahrheitet. Das Tempo, mit dem die Kompanie und ihr neuer Intendant negative Schlagzeilen produzieren, ist tatsächlich rasant. Nach Kündigungen von Solisten und Vorwürfen aus dem Ensemble („toxisches Arbeitsklima“) wurde am Dienstag die Reißleine gezogen. „Aufsichtsrat der Hamburgischen Staatsoper und Demis Volpi einigen sich einvernehmlich auf Auflösungsvertrag“ lautete der Betreff der Nachricht, die die sofortige Trennung öffentlich machte.

Mehr Sorgfalt für Volpis Nachfolge

Der letzte Satz der Pressemitteilung lässt aufhorchen. Zitiert wird da der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda, der sich von einer nun zu findenden Interimsleitung eine Fortsetzung der bisherigen Planungen wünscht. Brosda kündigt an: „Parallel werden die Voraussetzungen für eine langfristige Nachfolge sorgfältig geschaffen.“

Man ahnt, dass es beim Start von Demis Volpi eben daran mangelte – an der Sorgfalt, mit welcher die Verantwortlichen den Übergang von der Ära John Neumeier vorbereitet haben. Die währte immerhin fünfzig Jahre. Ein Blick nach Stuttgart, wo Reid Anderson 1996 die Leitung des Balletts von Marcia Haydée übernahm (und Demis Volpi 2013 zum Hauschoreografen ernannte), hätte die Größe der Aufgabe andeuten können.

Haydée, erst Primaballerina, dann Ballettdirektorin, stand für drei Jahrzehnte Kontinuität; Anderson, der für die Verjüngung des Stuttgarter Balletts personelle Veränderungen vornehmen musste, haftete zu Beginn im Ensemble der Ruf einer „Grauen Eminenz“ an, die für Unruhe und Verwerfungen sorgte.

Auch in Hamburg war Veränderung gewollt; dafür war Demis Volpi aufgrund der Empfehlung einer international besetzten Findungskommission vom Ballett am Rhein geholt worden. Gegenwind hatte er an der Alster von Anfang an. Neben dem Altmeister Neumeier schien der Deutsch-Argentinier Volpi ersten Stimmen als zu leichtgewichtig. „Wenn ein Künstler eine Kompanie so lange geprägt hat, dann ist es okay, dass es über seine Nachfolge verschiedene Meinungen gibt“, sagte Demis Volpi nach seiner Ernennung. „Da wird es immer Erwartungen geben, die unerfüllbar sind. Und dass nicht alles auf Anhieb gelingen kann, gehört zur Kunst dazu. Das ist Teil der Suche, auf die wir uns jeden Tag begeben.“

Kritik an Arbeitsweise und Abwesenheiten

Kein leichter Weg ohne den Beistand derjenigen, die ihn nach Hamburg verpflichtet hatten. Der bröckelte schnell, nachdem aus dem Ensemble Kritik an Volpis Arbeitsweise, an seinen langen Abwesenheiten und an seiner künstlerischen Relevanz laut wurde. Volpi konterte die Vorwürfe vor der Kamera des NDR: Seine Tür sei immer offen, Reisen ließen sich für einen jungen Intendanten auf der Suche nach neuen Impulsen für seine Kompanie nicht vermeiden, die als zu „banal“ bemängelten Ballette sorgten beim Publikum für Begeisterung.

Vor allem aber zeigte sich Volpi verwundert darüber, dass seine Tänzer für ihre Kritik nicht den internen Dialog, sondern die mediale Öffentlichkeit suchten. Zuspruch erhielt der Hamburger Ballettchef dann aus der Ferne von Marcia Haydée und dem aktuellen Stuttgarter Intendanten Tamas Detrich. Diese richteten in einem Schreiben einen Appell an Kultursenator Brosda, Demis Volpi beim Lösen der Spannungen zu unterstützen. Mitunterzeichnende wie William Forsythe, Hans van Manen, Christian Spuck und andere gaben dem Brief an Brosda Nachdruck.

Darin wird den Tänzerinnen und Tänzern, die zum Ende der Saison gekündigt haben, eine Blockadehaltung vorgeworfen. Sie beschuldigten Volpi einer toxischen Kultur, seien aber „ironischerweise diejenigen, die dafür sorgen, dass niemand es wagt, sich an einem Prozess zu beteiligen, um Meinungsverschiedenheiten auf überlegte und produktive Weise zu lösen“, heißt es in dem Schreiben.

Nüchterne Stellungnahme des Aufsichtsrats

Doch auch dieser prominente Beistand konnte keine Bewegung in die verfahrene Situation in Hamburg bringen. Die für die Staatsoper Verantwortlichen wirkten wie paralysiert, war aus Volpis Umfeld zu hören. Entsprechend nüchtern fällt die Stellungnahme des Aufsichtsrats nun bei der Trennung aus: „Wir bedauern, dass es nicht gelungen ist, eine gemeinsame Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit im Hamburg Ballett zu schaffen“, heißt es da, endend mit guten Wünschen für den „weiteren beruflichen Weg“ von Demis Volpi. Der ist nun eine Baustelle – wie auch die Situation am Hamburger Ballett.

Info

Person
Erst Cranko-Schüler, dann Tänzer des Stuttgarter Balletts, schließlich sein Hauschoreograf: die Karriere Demis Volpis ist eng mit Stuttgart verbunden. Mit entsprechendem Interesse verfolgt man deshalb den Weg des gebürtigen Argentiniers, der hier mit „Krabat“ und der Operninszenierung „Tod in Venedig“ Spuren im Repertoire hinterließ und wie John Neumeier sein Debüt als Choreograf bei einem Noverre-Abend gab.

Kritik
In Stuttgart musste Volpi auch lernen, mit Gegenwind umzugehen – 2016 wurde sein Vertrag als Hauschoreograf nicht verlängert. Der damalige Intendant Reid Anderson sah Volpis Begabung eher im Geschichtenerzählen und Theatermachen, nicht in der Choreografie, so die Begründung für die Trennung.

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